Marsha Alekhina , 2018 © Oliver Abraham
Marsha Alekhina , 2018 © Oliver Abraham

Text und Interview: Ute Noll

Oliver Abraham porträtiert seit 2014 in seiner fortlaufenden Serie Freedom of Speech Journalist*innen, Aktivist:innen, Intellektuelle und Künstler*innen, die sich mit Überwachung und Pressefreiheit auseinandersetzen und öffentlich Stellung beziehen, darunter Pussy Riot und Yanis Varoufakis. Daneben arbeitet er an den Serien Portraits of Artists sowie Evidence Based, einer Serie über Wissenschaftler*innen während und nach der Corona-Pandemie. Abraham wird von der Galerie Julian Sander vertreten. Geboren 1972 in Köln, studierte er von 2001 bis 2004 als Meisterschüler bei Prof. Arno Fischer an der Schule für Fotografie am Schiffbauerdamm in Berlin.
 

Sie arbeiten mit einer 8x10-Großformatkamera, einem Geschenk eines Werbefotografen. Was macht dieses Format so besonders für Ihr Verhältnis zum Menschen vor der Linse?
Seit ich die Kamera vor 25 Jahren geschenkt bekommen habe, arbeite ich größtenteils mit diesem Format. Es ist eine sehr behäbige Art zu fotografieren, aber genau darin liegt ihre Stärke. Es ist eine Art Urzustand des fotografischen Prozesses: helle Kammer, seitenverkehrtes Bild, Tuch, natürliches Licht und lichtempfindliche Schicht. Ich habe den Eindruck, dass dieser Augenblick des Innehaltens von beiden Seiten, vom Porträtierten wie vom Fotografen, im besten Fall den Fotografien etwas Besonderes verleiht. Ich denke, dass dieses Format das Sehen schult und dem Porträtierten ermöglicht, sich zu sammeln und bewusst sichtbar zu werden, ein Prozess der bewussten Reduktion, ähnlich wie beim Kochen mit wenigen, guten Zutaten.

Stéphane Hessel, 2012 © Oliver Abraham
Stéphane Hessel, 2012 © Oliver Abraham

Ihr Großvater war Porträtfotograf, doch Sie haben ihn nie kennengelernt. Trotzdem scheint er Sie geprägt zu haben. Was bedeutet diese Prägung für Ihre fotografische Arbeit?
In meiner Familie wurden viele Geschichten über meinen Großvater erzählt. Er war Porträtfotograf im Saigon der 1950er und 60er Jahre und porträtierte unter anderem die südvietnamesische First Lady Madame Nhu. Das war für mich als Kind eine ferne, mysteriöse Welt. Als ich 2012 den Diplomaten und Widerstandskämpfer Stéphane Hessel porträtierte, erzählte er mir, er habe Madame Nhu aus seiner Zeit in Vietnam gut gekannt. In diesem Moment wurde mir die alte Welt meines Großvaters plötzlich nähergebracht, und ich glaube, man spürt es dem entstandenen Porträt an. Einerseits erlebe ich mit der fotografischen Arbeit eine Art Aufarbeitung von Vergangenheit und Prägungen, andererseits entwickle ich daraus neue Erfahrungen und ein eigenes Narrativ.

David Lynch, 2010 © Oliver Abraham
David Lynch, 2010 © Oliver Abraham

Was braucht es, damit aus einer Aufnahme ein Bild wird, das etwas über die Person zeigt und nicht nur ihr bekanntes öffentliches Gesicht wiederholt?
Im Zentrum steht das Interesse an dem Menschen, seiner Lebensgeschichte oder Tätigkeit, unabhängig davon, ob der Porträtierte bekannt ist. Dieses Interesse ist die Voraussetzung, gute Bilder zu machen und nicht nur Abbilder zu reproduzieren. Es ist das, was Porträtfotografie von KI unterscheidet, das Salz in der Suppe. Im Idealfall entsteht eine Einheit zwischen Bild und Person, wie bei Richard Serra, sodass das Porträt auch die Eigenheit dieses Menschen erzählt.

Bei manchen Porträtierten entstehen bis zu 50 Aufnahmen, bei anderen nur vier. Wann beenden Sie eine Porträtsitzung?
Wie viele Aufnahmen entstehen, ist sehr unterschiedlich. Julian Assange war dabei eine Ausnahme: In der ecuadorianischen Botschaft in London habe ich 2014 mehr als 50 Aufnahmen gemacht, mit Blitzlicht, da er aus Angst um sein Leben nicht auf den Balkon wollte. Gelegentlich mache ich auch nur zwei oder vier Aufnahmen, wie beispielsweise bei David Lynch. Ich hatte eine bestimmte Vorstellung, wie ich ihn darstellen wollte: in sich gekehrt, meditierend. Nach vier Aufnahmen war das erreicht. Wenn ich das Gefühl habe, mehr ein Abbild zu fotografieren als ein Bild zu machen, dann beende ich die Sitzung, da sich die entstehenden Fotos nur wiederholen.

Julian Assange, 2014 © Oliver Abraham
Julian Assange, 2014 © Oliver Abraham

Wie ist aus Ihren Künstlerporträts die politische Serie Freedom of Speech entstanden, die von einem Text Noam Chomskys begleitet ist, der hinter den Porträts verborgen ist und entdeckt werden muss?
Die Künstlerporträts habe ich vor 20 Jahren angefangen. Ich fragte mich, was die Porträts von Taryn Simon, Jenny Holzer und Patti Smith gemeinsam haben. Daraus habe ich dann meine Serie Freedom of Speech entwickelt, an der ich mehr als zehn Jahre arbeite, eine Auswahl, die aus sehr persönlichen Kontakten entstanden ist. Sie umfasst mittlerweile nicht nur Künstler, sondern auch Journalisten, Philosophen und Schriftsteller. Insgesamt sind etwa 50 Porträts entstanden. Den Begriff Freedom of Speech habe ich damals gewählt als Ausdruck journalistischer Freiheit und des Strebens nach Wahrheit, als edles Gut des gemeinschaftlichen Lebens. In jüngster Zeit wurde er leider von politisch rechten Rändern gekapert und umgedeutet, was der Serie eine größere Aktualität verleiht. Die Protagonisten arbeiten teilweise im Verborgenen. Ihre Namen sind bekannt, ihre Gesichter oft nicht. Auf der Rückseite der Porträts, etwas verborgen, platzierte ich einen Text des Linguisten und Medienkritikers Noam Chomsky über unabhängigen Journalismus. Man musste genauer hinschauen, um ihn zu lesen. Unabhängig von diesem Text sind meine Porträts dieser Serie auch politische Dokumente.

Martha Parsey, 2004 © Oliver Abraham
Martha Parsey, 2004 © Oliver Abraham

Sie sagen, ein Porträt sei immer auch ein unwiederbringlicher Moment. Was unterscheidet diesen Moment heute von Bildern, die auch ganz ohne ihn entstehen können?
Heute entstehen Bilder fast beiläufig, im Sekundentakt, tausende Handyfotos am Tag. Bilder, die mit der Großformatkamera entstehen, haben etwas Bleibendes, sie sind näher an einem gemalten Bild als an einem Schnappschuss. Ein gutes Beispiel ist das Porträt meiner heutigen Frau Martha Parsey, 2004 mit der Großformatkamera entstanden. Es hält genau den Moment unseres Kennenlernens fest. Diesen Augenblick kann man später nicht noch einmal einfangen, er wird zum Dokument, gerade weil er nicht wiederholbar ist.

Porträt Oliver Abraham © Costa Belibasakis
Porträt Oliver Abraham © Costa Belibasakis

Was hat die Fotografie Ihnen abverlangt, und war es das wert?
Das klingt ja fast nach einer Strafe (lacht). Nein, aber ich verstehe die Frage. Trotz des großen Aufwands und der Behäbigkeit des Prozesses habe ich noch immer dieselbe Faszination für das Medium wie am ersten Tag, als ich meinen ersten Abzug in der Dunkelkammer gemacht habe oder die überdimensionalen Barytprints vorsichtig aus dem Wässerungsbad gerollt habe, damit sie nicht einreißen. Wenn man solche besonderen Momente erleben kann wie das Treffen mit Stéphane Hessel oder das Porträt meiner heutigen Frau, dann war es das auf jeden Fall wert.

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