Armadillo, Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) überquert in der Abenddämmerung eine Landstraße, Hill Country, Texas, USA, 2001. Aus dem Projekt “The Way to Armadillo” über den Siegeszug des Gürteltieres in Texas.
Armadillo, Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) überquert in der Abenddämmerung eine Landstraße, Hill Country, Texas, USA, 2001. Aus dem Projekt “The Way to Armadillo” über den Siegeszug des Gürteltieres in Texas.

Interview und Text: Ute Noll

Hans-Jürgen Koch und Heidi Koch zählen zu den eigenwilligsten Stimmen der deutschen Fotografie. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeiten sie gemeinsam und haben eine eigene Bildsprache entwickelt, die sie selbst Lebensformfotografie nennen. Ihre Arbeiten reichen von Hausmäusen und Flöhen über Labortiere und Bisons bis hin zu großen Menschenaffen und verbinden dokumentarische Beobachtung mit wissenschaftlichem Interesse. Sie haben mehrere Bücher publiziert wie Thank you, Mouse!, Fiese Gewächse und solche mit krimineller Vergangenheit sowie Buffalo Ballad, das vielfach ausgezeichnet wurde. Ihre Arbeit ist geprägt von wissenschaftlicher Neugier, politischem Bewusstsein und einer Empathie, die auch dem Unscheinbaren und Unerwünschten gilt. Für ihr Gesamtwerk erhielten sie 2011 den Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh).

Sie bezeichnen sich als Lebensformfotografen. Wie ist dieser Begriff entstanden, und was beschreibt er für Ihre Arbeit?

Das Wort bündelt, was uns wichtig ist: Leben, Form und Fotografie. Diese drei Aspekte bilden unsere Grundlage und zugleich eine Haltung zur Welt. Tierfotografen wollten wir nie sein. Eine Möwe ist eine Möwe, das reichte uns nicht. Unser Ziel war es, mehr zu erzählen, mehr Zusammenhänge sichtbar zu machen. Im Laufe der Jahre ist unsere Arbeit vielschichtiger geworden.

Bison oder Amerikanischer Büffel (Bison bison), adulter Bulle zeigt seine Breitseite, befindet sich im Fellwechsel und verliert das dicke Winterfell, Bad River Ranch (Ranch von Ted Turner), Fort Pierre, South Dakota, USA, 2011; aus dem Projekt „Buffalo Ballad“ über die Geschichte des Bisons.
Bison oder Amerikanischer Büffel (Bison bison), adulter Bulle zeigt seine Breitseite, befindet sich im Fellwechsel und verliert das dicke Winterfell, Bad River Ranch (Ranch von Ted Turner), Fort Pierre, South Dakota, USA, 2011; aus dem Projekt „Buffalo Ballad“ über die Geschichte des Bisons.

Sie kommen nicht aus der klassischen Fotografie. Wie hat das Ihren Zugang beeinflusst?

Heidi Koch: Wir haben das nie gelernt. Hans-Jürgen ist Verhaltensforscher, ich habe Sozialarbeit studiert. Früh hieß es: Ihr macht euer Ding. Damals wussten wir gar nicht, was das bedeutet. Heute ist es wohl die Kombination aus Geradlinigkeit, einer gewissen Sturheit und dem Wunsch, Wissen zu vermitteln.

Hans-Jürgen Koch: Wir wollten hinaus in die Welt, Fotografie wurde unser Mittel. Wenige Wochen nach der Selbstständigkeit rief der Stern an und wollte Hausmäuse – so wie sie noch niemand gesehen hatte. Das war ein großer Erfolg. Vielleicht hat gerade dieses Nicht-Wissen in Verbindung mit konsequentem Arbeiten den Ausschlag gegeben.

Ihre Arbeiten zeigen Tiere selten isoliert, sondern in größeren Zusammenhängen. Hat sich das im Laufe der Zeit entwickelt?

Unsere Arbeit ist ohne den Menschen nicht zu denken, selbst wenn keiner im Bild ist. Wir haben historische Mausefallen fotografiert: keine Maus, kein Mensch und dennoch sagen die Bilder etwas über die menschliche Psyche aus. Bei Buffalo Ballad hieß es, es sei fast ein politisches Buch, weil wir erklären, warum die großen Bisonherden massenhaft getötet wurden. Das hat uns bestätigt.

„Die Menschen-Maus-Werdung“, Labormaus, Stamm "BalbC", unterschiedliche Körperhaltung, aus dem Projekt „Thank You, Mouse“, Berlin, Deutschland, 2003. Projekt über die Bedeutung der Labormaus für den Menschen.
„Die Menschen-Maus-Werdung“, Labormaus, Stamm "BalbC", unterschiedliche Körperhaltung, aus dem Projekt „Thank You, Mouse“, Berlin, Deutschland, 2003. Projekt über die Bedeutung der Labormaus für den Menschen.

Was heißt für Sie konkret, Tiere so zu zeigen, wie sie sind? Und wie zeigt sich dabei Ihre Verantwortung als Fotograf*innen?

Respekt heißt: ein Tier so zu zeigen, wie es ist – nicht so, wie wir es uns wünschen. Tiere stinken. Tiere sind gefährlich. Klassische Naturfotografie reduziert Natur oft auf das Schöne. Das reicht uns nicht und trifft die Realität nicht. Wie Natur aussieht, sollte nicht von einer einzigen Bildsprache bestimmt werden.

Welche Rolle spielt Empathie in Ihrer Arbeit – vielleicht anhand eines konkreten Projekts?

Eine zentrale. Besonders bei Tierliebe: Begegnungen mit Menschen, die eine außergewöhnliche Beziehung zu einem Tier haben. Das war teils befremdlich. Trotzdem wollten wir nicht urteilen, sondern verstehen, warum jemand ein Kaninchen über alles liebt. Das gilt auch für unsere Aufnahmen von Labormäusen. Die Serie heißt Thank You, Mouse! Die Labormaus ist neben dem Menschen das genetisch am gründlichsten untersuchte Lebewesen. Sie ist unser Stellvertreter. Wir wollten Danke sagen. Von Tierliebe sprechen wir hier nicht. Respekt trifft es besser.

Orang-Utan-Weibchen Sita, eingehüllt in ein künstliches Kuhfell; aus dem Projekt „Primate Couture“ über die biologischen Wurzeln der Mode; Zoo Krefeld, 2004.
Orang-Utan-Weibchen Sita, eingehüllt in ein künstliches Kuhfell; aus dem Projekt „Primate Couture“ über die biologischen Wurzeln der Mode; Zoo Krefeld, 2004.

Würden Sie sich vor diesem Hintergrund selbst als Künstler*innen oder als Dokumentarfotograf*innen bezeichnen?

Wir sind bodenständige Fotografen und verwenden den Begriff „Künstler“ nicht inflationär. Auch Dokumentarfotografie greift zu kurz. Unsere Arbeiten sind immer Interpretation, nie reine Dokumentation. Genau in diesem Sinne schätzen wir auch Werner Herzog: Situationen ermöglichen, beobachten, was entsteht, und möglichst wenig eingreifen.

Alpenveilchen (Cyclamen spec.). Alpenveilchen („Omas Liebling“) vor Blümchen-Tapete. Aus dem Projekt „Fiese Gewächse und solche mit krimineller Vergangenheit“ über Giftpflanzen, Deutschland, 2020.
Alpenveilchen (Cyclamen spec.). Alpenveilchen („Omas Liebling“) vor Blümchen-Tapete. Aus dem Projekt „Fiese Gewächse und solche mit krimineller Vergangenheit“ über Giftpflanzen, Deutschland, 2020.

Lässt sich diese Art zu sehen bewusst entwickeln, oder entsteht sie eher aus Erfahrung?

Das ist schwer zu erklären. Zwanzig Fotografen sehen dasselbe Motiv unterschiedlich. In Alaska warteten alle auf den Lachs im Maul des Bären. Uns hingegen interessierte das nasse Fell, das Wasser auf der Schnauze. Dafür haben wir viele Filme verbraucht. Was den Blick formt, wissen wir nicht genau. Vielleicht ist das gut so. Wolfgang Benken sagte einmal: „Die Kochs sehen, was andere übersehen.“

Portrait der Fotografen Heidi & Hans-Jürgen Koch, fotografiert von Volker Wenzlawski.
Portrait der Fotografen Heidi & Hans-Jürgen Koch, fotografiert von Volker Wenzlawski.

Welche Bedeutung haben Texte neben der Fotografie für Sie?

In den vergangenen Jahren haben wir unsere Bücher selbst geschrieben, weil das unserer Art entspricht. So, wie wir fotografieren, versuchen wir auch zu schreiben. Wir haben kein Theoriengebäude. Wir suchen uns unsere Zutaten aus ganz unterschiedlichen Richtungen zusammen: aus Musik, Literatur und vielem mehr. Das kommt aus uns heraus, nicht aus einem Konzept. Nicht jeder versteht, wie wir denken. Aber wer es tut, sieht in unseren Bildern auch das, was nicht zu sehen ist.

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