
Text und Interview: Ute Noll
Heike Ollertz ist Fotografin, Lehrende und Netzwerkerin. Seit März 2023 ist sie Geschäftsführerin des Berufsverbands Freelens, dessen Mitglied sie bereits seit 25 Jahren ist. Von 2014 bis 2023 war sie Professorin für Dokumentarfotografie an der University of Europe for Applied Sciences und ab 2017 Dekanin des Fachbereichs Art & Design in Berlin und Hamburg. Geboren 1967 im Ruhrgebiet, aufgewachsen in Hamburg, absolvierte sie ihre Ausbildung am Lette-Verein und studierte anschließend Visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste Berlin. Dort entstanden ihre multimedialen Langzeitdokumentationen über das WMF, einen prägenden Ort der Berliner Clubkultur der 1990er-Jahre. Anschließend fotografierte sie Reisereportagen in mehr als 30 Ländern, unter anderem für das Magazin Mare, mit dem sie seit seiner Gründung eng verbunden ist. Seit ihrer Arbeit auf Island für ihren Mare-Bildband (2012) richtet sie ihren fotografischen Blick zunehmend auf die sichtbaren Veränderungen arktischer Landschaften im Anthropozän. 2021 gehörte sie zum Gründungsteam der Hamburg Portfolio Review, einem internationalen Netzwerk, das Fotograf*innen mit Bildredaktionen und Fotofestivals zusammenbringt.
Wie würden Sie Ihre fotografische Arbeit heute beschreiben?
Ich arbeite heute neben meiner Tätigkeit bei Freelens und meinem Engagement für die Hamburg Portfolio Review weiterhin für das Magazin Mare. Seit einigen Jahren begleite ich Reisen des Mare-Schiffes MS Cape Race in die Arktis. Ausgehend von meiner Arbeit auf Island beschäftige ich mich zunehmend mit der Frage, wie menschliche Eingriffe und klimatische Veränderungen in arktischen Landschaften sichtbar werden. In Island zeigen sich diese Eingriffe besonders deutlich durch Massentourismus, Energieinfrastruktur und die Aluminiumindustrie. Die Arktis erwärmt sich etwa viermal schneller als der globale Durchschnitt. Ähnliche Spannungsverhältnisse beobachte ich auch in Grönland, Spitzbergen und Nordnorwegen: Landschaften, die als weitgehend unberührt wahrgenommen werden, sind längst in globale wirtschaftliche und klimatische Prozesse eingebunden.
Wie gehen Sie damit um, wenn sich beim Fotografieren nicht alles planen lässt?
Ein gutes Beispiel ist das kleine gelbe Sommerhaus auf Island. Ich hatte den Ort recherchiert und eine Nacht ausgewählt, in der dort Nordlichter zu erwarten waren. Entgegen der Wettervorhersage zog jedoch ein Schneesturm auf, und ich konnte das Haus nur im Licht meiner Autoscheinwerfer sehen. Dadurch entstand eine Bildwirkung, die ich so nicht hätte planen können. Der Zufall hat sich in meiner Arbeit schon öfter als ein hervorragender Gestaltungsgehilfe erwiesen.
Woran erkennen Sie, dass ein Bild oder eine Serie wirklich gut ist?
Daran, dass sich die Betrachtung nicht im ersten Eindruck erschöpft, sondern Raum für unterschiedliche Lesarten bleibt und auch mit zeitlichem Abstand noch Gedanken, Erinnerungen oder Emotionen ausgelöst werden. In meiner Arbeit merke ich das daran, dass ich auch nach Jahren noch nachvollziehen kann, warum ich ein Bild oder eine Serie genau so entwickelt habe, und dass sie mich weiterhin berühren. Qualität hat eine Arbeit für mich, wenn sie mich emotional berührt, mich zum Staunen bringt oder überraschend ist.
Fotografie galt oft als Beleg dafür, dass etwas wirklich geschehen ist. Was verändert sich an dieser Rolle, wenn kaum noch zu unterscheiden ist, was echt und was generiert ist, und was folgt daraus für die Ausbildung kommender Generationen?
Ich nehme wahr, dass das Vertrauen vieler Menschen in Medien und in die Glaubwürdigkeit von Fotografie abnimmt. Als Gesellschaft kommen wir mit der technologischen Entwicklung rund um bildgenerative KI kaum hinterher. Generierte Bilder sind immer schwerer von authentischen zu unterscheiden. Viele Kolleg:innen werden ihre Geschäftsmodelle neu denken müssen. Für die dokumentarische Fotografie sehe ich die Chance auf eine neue Wertschätzung. Im künstlerischen Bereich ist bildgenerative KI ein Werkzeug, das neue Möglichkeiten eröffnet. Umso wichtiger ist es, an Schulen und Hochschulen visuelle Kompetenz zu vermitteln.
Welche fotografischen Ansätze haben für Sie über längere Zeit hinweg Bedeutung behalten, und warum?
Die dokumentarische Fotografie in all ihren Facetten, von der klassischen Reportage bis zu subjektiv geprägten künstlerischen Ansätzen. Dazu gehören die visuellen Tagebücher von Nan Goldin, die dystopischen Landschaften von Todd Hido und das Werk von Ragnar Axelsson, den ich während meiner Arbeit auf Island mehrfach getroffen habe. Nan Goldins radikale Offenheit, mit der sie intime Beziehungsstrukturen, Abhängigkeiten und Verletzlichkeit sichtbar macht, hat mich als junge Fotografin tief beeindruckt. Bei Todd Hido ist es vor allem die Bildsprache, die mich fesselt. Ich empfinde dabei fast so etwas wie eine visuelle Seelenverwandtschaft. Ragnar Axelsson bewundere ich für seine Haltung, seine Hartnäckigkeit und seine Menschlichkeit. In seinen Bildern liegt eine tiefe Trauer über das, was Menschen einander und ihrer Umwelt antun.
Gibt es einen Moment in Ihrer Laufbahn, in dem Sie für eine fotografische Überzeugung oder ein Projekt etwas riskiert haben, beruflich, persönlich oder finanziell? Was hat das bei Ihnen verändert?
Als ich Anfang 2008 meine Festanstellung am Lette-Verein aufgegeben habe, um wieder vollständig frei arbeiten zu können, war das durchaus mit einem Risiko verbunden. Der Rahmenvertrag vom Jahreszeiten Verlag war für mich jedoch inakzeptabel, weil er die Verwertungsrechte der freien Fotograf*innen erheblich einschränkte. Ich habe das Angebot deshalb abgelehnt. Bereut habe ich diese Entscheidungen nicht. Im Rückblick war mir wichtiger, bestimmte Arbeiten gemacht und andere bewusst abgelehnt zu haben, als jede wirtschaftliche Gelegenheit mitzunehmen. Mein Wechsel zu Freelens war ein Sprung. Die Jahre, die vor mir liegen, sind weniger als die, die hinter mir liegen, und ich wollte diese Zeit bewusst nutzen, um mich noch einmal ganz einer Aufgabe zu widmen, die mir berufspolitisch wichtig ist. Persönlich gab es auf meinen Reisen immer wieder Situationen, die nicht ganz ungefährlich waren, Momente, von denen ich zu Hause lieber erst im Nachhinein oder nur sehr verkürzt erzählt habe.





