
Interview und Text: Ute Noll
Adelheid Komenda ist seit Februar 2021 wissenschaftliche Referentin für den Fachbereich Fotografie am LVR-Landesmuseum Bonn. Sie ist promovierte Kunsthistorikerin und wurde in Sebnitz/Sachsen geboren. Von 2011 bis 2019 war sie für die Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig als stellvertretende Geschäftsführerin tätig. 2019 war sie Mitautorin des Katalogs Fotografie in der Weimarer Republik und Mitkuratorin der dazugehörigen Ausstellung im LVR-Landesmuseum Bonn. 2024 kuratierte sie gemeinsam mit Kolleg*innen aus Dresden und Hamburg die erste große Retrospektive des Fotojournalisten Dirk Reinartz, bekannt für seine sozialdokumentarischen Arbeiten zu Deutschland. In der DGPh-Arbeitsgruppe 89+ Fotoperspektive Ost war sie an allen drei bisherigen Symposien zu Prägungen, Erbe und Perspektiven der ostdeutschen Fotografie beteiligt, zuletzt in Halle (Saale). Ihr Schwerpunkt liegt in der Dokumentar- und Porträtfotografie, dem Kernbereich der Sammlung, zu der unter anderem die Nachlässe von Liselotte Strelow und Angela Neuke gehören.
Wie würden Sie Ihre Arbeit heute beschreiben?
Ich habe das Privileg, an einem großen Haus mit kulturhistorischer Ausrichtung zu arbeiten. Die Fotografie ist dort zwar das jüngste und kleinste Sammlungsgebiet, wirkt aber mit hoher zeithistorischer Relevanz auf ganz unterschiedliche Zielgruppen. Dadurch wird sie zwangsläufig in einen größeren musealen Kontext eingebunden. Ein Beispiel dafür ist unsere langjährige Zusammenarbeit mit der Deutschen Fotothek Dresden und der Stiftung F.C. Gundlach in Hamburg seit 2015. Drei Häuser mit unterschiedlichen Beständen, die sich bewusst zusammenfinden, um kulturhistorisch übergreifende Ausstellungen zu konzipieren, etwa Fotografie in der Weimarer Republik, oder um Nachlass- und Archivbestände der Partnerhäuser zu zeigen, etwa das Werk von Dirk Reinartz, dessen Nachlass bei der Fotothek Dresden und der Stiftung Gundlach liegt.
Können Sie ein Beispiel für einen Nachlass nennen, den Sie besonders hervorheben möchten?
Der Nachlass der Bildjournalistin Angela Neuke. Ihre politischen Bildreportagen prägten in den 1980er Jahren eine neue Bildsprache im politischen Bildjournalismus, ihr Projekt Staatstheater-Mediencircus etwa seziert, wie Politik medial inszeniert wird. Wir arbeiten daran, ihr Werk sichtbarer zu machen, unter anderem in Kooperation mit Artist Meets Archive der Internationalen Photoszene Köln. Die portugiesische Künstlerin Maria Trabulo setzt sich dabei mit Angela Neukes fotografischem Nachlass auseinander und entwickelt neue Arbeiten, die 2027 in Köln präsentiert werden. Parallel dazu bereiten wir für 2027 eine erste umfangreiche Ausstellung zum Werk Angela Neukes vor.
Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Erkennen, Zeigen, Vermitteln und Bewahren, das sind für mich die Eckpfeiler meiner Arbeit. Der enorme Bedeutungszuwachs, den die Fotografie in den letzten zehn bis zwanzig Jahren erfahren hat, in der Bildrelevanz und als Quelle in Lehre und Vermittlung, spiegelt sich auch in meiner Arbeit wider, die weit über das Ausstellungsmachen hinausgeht. Es geht vor allem um Vernetzen, um das Nutzen von Synergien, um das Ausloten von Möglichkeiten des Fotografischen. Am wichtigsten ist mir dabei die Teamarbeit, ein Gedankengalopp ohne Beschränkungen, bis sich ein Parcours abstecken lässt, der auch realisierbar ist.
Woran erkennen Sie fotografische Qualität im Blick auf die Arbeiten anderer, und was hat sich im Laufe der Zeit daran verändert?
Durch meine Seherfahrungen hat sich meine Urteilskraft verändert. Ich kann direkt sagen, ob ein Bild eine fotografische Qualität besitzt, unabhängig von Sujet oder Technik. Letztlich bleibt diese Einschätzung subjektiv. Berührt mich das Werk, setzt es etwas in Bewegung, erreicht es mich?
Welche fotografische Position hat für Sie über längere Zeit hinweg Bedeutung behalten?
Bei dieser Frage komme ich immer wieder auf Liselotte Strelow zurück. Ihrem Werk begegnete ich erstmals vor dreißig Jahren und bin bis heute von der Entschiedenheit und der hohen Anziehungskraft ihrer Porträts fasziniert. Das eindrückliche Porträt der Malerin Lea Steinwasser, das Strelow 1964 aufgenommen hat, sah ich erstmals 1997 in der Ausstellung Deutsche Fotografie. Macht eines Mediums 1870 bis 1970 in der Bundeskunsthalle.
Was macht sie für Sie bis heute so bedeutend?
Zwischen August Sander und Stefan Moses zählte sie zu den wichtigsten Porträtfotograf:innen ihrer Zeit. Ihr klarer, kontrastreicher Stil machte sie zu einer der bekanntesten Fotografinnen der Bundesrepublik. Sie war prägend für die 1950er und 1960er Jahre der jungen Bundesrepublik und erklärte die Fotografie einem breiten Publikum, etwa mit den Büchern Das manipulierte Menschenbildnis und Die Kunst, fotogen zu sein (1961) sowie mit der mehrteiligen WDR-Serie Sagt die Fotografie die Wahrheit? (1963). Sie spielte zudem eine gewichtige Rolle bei der Gründung der DGPh. Beim Vorabausloten der Möglichkeiten zur Initiative war sie die einzige Frau, die zu den konstituierenden Gesprächen eingeladen war.
Gibt es in Ihrer Beschäftigung mit der Fotografiegeschichte einen Bereich, dessen Bedeutung Sie zu spät erkannt haben?
Die ostdeutsche Fotografie habe ich nicht früh genug konsequent verfolgt. Vermutlich, weil ich ihren Wert lange nicht ausreichend erkannt habe, die besondere Bedeutung des Mediums in all seinen kreativen Ausprägungen, gerade auch innerhalb der Zwänge des sozialistischen Realismus in der DDR. Rückblickend erstaunt mich das selbst, denn ich bin in Ostdeutschland sozialisiert worden.


