Leica – A Century Of Vision, Jane Evelyn Atwood, © Reiner Holzemer Film
Leica – A Century Of Vision, Jane Evelyn Atwood, © Reiner Holzemer Film

Vor gut 100 Jahren erfindet LEICA die Kleinbildkamera und verändert damit die Geschichte der Fotografie für immer. Fotografen können nun ihre Kamera mitnehmen und das Geschehen um sie herum dokumentieren. Die Geburtsstunde der Reportage und des Fotojournalismus. LEICA – EIN JAHRHUNDERT IN BILDERN beleuchtet diesen Wandel der globalen visuellen Kultur und lädt uns ein, 100 Jahre Dokumentarfotografie zu erkunden. 

Der Film porträtiert legendäre Meister dieses Mediums wie Henri Cartier-Bresson, Sebastião Salgado, Steve McCurry, Jane Evelyn Atwood, Ralph Gibson und Alex Webb. Regisseur Reiner Holzemer begleitet zudem zeitgenössische Fotografen bei ihrer Arbeit - darunter JR, der in Neapel ein monumentales Wandbild schafft, Greg Williams, der Filmstars bei den Filmfestspielen von Venedig fotografiert, und Ragnar Axelsson, der die tiefgreifenden Auswirkungen des Klimawandels in Island und Grönland dokumentiert. 

Die Kriegsfotografie gilt seit langem als eine der wichtigsten und erschütterndsten Formen der Dokumentarfotografie – sie zeugt von der Menschlichkeit in ihren zerbrechlichsten und widerstandsfähigsten Momenten. Der Film stellt den Schweizer Fotografen Dominic Nahr vor, der seit Jahren über den Krieg in der Ukraine berichtet, sowie den italienischen Kriegsfotografen Gabriele Micalizzi, dessen Leica-Kamera ihm buchstäblich das Leben rettete, als er in Syrien von einer Granate getroffen wurde. Was diese Fotografen verbindet, ist nicht nur ihr Mut, sondern auch ihre Hingabe an die Kleinbildfotografie, ein Format, das vor einem Jahrhundert mit Leica ins Leben gerufen wurde. Diese Erfindung hat die Art und Weise, wie wir die Welt sehen und festhalten, für immer verändert; sie ist lebendige Geschichte.

Der Regisseur und Dokumentarfilmer Reiner Holzemer (DGPh) arbeitet seit 1983 mit renommierten Künstlerinnen und Künstlern zusammen, insbesondere aus den Bereichen Fotografie und Mode. Seine Filme Dries über den Modedesigner Dries Van Noten sowie Martin Margiela: In His Own Words wurden auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt und in mehr als 64 Länder verkauft. Im Jahr 2020 kürte The Hollywood Reporter Holzemers Film über Martin Margiela zum besten Mode Dokumentarfilm des Jahrzehnts. 2023 wurde seine Biografie Lars Eidinger – Sein oder Nichtsein mit dem Gilde-Filmpreis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet; im Kino erreichte der Film fast 50.000 Besucher:innen. 2024 feierte Thom Browne – The Man Who Tailors Dreams über den amerikanischen Modedesigner Thom Browne seine Premiere beim Doc NYC Festival.

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INTERVIEW MIT REINER HOLZEMER

Was war Ihre Motivation, diesen Film zu machen? Gab es einen speziellen Auslöser dafür?

RH: Ich hatte bereits vor 20 Jahren so eine Art Schlüsselerlebnis: damals drehte ich gerade einen Film über die legendäre Fotoagentur Magnum Photos, die 1947 von Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, David Seymour und George Rodger gegründet worden war. Die Mitglieder treffen sich einmal im Jahr um anstehende Themen zu diskutieren und neue Fotografen als Mitglieder aufzunehmen. Ich war der erste Filmemacher, dem es erlaubt wurde, an einem dieser Meetings in New York City teilzunehmen und es zu filmen. Es war ein Treffen der besten Fotografen jener Zeit: Josef Koudelka, René Burri, Elliott Erwitt, Philipp Jones-Griffiths, Inge Morath, Leonard Freed, Dennis Stock, Martine Franck und Martin Parr. Sie waren alle da, und jeder von ihnen hatte eine Leica um den Hals hängen. In diesem Moment habe ich realisiert, wie eng die Kamera mit der Geschichte der Fotografie verbunden ist. Als ich erfahren habe, dass Leica im Jahr 2025 das hundertjährige Jubiläum der Serienproduktion der Leica I feiern würde, wollte ich unbedingt einen Film über die Leica drehen. 

Nach welchem Konzept, welcher Struktur, haben Sie die Fotografen ausgewählt, die in Ihrem Film vorkommen? 

RH: Der Film verfolgt zwei Erzählstränge: Einerseits interviewen wir berühmte Fotografen zu ihren bekanntesten Arbeiten. Andererseits begleiten wir Fotografen bei ihrer Arbeit draußen oder im Studio. Alle vereint, dass sie in der Tradition der dokumentarischen 35mm Fotografie arbeiten, die 1925 mit der serienmäßigen Einführung der Leica Kamera erst möglich wurde. Alle Fotografen arbeiten mit kleiner Ausrüstung, mobil, flexibel, ungestellt. Insgesamt wollte ich aber auch die verschiedenen Genres der Fotografie einbeziehen, von der Kriegsfotografie bis zur Kunstfotografie. Das war dann das zweite Auswahlkriterium. 

Gab es während der Dreharbeiten für Sie „magische Momente“? Erlebnisse, mit denen Sie nicht gerechnet hatten oder die einen besonderen Nachhall auf Sie hatten? 

RH: Es war für mich persönlich etwas sehr Besonderes, mit Sebastião Salgado über seine Arbeit sprechen zu können. Er strahlt eine unvergleichliche Intensität und Präsenz aus. Kurz nach dem Interview ist Sebastião Salgado verstorben. Ich empfinde es als großes Privileg, ihn getroffen zu haben. Die Begegnung mit dem Fotografen Ragnar Axelsson in Island und seiner jahrzehntelangen dokumentarischen Begleitung der Veränderung der Natur und Lebensbedingungen vor Ort hat mir Einblicke in die Folgen des Klimawandels gegeben, die mir nachhaltig im Gedächtnis bleiben werden. Insgesamt besteht der „Magische Moment“ in diesem Projekt für mich in der filmischen Zusammenführung von so vielen beeindruckenden Fotografinnen und Fotografen, die Geschehnisse in der Welt tagtäglich festhalten und festgehalten haben – gemeinsam und stellvertretend für alle FotografInnen weltweit. 

Was waren die größten Herausforderungen bei den Dreharbeiten?

RH: Eine besondere Herausforderung war sicherlich die Begleitung von Dominic Nahr an die ukrainisch-russische Grenze. Er hielt sich dort auf, um für die Neue Zürcher Zeitung zu berichten. Die Ereignisse während eines Krieges sind sehr unvorhersehbar, weshalb die Bewegungsmöglichkeiten an der Front sehr eingeschränkt sind. Man braucht dort unbedingt jemanden, der die Sprache versteht, um Gefahren rechtzeitig erkennen zu können. Es geht nicht nur darum, das eigene Leben zu schützen, sondern auch darum, weder den SoldatInnen noch dem Fotografen zur Last zu fallen. Deshalb haben wir uns entschieden, für diesen Teil der Dreharbeiten einen ukrainischen Kameramann mit Erfahrung an der Front zu engagieren. Ich habe ihn entsprechend eingewiesen, und ich muss sagen, dass die Aufnahmen aus den Schützengräben zu den eindrucksvollsten des Films gehören.

In Ihrem Film kommen sehr wenige Fotografinnen vor? Außer der wunderbaren Jane Evelyn Atwood, und Sarah M. Lee und Barbara Klemm. Warum haben Sie sich entschieden, nicht mehr Fotografinnen einzubauen? 

RH: Ja, das ist sicherlich ein Punkt. Der Film folgt vom Erzählstrang her der Geschichte der Fotografie. Diese war, wie im Film auch kritisch thematisiert, lange Zeit vor allem männlich geprägt. In der Geschichte der Fotografie gab es nicht allzu viele Fotografinnen, die wir noch befragen konnten. Die meisten waren leider schon verstorben oder nicht mehr bereit, vor eine Kamera zu treten. Eingebettet in die Interviews mit Jane Evelyn Atwood, Sarah M Lee und Barbara Klemm erinnern wir im Film an berühmte Fotografinnen der Geschichte: Ilse Bing, Martine Franck, Mary Ellen Mark, Inge Morath, Eve Arnold und Nan Goldin. Es war mir wichtig, dem Zuschauer Einblicke in unterschiedlichste Themen der Fotografie zu ermöglichen. Jane Evelyn Atwood zeigt mit ihren Arbeiten über Prostitution und mit ihren Arbeiten in Frauengefängnissen eine fotografische Dokumentation von menschlichen Erfahrungen und Schicksalen, die vermutlich kein Mann so intensiv und berührend hätte einfangen können, wie sie es tut. Wir hatten bereits Absprachen über Projekte und Drehbegleitungen mit jungen Fotografinnen getroffen. Es waren aber Projekte von Frauen dabei, die sehr persönliche, „intime" Prozesse abbildeten, bei denen wir leider nicht filmen konnten. Ich bin überzeugt: Wenn man in 50 Jahren den gleichen Film drehen würde, wird der Blick auf die jüngere Geschichte glücklicherweise sehr viel mehr Fotografinnen zeigen. 

Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet? 

RH: Die intensive Vorbereitung des Projekts startete Ende 2023, mit den Dreharbeiten konnten wir im Mai 2024 beginnen, sie dauerten bis März 2025. Insgesamt haben wir 45 Tage gedreht. Der Schnitt dauerte dann einige Monate, sodass wir das Projekt 2026 fertigstellen konnten. Alle Fotograf*innen im Film sind große Stars ihrer Branche. Sie haben es geschafft, dass Sie für Ihren Film die Erlaubnis von ihnen erhalten haben, hunderte von fotografischen Meisterwerken zu zeigen. 

Wie ist Ihnen das gelungen?

RH:  Als wir die FotografInnen mit der Idee, einen Film über die Leica zu machen, kontaktiert haben, war es sicherlich einerseits schlicht und einfach ihre Leidenschaft für ihren Beruf und genauso aber auch für ihr „Werkzeug“, das sie bewogen hat, mitzumachen. Der „Mythos Leica“ liegt für viele darin, dass sie für ganz viele Fotografie-Liebhaber mehr ist, als nur ein technisches Gerät. Durch ihr extrem durchdachtes, funktionales Design und durch ihre bedeutende Geschichte trägt sie eine Magie in sich, der man sich kaum entziehen kann. Viele der Protagonisten kannten außerdem bereits meine Filme über Magnum Fotos, William Eggelston, August Sander oder Juergen Teller. Ihnen gefiel die Art und Weise wie ich Fotografie und Fotografen im Film mit Respekt und Zuneigung dargestellt habe. Oft kam es vor, dass ich mich bei Vorgesprächen mit den Fotografen erst mal vorstellen wollte, woraufhin die Fotografen abwinkten und meinten, das sei gar nicht nötig, denn sie kannten bereits meine Filme. Für mich war das eine schöne Bestätigung für meine Arbeiten, die doch schon einige Jahre zurückliegen. Geholfen hat sicherlich auch, dass ich die Filmkamera selbst bediene. Dadurch begegneten wir uns auf Augenhöhe.

Was haben Sie durch die Arbeit am Film über Fotografie und über die Welt gelernt? 

RH: Meine Leidenschaft für Fotografie geht lange zurück und dieser Film war in gewisser Weise meine Heimkehr zu diesem Thema. Ich hoffe auf zwei Reaktionen – einerseits, dass die Öffentlichkeit das Engagement und die Hingabe der Fotografinnen und Fotografen für ihre Arbeit versteht; und dass sie begreift, wie sehr sich diese in einer Zeit, in der die Bildmanipulation keine Grenzen kennt, dafür verantwortlich fühlen, die Wahrheit zu vermitteln. Andererseits hoffe ich auf etwas ganz Einfaches: dass die Menschen mit dem Wunsch nach Hause gehen, wieder eine Kamera in die Hand zu nehmen, um richtige Fotos aufzunehmen. Der Film zeigt, wie einfach das manchmal sein kann.