
Was genau ist ein Vintage Print, worin unterscheidet sich ein Lifetime Print von einem Estate Print, was bedeutet A.P. innerhalb einer Edition – und wie lassen sich Begriffe wie Archival Pigment Print, Blockchain-Provenienz oder KI-unterstützte Photographie für den Kunstmarkt sinnvoll einordnen? Mit dem neuen Glossar „Photographie sammeln“ legt die Sektion Kunst, Markt und Recht der Deutschen Gesellschaft für Photographie auf Initiative von Simone Klein eine aktualisierte Orientierungshilfe für Sammler, Künstler, Galerien, Museen und alle vor, die professionell mit photographischen Werken umgehen. Die Publikation umfasst 118 Begriffe in deutscher und englischer Sprache und steht allen Interessierten als PDF auf der Website der DGPh zur Verfügung.
Ausgangspunkt des Projekts war die Frage, wie sich das über Jahrzehnte gewachsene Vokabular des photographischen Kunstmarkts heute verständlich und zugleich fachlich belastbar vermitteln lässt. Denn Photographie ist längst nicht mehr nur Negativ und Abzug. Sie kann historisches Objekt, analoger oder digital belichteter Print, Datei, Code, generatives Werk oder mediale Installation sein. Entsprechend reicht die Terminologie inzwischen von Albuminabzug, Daguerreotypie und Kollodiumnassplatte über Edition, Provenienz und Condition Report bis hin zu digitalen Editionen, Hashwerten, NFTs und KI-basierten Bildern.
Das Glossar versteht sich dabei ausdrücklich nicht als akademisch erschöpfendes Lexikon. Seine Definitionen sollen vielmehr beim Betrachten, Kaufen, Dokumentieren und Bewahren photographischer Werke praktisch nutzbar sein. Gerade im Kunstmarkt können scheinbar eindeutige Begriffe unterschiedliche Dinge bezeichnen. So sind Bezeichnungen wie „Vintage“, „archival“, „Fine Art Print“, „C-Print“ oder „unique“ weder durchgängig normiert noch für sich genommen ausreichend, um ein Werk präzise zu beschreiben. Das Glossar setzt deshalb stärker auf nachvollziehbare Angaben zu Herstellung, Datierung, Edition, Provenienz und Erhaltungszustand.
Ausgangspunkt AIPAD
Eine wesentliche fachliche Ausgangsbasis bildete der 2013 von der Association of International Photography Art Dealers (AIPAD) veröffentlichte Leitfaden On Collecting Photography. Die DGPh-Publikation ist jedoch weder dessen offizielle Übersetzung noch eine textliche Übernahme. Die Definitionen wurden für das neue Glossar eigenständig auf Deutsch formuliert, neu strukturiert und um Entwicklungen erweitert, die sich seit Erscheinen des AIPAD-Leitfadens ergeben haben.
Dabei zeigte sich schnell, dass insbesondere die heutige Editionspraxis sowie digitale und generative Werkformen eine grundlegende Aktualisierung erforderlich machen. Begriffe wie Digitale Edition, Blockchain-Provenienz, Certificate of Authenticity, Hash, NFT oder KI-unterstützte Photographie gehören inzwischen ebenso zum Umfeld des Sammelns wie klassische photographische Verfahren.
Zusammenarbeit mit COLLEKTON
Konzeptionelle und fachliche Beiträge zur Aktualisierung kamen von Julian Sander und COLLEKTON. Sander beschäftigte sich insbesondere mit der zeitgenössischen Editionspraxis, der Datierung photographischer Abzüge sowie den Konsequenzen digitaler und generativer Werkformen für den Kunstmarkt.
Aus dieser Zusammenarbeit stammen unter anderem neue oder grundlegend überarbeitete Einträge zu Artist Proof, Vintage Print und Lifetime Print sowie Ergänzungen zu digitalen Editionen und KI-bezogenen Fragestellungen. Die entsprechenden Begriffe sind im Glossar transparent als „ERGÄNZUNG 2026“ beziehungsweise „FASSUNG 2026“ gekennzeichnet. Weitere Begriffe wurden im Rahmen der DGPh-Redaktion neu aufgenommen und als „DGPh-ERGÄNZUNG 2026“ ausgewiesen.
Ein besonderes Augenmerk galt der Datierung von Prints. So unterscheidet die Neufassung deutlicher zwischen Begriffen wie Vintage, Early oder Later Print, die eine zeitliche Nähe zur Entstehung eines Werkes beschreiben sollen, und Kategorien wie Lifetime und Estate Print, die zunächst lediglich beantworten, ob ein Abzug zu Lebzeiten des Künstlers oder posthum hergestellt wurde. Entscheidend bleibt letztlich die möglichst genaue Angabe von Aufnahme- und Abzugsdatum.
Fachprüfung aus unterschiedlichen Bereichen
Redaktionelle Bearbeitung und Koordination lagen bei Thomas Gerwers, Vorsitzender der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht. Die Entwürfe wurden anschließend einer breit angelegten fachlichen Prüfung unterzogen.
Beteiligt waren Simone Klein, Rüdiger Glatz, Birgit Filzmaier, das Team von Kicken Berlin, Dr. Christine Nielsen / Kunsthaus Lempertz, Marjen Schmidt, Martin Jürgens, Hermann Plum, Markus Paul Müller und Prolab. Damit floss Expertise aus Photokunstmarkt, Auktionspraxis, Photorestaurierung, historischen Verfahren und Fine-Art-Printing in die endgültige Fassung ein.
Diese Prüfung führte an zahlreichen Stellen zu technischen und terminologischen Präzisierungen. Überarbeitet wurden beispielsweise Definitionen historischer Positiv- und Negativverfahren, die Rolle des Printers, Aufnahme- und Negativformate, Tonungen, Lagerungsfragen und Restaurierung. Auch Begriffe wie Bromöl-Umdruck, Photogravüre, Daguerreotypie oder Ferrotypie wurden in der abschließenden Fassung nochmals geschärft.
Vom Kunstobjekt bis zum digitalen Werk
Das Ergebnis bildet bewusst einen großen zeitlichen und technischen Bogen. Historische Verfahren wie Kalotypie, Autochrom, Cyanotypie, Platin-/Palladiumdruck oder Woodburytypie stehen neben Begriffen der heutigen Printproduktion wie Lambda Print, LightJet, Pigment Print oder Face Mounting.
Parallel dazu berücksichtigt das Glossar zentrale Fragen des Marktes. Editionen und Proofs, Primär- und Sekundärmarkt, Seltenheit, Marktwert, Provenienz, Zustandsprotokolle und Zertifikate werden ebenso erläutert wie Preisstaffelungen innerhalb einer Edition oder die tatsächlichen Erwerbskosten bei Auktionen. Neu berücksichtigt werden zudem Urheber- und Reproduktionsrechte sowie die umsatzsteuerliche Behandlung photographischer Prints in Deutschland.
Auch digitale und KI-basierte Werke werden nicht als Sonderwelt außerhalb der Photographie behandelt, sondern dort einbezogen, wo sie für Erwerb, Authentifizierung, Edition, Präsentation und langfristige Erhaltung relevant werden. Entscheidend ist auch hier Transparenz: Welche Datei ist autorisiert? Welche Edition existiert? Welche Hard- und Software gehört gegebenenfalls zum Werk? Wie werden Migration, Backups oder Ersatz geregelt? Und welcher Anteil eines Bildes stammt tatsächlich aus einer photographischen Aufnahme, welcher aus generativer Bearbeitung?
Praktische Hilfe beim Ankauf
Ergänzt wird das eigentliche Glossar durch Hinweise für den Ankauf photographischer Werke. Sie machen deutlich, welche Angaben bei einem relevanten Erwerb möglichst schriftlich dokumentiert sein sollten. Dazu gehören nicht nur Künstler, Titel, Verfahren und Format, sondern auch Aufnahme- und Printdatum, Editionsstruktur, Proofs, Provenienz, Zustand und bekannte Restaurierungen.
Bei digitalen Werken kommen autorisierte Datei, Hash, Zertifikat sowie Hard- und Softwarespezifikationen hinzu. Bei generativen oder KI-basierten Arbeiten empfiehlt die DGPh eine transparente Beschreibung der Werkgenese und des menschlichen beziehungsweise algorithmischen Anteils. Auch Gesamterwerbskosten einschließlich Aufgeld, Umsatzsteuer, Folgerecht und gegebenenfalls Versand- oder Versicherungskosten werden berücksichtigt.
Damit versteht sich „Photographie sammeln“ nicht nur als Begriffssammlung, sondern zugleich als praktischer Leitfaden für einen zunehmend komplexen Markt.
Die DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht stellt die aktuelle Fassung des Glossars allen Interessierten auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Photographie kostenlos als PDF zur Verfügung. Die Publikation soll dabei kein statisches Abschlussdokument sein: Technische Verfahren, Editionsmodelle und Marktpraktiken entwickeln sich weiter. Entsprechend ist das Glossar als Leitfassung angelegt, die bei Bedarf fachlich ergänzt und aktualisiert werden kann.