
Während das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst bis zu 5000 Jahre alte Kunst präsentiert, referierten auf Einladung der Sektion Wissenschaft, Medizin und Technik der DGPh am 20. Juni 2026 in seinem unterirdisch gelegenen Vortragssaal im Rahmen der Jahrestagung der Sektion Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Spannungsfeld zwischen Fotografie und Wissenschaft.
Den Auftakt bildeten Beiträge zur angewandten Wissenschaftsfotografie. Martin Grahl (NOVOFLEX) stellte aktuelle Lösungen für das Focus-Stacking vor. Mit dem neuen System „STACKPRO 1“ lässt sich extreme Schärfentiefe von der Makro- bis zur Architekturfotografie vollautomatisch steuern, ohne dass sich dabei die Perspektive oder die Lichtführung verschiebt. Anschließend zeigte Renate Lange (FUJIFILM Germany GmbH), wie die ISO 19264-1 bei der Kulturgüterdigitalisierung eingehalten werden kann. Sie verdeutlichte, dass die enorme Sensorauflösung und Dynamik moderner Mittelformatkameras wie der GFX-Serie mittlerweile den Schlüssel liefern, um die Qualitätskriterien zu erfüllen. Stephan Welp und Sophie Azzilona (beide Microbox GmbH) informierten über neueste Entwicklungen im Bereich des Multispektral-Imaging (MSI). Durch den gezielten Einsatz von UV- und Infrarotlicht werden dabei verborgene Details wie historische Wasserzeichen oder Vorzeichnungen unter Ölgemälden zerstörungsfrei für die Forschung lesbar.
Im weiteren Verlauf standen wissenschaftliche Anwendungen der Fotografie im Mittelpunkt. Dr. med. Lea Katharina Baumgart (LMU Klinikum München) erläuterte, wie Künstliche Intelligenz die Erkennung von Hautkrebs unterstützt und die Unterschiede in der Sensibilität zwischen der Diagnose durch den Arzt und der Maschine mit KI immer geringer werden. KI-basierte Dermatologie wird die Zukunft der Diagnostik sein. Eine Premiere war der Vortrag von Mark-Daniel Leupold: Erstmals präsentierte ein Landessieger von „Jugend forscht“ über die mit dem Sonderpreis „Wissenschaftliche Fotografie“ der DGPh ausgezeichnete Arbeit zur Generierung von Super-Resolution Satelliten-Aufnahmen. Mithilfe der KI und neuronaler Netze konnte er die räumliche Auflösung der Satelliten-Aufnahmen verbessern und die Unsicherheit der Ergebnisse zum Nutzen von Geoanalysen darstellen. Über zukunftsweisende Anwendungen der Volumenholographie (diffraktiv), bei der komplexe optische Funktionen in einer dünnen Schicht zu integrieren sind, berichtete Dr. Friedrich Karl Bruder. Etwa 20 Jahre anwendungsorientierter Forschung waren erforderlich, um die Wertschöpfungskette von der Chemie bis zum Hologramm, integriert in Folien für die Anwendung in Brillen, Heads-up-Displays z.B. in Automobilen, zu erreichen.
In einem weiteren Vortragsblock gab Volker Jansen (Zeutschel) einen Ausblick auf derzeit in Erarbeitung befindliche Richtlinien und Normen für die Kulturgüterdigitalisierung. Mit der kommenden ISO 19264-2 schließt sich bald eine wichtige Lücke, um künftig auch bei Durchlichtmedien wie Negativen oder Diapositiven eine normgerechte und konsistente Bildqualität zu garantieren. Stephan Pohlmann (Verus Digital GmbH) zeigte, wie sich Photogrammetrie auf höchstem Niveau für die Kulturgüterdigitalisierung automatisieren lässt. Selbst extrem anspruchsvolle, glänzende oder reflektierende Oberflächen lassen sich mit dem gezeigten Roboter-Aufnahmesystem vollautonom erfassen, da zusätzliche Texturebenen die Materialbeschaffenheit exakt berechnen. Naomi Schoppa (Fraunhofer- Institute for Open Communication Systems- „FOKUS“) informierte über den Vertrauensverlust durch Desinformation als ein gesellschaftliches Problem. Als technologische Antwort darauf stellte sie den C2PA-Standard vor, der durch fälschungssichere Herkunftsnachweise direkt aus der Kamera die gesamte Bearbeitungskette eines Bildes nachvollziehbar macht. Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu Provenance- und Authentizitätsinformationen zielen darauf, die Echtheit digitaler Medien bei künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeiten sowie solchen in Museen, Ausstellungen und Publikationen nachzuweisen. Die Aufklärung von Strukturen auf atomarer Ebene mittels der Elektronenmikroskopie (EM) ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für das Verständnis von Struktur - Eigenschaftskorrelationen von Materialien. Diese bildet die Basis für die Verbesserung ihrer technologischen Eigenschaften z.B. bei Halbleitern. Prof. Dr. Christian Liebscher von der Ruhr-Universität Bochum zeigte dies in EM-Aufnahmen eindrucksvoll.
Zum Abschluss des Tages präsentierte Esther Horvath, Fotografin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und National Geographic Explorer, in einem 45-minütigen Bildvortrag faszinierende Reportagen von zwei Arktis-Expeditionen. Sie machte eindrucksvoll deutlich, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Arbeit und ihre Bedeutung visuell zu vermitteln.
Etwa 50 Teilnehmende verfolgten das abwechslungsreiche Vortragsprogramm und nahmen zahlreiche neue Eindrücke und Erkenntnisse mit. Viele äußerten den Wunsch nach einer regelmäßigen Fortsetzung der Veranstaltung. Bereits am Vorabend hatten sich rund 20 Teilnehmende bei einem gemeinsamen Abendessen in anregenden Gesprächen ausgetauscht.
Der Vorstand der Sektion dankt allen Vortragenden und Teilnehmenden für ihr Engagement und den gelungenen Tagungsverlauf.