Reante und Prof. L. Fritz Gruber 1999 © Michael Dannenmann
Reante und Prof. L. Fritz Gruber 1999 © Michael Dannenmann
Die DGPh würdigt zwei prägende Persönlichkeiten des internationalen Fotokunstmarkts – Preisverleihung im November während der Paris Photo Week

Die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) zeichnet den New Yorker Galeristen, Fotografieexperten und Sammler Howard Greenberg sowie die belgische Sammlerin, Philanthropin und Gründerin der A Foundation Astrid Ullens de Schooten Whettnall mit dem erstmals vergebenen Gruber Award aus. Eine unabhängige internationale Jury wählte beide Persönlichkeiten als erste Preisträger der neuen Auszeichnung.

Der Gruber Award wurde anlässlich des 25-jährigen Bestehens der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht entwickelt und richtet erstmals in der 75-jährigen Geschichte der DGPh den Blick gezielt auf den Fotokunstmarkt und die Menschen, die ihn gestalten.

Der Preis würdigt Galeristen, Sammler, Förderer und andere Vermittler, die Fotografie sichtbar machen, künstlerische Karrieren ermöglichen, Werke bewahren und die Verbindung zwischen künstlerischer Produktion, Markt, Institutionen und Öffentlichkeit herstellen. Er erinnert an Renate und L. Fritz Gruber, die gemeinsam eine der bedeutendsten fotografischen Sammlungen ihrer Zeit aufbauten. L. Fritz Gruber gehörte 1951 zu den Mitgründern der DGPh und verkörperte als Sammler, Vermittler und Mitinitiator der photokina in besonderer Weise die Verbindung von Fotografie, Markt und Öffentlichkeit.

Zwei komplementäre Positionen

Mit der Auszeichnung von Howard Greenberg und Astrid Ullens entschied sich die Jury bewusst für zwei Preisträger, die unterschiedliche, einander ergänzende Bereiche repräsentieren: den internationalen Galerie- und Fotokunstmarkt auf der einen sowie das engagierte, öffentlich wirksame Sammeln auf der anderen Seite.

Die erste Vergabe definiert damit zugleich das Profil des Gruber Award für die kommenden Jahre. Im Mittelpunkt stehen nicht allein wirtschaftlicher Erfolg oder institutionelle Positionen, sondern kulturelle Verantwortung, langjähriges Engagement, internationale Relevanz und ein nachhaltiger Beitrag zur Entwicklung der Fotografie als Kunstform.

„Mit Howard Greenberg und Astrid Ullens zeichnen wir zwei Persönlichkeiten aus, die auf unterschiedliche Weise beispielhaft für die Zielsetzung des Gruber Award stehen“, erklärt Thomas Gerwers. „Beide haben über Jahrzehnte hinweg nicht nur bedeutende fotografische Werke gesammelt, vermittelt und bewahrt. Sie haben Strukturen geschaffen, Künstler unterstützt und der Fotografie neue Öffentlichkeit eröffnet. Mit ihnen wird bereits bei der ersten Vergabe deutlich, welchen Anspruch dieser Preis verfolgt.“

Portrait Howard Greenberg © Bastiaan Woudt
Portrait Howard Greenberg © Bastiaan Woudt

Howard Greenberg: Wegbereiter des internationalen Fotokunstmarkts

Howard Greenberg, geboren 1948, zählt zu den weltweit führenden Händlern für Fotografie und gilt als ausgewiesener Kenner der Fotografie des 19. und 20. Jahrhunderts. Seit mehr als vier Jahrzehnten trägt er wesentlich dazu bei, die Fotografie als bedeutenden Bestandteil des internationalen Kunstmarkts zu etablieren. Sein Wirken prägte Museumssammlungen, private Kollektionen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Medium. Das Magazin American Photo würdigte seinen Einfluss mit der Aufnahme in die Liste der 25 wichtigsten Persönlichkeiten der Fotografie. 

Greenberg begann seine Laufbahn als Fotojournalist. 1977 gründete er das Center for Photography at Woodstock, das sich zu einer der führenden gemeinnützigen Fotografieinstitutionen der Vereinigten Staaten entwickelte. 1981 folgte die Gründung der Howard Greenberg Gallery in New York. Sie gilt heute international als eine der bedeutendsten Galerien für klassische und moderne Fotografie. 

Das Programm der Galerie spannt einen Bogen durch die Geschichte des Mediums und umfasst unter anderem Positionen von Alfred Stieglitz, Edward Weston, Walker Evans, Henri Cartier-Bresson, Bruce Davidson, Joel Meyerowitz, Edward Burtynsky, Frank Gohlke und Vivian Maier. Darüber hinaus vertritt die Galerie die Nachlässe von Edward Steichen, Arnold Newman, Roman Vishniac, Martin Munkácsi und Berenice Abbott. Mit international beachteten Ausstellungen, Büchern und Katalogen führt sie historisch bedeutende ebenso wie zeitgenössische Fotografen an neue Generationen von Sammlern und Institutionen heran. 

Die Jury würdigt Greenberg als eine jener grundlegenden Persönlichkeiten, die an der Entstehung und internationalen Entwicklung eines professionellen Marktes für Fotografie beteiligt waren. Sein Wirken fällt in eine Pionierphase, in der sich in den Vereinigten Staaten dauerhafte Strukturen für den Handel und das Sammeln fotografischer Kunst herausbildeten. Dazu gehörte auch die Association of International Photography Art Dealers (AIPAD). Ihre erste Fine Art Photography Exposition fand 1980 in New York statt und zählt zu den frühesten eigenständigen Fotokunstmessen. 

Neben seiner Tätigkeit als Galerist, Kurator, Berater und Fürsprecher des Mediums baute Greenberg über mehr als drei Jahrzehnte selbst eine bedeutende fotografische Sammlung auf. Sie verbindet europäische Moderne mit humanistischer Fotografie, amerikanischer Dokumentarfotografie, Fotojournalismus und New Yorker Street Photography.

2018 erwarb das Museum of Fine Arts, Boston, die Howard Greenberg Collection. Sie umfasst 447 Fotografien von 191 Künstlern und führte dem Museum Arbeiten von mehr als 80 zuvor dort nicht vertretenen Fotografen zu. Die Sammlung enthält seltene Abzüge moderner Meisterwerke ebenso wie zentrale Positionen der sozial engagierten Fotografie und des Fotojournalismus. 

Zu Greenbergs Auszeichnungen zählen der Photo Gallery of the Year Award der Lucie Foundation, der Aperture Foundation Award für seinen Beitrag zur künstlerischen Fotografie sowie der Lifetime Achievement Award des George Eastman Museum. Die Jury sieht in dieser Verbindung von Marktkenntnis, Kennerschaft, kuratorischer Arbeit, persönlichem Sammeln und nachhaltigem Einsatz für Künstler eine beispielhafte Lebensleistung. 

Portrait Astrid Ullens de Schooten Whettnall © Rip Hopkins
Portrait Astrid Ullens de Schooten Whettnall © Rip Hopkins

Astrid Ullens: Sammeln als kulturelle Verantwortung

Astrid Ullens de Schooten Whettnall ist eine belgische Sammlerin und Philanthropin, die über mehrere Jahrzehnte eine der führenden privaten Fotosammlungen Belgiens aufgebaut hat. Im Mittelpunkt stehen die sozialen, historischen und menschlichen Dimensionen des fotografischen Bildes. Ihr Engagement versteht Fotografie nicht nur als Sammelgegenstand, sondern als Medium kritischer Reflexion, des kulturellen Dialogs und gesellschaftlicher Teilhabe. 

Die seit den 1990er Jahren aufgebaute Sammlung umfasst heute rund 6.000 Fotografien von etwa 100 Fotografen. Sie konzentriert sich besonders auf sozialdokumentarische Fotografie, Architektur und fotografische Lebenserzählungen. Kennzeichnend ist Ullens’ konsequenter Ansatz, nicht nur Einzelbilder, sondern vollständige Serien und Werkgruppen zu erwerben. Auf diese Weise bewahrt sie den konzeptionellen Zusammenhang fotografischer Projekte und ermöglicht eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk der jeweiligen Künstler. 

2012 gründete sie in Brüssel die A Foundation. Die als gemeinnützige und öffentlich zugängliche Fotografieinstitution anerkannte Stiftung befindet sich bewusst in einem ehemaligen Industrieviertel der Stadt. Sie versteht sich als dynamische Plattform für dokumentarische und zeitgenössische Fotografie und verbindet die Präsentation der Sammlung mit monografischen Ausstellungen, Publikationen, Künstlergesprächen und öffentlichen Programmen. 

Eine besondere Bedeutung besitzt die Vermittlungsarbeit. Führungen, Workshops, Lesungen und Begegnungen mit Künstlern richten sich an Erwachsene, junge Menschen und insbesondere an Schulklassen aus der Umgebung. Die Stiftung will damit nicht allein Fotografie zeigen, sondern die Fähigkeit fördern, Bilder kritisch zu lesen, gesellschaftliche Zusammenhänge wahrzunehmen und sich anderen Lebenswirklichkeiten zu öffnen. 

2014 gründete Astrid Ullens de Schooten Whettnall zudem OpenA, eine Bildungs- und Outreach-Initiative, die eng mit Schulen und lokalen Organisationen in Brüssel zusammenarbeitete. Über acht Jahre ermöglichte OpenA Kindern aus benachteiligten Stadtteilen durch Ausstellungsbesuche, Begegnungen mit Fotografen und kreative Workshops einen Zugang zu Fotografie und kultureller Teilhabe. Für Ullens ist dieses Engagement untrennbar mit dem Sammeln verbunden: Kultur entfaltet ihren umfassendsten Sinn dort, wo sie geteilt wird und Türen öffnet, die andernfalls verschlossen blieben.

Die Sammlung wurde wiederholt international präsentiert. 2019 war die Fondation A mit „Fragments“ bei Paris Photo im Grand Palais vertreten. 2024 folgte bei den Rencontres de la Photographie d’Arles die von Urs Stahel kuratierte Ausstellung „Quand les images apprennent à parler“ in der Fondation LUMA. Von Oktober 2025 bis Januar 2026 zeigte das Musée de la Photographie in Charleroi unter dem Titel „Histoires en séries“ eine umfangreiche Auswahl mit rund 500 Fotografien. 

Die Jury würdigt Astrid Ullens für ein Sammeln, das private Kennerschaft mit öffentlicher Verantwortung verbindet. Ihre Sammlung wird nicht als abgeschlossener Besitz verstanden, sondern als lebendige Grundlage für Ausstellungen, Publikationen, Bildung und gesellschaftlichen Austausch. Die von ihr gegründete Fondation A unterstützt Fotografen, bewahrt bedeutende Werkzusammenhänge und eröffnet breiten Bevölkerungsgruppen den Zugang zur dokumentarischen Fotografie. 

Jury Gruber Award am 24. Juli 2026
Jury Gruber Award am 24. Juli 2026

Internationale Jury

Die Entscheidung traf eine unabhängige Jury unter dem Vorsitz der Fotografieexpertin, Gutachterin und Kuratorin Simone Klein. Ihr gehörten außerdem Sven Eisenhut-Hug, Gründer und Direktor der photo basel, die Sammlungsberaterin und Kuratorin Birgit Filzmaier, der Kurator und Kunstmarktexperte Gérard Goodrow-Jaber, Jutta Müller, M.A., Geschäftsführerin der Freunde der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen e. V., sowie die international tätige Ausstellungs- und Sammlungsexpertin Sinem Yoruk an. Simone Klein und Thomas Gerwers moderierten die Jurysitzung gemeinsam. 

Preisverleihung in Paris

Die feierliche Verleihung des ersten Gruber Award ist für Freitag, 13. November 2026, im Rahmen der Paris Photo Week geplant. Der Abend soll zugleich ein exklusives internationales Netzwerkformat während der wichtigsten europäischen Fotowoche bilden.

Die Preisverleihung ist in Anwesenheit der beiden Preisträger, der Jurymitglieder, von Vertretern der DGPh sowie ausgewählten Persönlichkeiten aus Fotografie, Sammlung, Galerie, Markt und Kulturvermittlung geplant. Der Zugang ist auf maximal 60 Personen begrenzt und erfolgt über persönliche Einladungen sowie ein limitiertes Ticketkontingent.

„Der Gruber Award würdigt jene, die den Fotokunstmarkt gestalten: die Fotografie sichtbar machen, künstlerische Karrieren ermöglichen und Werke bewahren. Ich bin überzeugt, dass die Relevanz dieses Marktes wachsen wird. Je leichter Bilder technisch erzeugt werden können, desto stärker verlagert sich der Wert eines Werkes auf Herkunft, Autorschaft und Provenienz – und damit auf jene Strukturen, die im Kunstmarkt dafür einstehen. Mit Howard Greenberg und Astrid Ullens beginnt dieser Preis auf genau dem Niveau, das wir für ihn beanspruchen“, so Ruediger Glatz, Vorsitzender des geschäftsführenden Vorstands der DGPh.

Die DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht wird den Gruber Award künftig jährlich vergeben.

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