
Interview und Text: Ute Noll
Juliane Rückriem, 1966 in Buir im Rheinland geboren, fotografiert seit ihrem sechzehnten Lebensjahr. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität zu Köln war Fotografie in ihren verschiedenen beruflichen Stationen ein stetig wachsender Bestandteil, bis sie sich ihr schließlich ganz widmete. Seit rund zwanzig Jahren verfolgt sie freie fotografische Projekte, die sich mit Architektur auseinandersetzen: Parkhäuser und Tiefgaragen, Schwimmbäder, historische Passagen, Metrostationen, Gewächshäuser. Gemeinsam ist ihren Serien die Präsenz des Menschen in seiner Abwesenheit. Ab 2002 war sie an der Organisation der Visual Gallery auf der photokina in Köln beteiligt, von 2006 bis 2010 als Co-Kuratorin.
Architektur wird für Menschen gebaut. In Ihren Fotografien sind die Räume leer. Welches Verhältnis zwischen Mensch und Raum interessiert Sie?
Architektur materialisiert menschliches Denken in Formen und Gebäuden. Sie entsteht aus Ideen, Entwürfen, Visionen und dem Prozess ihrer baulichen Umsetzung. Der Mensch wird in meinen Fotografien nicht über seine körperliche Präsenz sichtbar, sondern über die von ihm geschaffenen Strukturen. Auch in seiner Abwesenheit bleibt er durch die Architektur gegenwärtig. Diese Abwesenheit ist keine Leere, sondern eine Spur. Sie verweist auf vergangene Bewegungen und zukünftige Nutzung. Ein Parkhaus erinnert durch seine Wegeführung, seine Markierungen und Pfeile an Fahrzeuge und ihre Fahrer, eine Passage an die zu erwartenden Besucher.
Auf den ersten Blick könnten die Gegensätze zwischen Parkhäusern und Einkaufspassagen kaum größer sein. Was verbindet diese Serien?
Die Abwesenheit von Personen ist in beiden Serien gleichwertig: im vermeintlich profanen Parkhaus ebenso wie in der opulenten Passage. Ich mag es, die mitunter unbewusst geschaffene Schönheit in den Parkbauten herauszuarbeiten und die offensichtliche in den Einkaufspassagen daneben zu zeigen.
Zwischen der ersten Idee und dem fertigen Bild liegen bei Ihnen oft Jahre. Wie steuern Sie einen Prozess, der so offen angelegt ist?
Wenn sich eine Idee immer wieder in meinen Gedanken bemerkbar macht, beginne ich mit ersten Aufnahmen, um die Umsetzung anzutesten. Manchmal stellt sich heraus, dass sie noch nicht umsetzbar ist. Sie bleibt dennoch auf der Liste. Die Serien laufen immer über längere Zeiträume, mitunter Jahre, gerne parallel. Aus der Idee wird das Konzept, das sich in der Umsetzung weiterentwickelt und nicht statisch ist.
Wann ist eine Serie für Sie abgeschlossen?
Wirklich abgeschlossen ist für mich keine meiner Serien. Aber schon während der Entstehung einer Serie gibt es für mich einen wichtigen Aspekt: die Präsentation. Zu jeder Serie suche ich das Papier oder Material, das noch die letzten fünf Prozent aus den Bildern holt und ihre Aussage verstärkt.
Technische Perfektion ist in der Fotografie heute leichter erreichbar als je zuvor. Was entscheidet jenseits der Technik über die Qualität eines Bildes?
Fotografische Qualität setzt sich für mich aus drei Elementen zusammen: einem intellektuellen, einem technischen und einem emotionalen. Ein gutes Bild fesselt meine Aufmerksamkeit, berührt mich und bewegt mich, tiefer in es einzutauchen. Ich schätze Bilder, die eine zweite und dritte Ebene bieten und eine eigenständige Bildsprache transportieren. Sie müssen nicht technisch perfekt sein, aber das Unperfekte sollte bewusst in die Komposition integriert sein. Ich möchte originäre Ideen erkennen, nicht die vierte oder fünfte Auflage anderer Bilder. Technik kann verführerisch sein, sie sollte immer nur Mittel zum Zweck bleiben. Bilder, die sich ausschließlich auf Technik und den Effekt verlassen, nutzen sich schnell ab.
Welche fotografischen Positionen haben für Sie über längere Zeit Bedeutung behalten?
Irving Penn war die erste Fotoausstellung, die ich 1981 eigenständig besucht habe. Seine Arbeiten haben mich damals beeindruckt und bis heute nichts von ihrer Kraft verloren. Die Arbeiten von Thomas Struth haben meinen Blick auf die Architekturfotografie nachhaltig beeinflusst. Darüber hinaus begleiten mich die Arbeiten von Edward Burtynsky zu Umwelt und Landschaft, Saul Leiter mit seiner Verbindung von Malerei und Fotografie sowie Letizia Battaglia mit ihrer konsequenten Auseinandersetzung mit dem Thema Mafia seit vielen Jahren. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Stephan Vanfleterens Ausstellung „Transcription of the Sea“ im MKS Gent.
Als Co-Kuratorin der Visual Gallery auf der photokina in Köln haben Sie entschieden, welche Fotografie gezeigt wird und welche nicht. Nach welchen Kriterien trifft man solche Entscheidungen?
Spannende Inhalte mit kreativen Techniken, neue Perspektiven, aktuelle Themen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Es ging um Ideen, Geschichten und Ausdruck, nicht um Produktpräsentationen. Es durften auch kontroverse Themen sein, aber nie die Provokation um der Provokation willen.
Fotografie begleitet Sie seit Ihrem sechzehnten Lebensjahr. Leben Sie die Fotografie heute so intensiv, wie Sie es sich einst gewünscht haben?
Fast. Ich empfinde es als Privileg, in der Fotografie unterwegs sein zu dürfen. Aber ich habe gelernt, dass ich auch andere Impulse brauche: Jazzmusik, klassische Musik, den Austausch über die unterschiedlichsten Themen. Die Mischung macht es.




