Zilli Schmidt © Luigi Toscano
Zilli Schmidt © Luigi Toscano

Interview und Text: Ute Noll 

Luigi Toscano, geboren 1972 in Mainz als ältestes von sieben Kindern sizilianischer Gastarbeiter, wuchs in Mainz auf. Nach dem Hauptschulabschluss arbeitete er als Dachdecker, Türsteher und Fensterputzer. Die Fotografie entdeckte er über einen Volkshochschulkurs, die Technik brachte er sich selbst bei. Seit 2015 porträtiert er mit seinem Projekt „Gegen das Vergessen" Holocaust-Überlebende und stellt die überlebensgroßen Porträts an öffentlichen Orten aus. Über 500 Aufnahmen sind entstanden; die Ausstellung war unter anderem in New York, Paris, Washington, Wien, Kiew und Genf zu sehen und erreichte fast drei Millionen Besucher. 2021 ernannte ihn die UNESCO als ersten Fotografen weltweit zum „Artist for Peace"; im selben Jahr erhielt er die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland, die er im Februar 2025 zurückgab. Mit der Werkgruppe „Kanakenkinder" porträtiert er zudem Menschen mit Migrations-hintergrund. Zuletzt erschien sein autobiografisch geprägtes Buch „Kanakenkind", das er gemeinsam mit der Journalistin Silke Kettelhake geschrieben hat. 

Sie verbringen manchmal Stunden mit Holocaust-Überlebenden, bevor Sie überhaupt fotografieren. Was passiert in dieser Zeit? 

Genau. Ich bin da nicht reingerannt, habe ein Foto gemacht und bin wieder rausgerannt. Am Anfang steht immer die Begegnung. Das Foto kommt zuletzt. Diese Nähe, die mir die Menschen durch ihre Erzählung gegeben haben, lässt keine Distanz zu. Sie hatte jedoch ihren Preis: Ich habe einen Hörsturz bekommen, Schluckprobleme, und bin therapeutisch in Behandlung, bis heute. Die Fotografie hat die einzigartige Möglichkeit, Emotionen zu verdichten und den Moment festzuhalten. Das ist im normalen Leben nicht möglich, weil alles zu schnell vergeht. Nur die Fotografie kann das.  
 

Karl Spiller © Luigi Toscano
Karl Spiller © Luigi Toscano

Sie stellen Ihre Bilder nicht in Museen oder Galerien aus, sondern auf der Straße und auf Plätzen. Warum? 

Ich komme von der Straße, ich bin auf der Straße, und ich bleibe auf der Straße. Ich will, dass meine Bilder etwas auslösen. Ich provoziere gern. Den Galerieraum fand ich nicht spannend genug. Ich bin nicht der einzige Fotograf, der Holocaust-Überlebende porträtiert. Aber ich bin der einzige, der diese Bilder in den öffentlichen Raum stellt, wo Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen, begleitet von einem Vermittlungsprogramm, das besonders Kinder und Jugendliche erreichen soll. Das Projekt war finanziell schwierig. Ich bin ohne Förderung auf eigene Faust um die ganze Welt gereist, um Überlebende zu treffen. 

Ilse Alexander © Luigi Toscano
Ilse Alexander © Luigi Toscano

Viele sehen in Ihren Bildern vor allem Leid. Zu Recht? 

Das ist falsch, das sage ich dem Betrachter auch. Man sieht einen Menschen, der alt ist, mit einer gewissen Attraktivität in der Ästhetik des Altseins. Ich würde mir niemals erlauben zu sagen, dass ich das Leid einfangen wollte. Ich durfte diesen Menschen als Ganzes kennenlernen, in der Zeit, die wir miteinander verbracht haben, nicht reduziert auf sein Leid. 

Die Zeitzeugen werden bald nicht mehr da sein. Wie verändert das Ihre Arbeit? 

Es gibt Hologramm-Projekte, bei denen Verstorbene virtuell weiter befragt werden können. Das ist sicherlich spannend, aber ich mag das nicht. Es ist befremdlich, weil ich einen ganz anderen Bezug habe zu den Überlebenden. Was sich bei mir ändern wird: Ich gehe mehr in die Installation, öffne eine andere Ebene und arbeite auch mit Ton im Raum. Wer weiß, vielleicht lassen sich die Augen in meinen Bildern eines Tages zum Leben erwecken. Ideen habe ich genug. Ich mache mir keine Sorgen. 

Luigi Toscano, Foto: privat
Luigi Toscano, Foto: privat

Sie sind als Gastarbeiterkind unter schwierigsten Verhältnissen aufgewachsen. Wie sind Sie zu dem geworden, der Sie heute sind? 

Ich bin mit sehr viel Gewalt groß geworden, Drogen, Straße, Missbrauch. Vielen Gastarbeiterkindern ging es ähnlich, manchen schlimmer. Es wäre zu einfach zu sagen: Das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Das Leben ist komplexer, meins auch. Ich hatte ein wahnsinniges Glück. Das gibt mir Halt. 

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