Gewinnerbild UNICEF Foto des Jahres 2022 © Eduardo Soteras, Argentinien, AFP (Agence France Press)
Gewinnerbild UNICEF Foto des Jahres 2022 © Eduardo Soteras, Argentinien, AFP (Agence France Press)

Interview und Text: Ute Noll 

Klaus Honnef, geboren 1939 in Tilsit (heute Sowetsk, Russland), zählt zu den einflussreichsten Stimmen der Fotografie in Deutschland. In Theorie, Ausstellungspraxis und Publizistik setzte er wegweisende Akzente und reflektierte konsequent die gesellschaftliche Funktion des Mediums. Nach dem Studium der Soziologie und Geschichte in Köln begann er als Journalist. Als Kurator der documenta 5 und 6 trug Honnef entscheidend zur Etablierung der Fotografie als künstlerischem Medium bei. Am Rheinischen Landesmuseum Bonn setzte er nachhaltige Impulse für ihre institutionelle Anerkennung und lehrte parallel als Honorarprofessor für Theorie der Fotografie in Kassel. Mit dem Begriff der Autorenfotografie leistete er einen zentralen Beitrag zur künstlerischen und gesellschaftlichen Anerkennung des Mediums. 1988 wurde er von der Französischen Republik als Chevalier de l'ordre des arts et des lettres ausgezeichnet. 2011 erhielt er den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie für sein Lebenswerk. 

Fotografie gilt immer noch vielen als Beweis. Warum ist das ein Irrtum? 
Fotografie ist kein Beweismittel. Sie zeigt nicht die Welt, wie sie ist, sondern entwirft Bilder von ihr. Diese unterscheiden sich oft nur in Nuancen von unserer Wahrnehmung, doch genau diese Nuancen sind entscheidend. Wenn wir Fotografien mit Realität verwechseln, verlieren wir den notwendigen Abstand, um Erfahrung und Wissen zu überprüfen. 

Wie lernt man, Bilder wieder zu lesen? 
Sehen muss gelernt werden, durch Übung, Vergleich und genaue Betrachtung. Heute werden Bilder konsumiert, nicht gelesen. Wer das verlernt, hält Bilder für Wahrheit und verliert die Orientierung. 

Was verstehen Sie unter dem von Ihnen geprägten Begriff der Autorenfotografie? 
Ich komme aus dem Kino, das war meine eigentliche Schule. Es hat mich gelehrt, unterschiedliche Wahrnehmungsmodi zu studieren. Daraus entstand die These der Autorenfotografie: Keine Fotografie ist neutral, sie ist immer persönlich gefärbt. Was Pierre Bourdieu Habitus nennt, prägt auch den Blick des Fotografen. Je mehr jemand die eigene Wahrnehmung beherrscht, nicht nur technisch, sondern geistig, desto deutlicher formuliert sich eine eigene Sicht auf die Realität, fundamental verschieden vom beiläufigen Knipsen. 

Was zeigt sich für Sie im heutigen massenhaften Fotografieren? 
Es geht nicht nur um Erinnerung, sondern auch um Besitzdenken. Ich muss das haben. Das spiegelt ein reales Verhältnis wider, in dem Menschen sich die Welt angeeignet und ausgebeutet haben. Gleichzeitig gibt es das Gegenteil: Philippe Descola beschreibt einen Jäger, der das Tier zugleich aus der Perspektive des Jägers und des Tieres sieht. Ein Bild, das das leistet, hört auf, Besitz zu sein, und es entsteht ein Gespräch zwischen dem Fotograf und seinem Motiv. 

Woran entscheidet sich heute Glaubwürdigkeit in der Fotografie, und welche gesellschaftliche Aufgabe kann sie übernehmen? 
Glaubwürdigkeit lässt sich fotografisch nicht garantieren. Man muss als Mensch glaubwürdig sein, damit Bilder glaubwürdig werden. Ohne diese Haltung verschwimmen Wahrheit und Fiktion gesellschaftlich insgesamt. Fotografie kann helfen, Wahrnehmung zu überprüfen, weil sie Differenzen sichtbar macht. Sie liefert keine Gewissheiten, aber sie eröffnet Gespräche. 

Porträt Klaus Honnef 2024 © Ruediger Glatz
Porträt Klaus Honnef 2024 © Ruediger Glatz

Sie waren viele Jahre Juryvorsitzender von UNICEF Foto des Jahres. Warum haben Sie die dort eingereichten Reportagen stärker überzeugt als vieles in der künstlerischen Fotografie? 
Weil sich mir durch diese Bilder eine schreckliche Welt erschlossen hat, die es so im Fernsehen nicht gibt, weil dort vieles geschönt wird. Es waren grausame Realitäten, zugleich aber in ästhetisch und formal hervorragenden Bildern festgehalten. Dieser Einblick in sonst verschlossene Welten und die Überraschung darüber haben mich stärker überzeugt als vieles in der künstlerischen Fotografie, auch wenn mich das sehr mitgenommen hat. 

Sie sagen, Bilder lesen sei existenziell wichtig. Was meinen Sie damit? 
Ich bin einen Monat nach dem deutschen Überfall auf Polen geboren. Das hat mich geprägt. Bilder können helfen, Realität zu verstehen, oder sie verdecken sie, wenn wir aufhören, sie zu lesen. Das ist keine akademische, sondern eine grundsätzliche Frage. 

Was eröffnet Ihr soziologisch geprägter Zugang zur Fotografie, den kunsthistorische Kategorien nicht leisten können? 
Ich bin kein Kunsthistoriker, sondern Soziologe, und das war für meine Praxis ein Glücksfall. Kunsthistorische Kategorien reichen nicht aus, um zu verstehen, wie Bilder Wahrnehmung, Erinnerung und Orientierung prägen. Dafür muss man Fotografie als Teil gelebter Wirklichkeit begreifen. 

Was überrascht Sie in der aktuellen Fotografie noch? 
Ehrlich gesagt: wenig. Vieles habe ich schon gesehen, nur unter anderen Namen. Es herrscht eine geistig-künstlerische Korruption im Kunstbetrieb. Aber es gibt Ausnahmen. H. G. Esch hat die Architekturfotografie neu erfunden, indem er ihr ein barockes, optimistisches Element hinzugefügt hat. Das begeistert mich. Die Überraschung ist noch möglich. Man muss nur genau hinschauen. 

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