Howard Greenberg © Bastiaan Woudt
Howard Greenberg © Bastiaan Woudt
Der erste Gruber-Award-Preisträger über Fotografie, Sammeln und die Verantwortung des Marktes

Howard Greenberg zählt seit mehr als vier Jahrzehnten zu den prägenden Persönlichkeiten des internationalen Fotokunstmarkts. Anlässlich der ersten Vergabe des GRUBER AWARD der DGPh sprach der New Yorker Galerist und Sammler mit Thomas Gerwers über die Entwicklung der Fotografie als Kunstform, über die Rolle von Galerien und Sammlern und über die Veränderungen des Marktes im digitalen Zeitalter.

Howard Greenberg Galerie
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Obwohl Greenberg Renate und L. Fritz Gruber nie persönlich begegnet ist, sieht er deutliche Parallelen zwischen deren Engagement und seiner eigenen Arbeit. Er verweist auf die Bedeutung der photokina als internationales Forum, auf das Sammeln wichtiger Werke der Fotografiegeschichte und vor allem auf den Anspruch der Grubers, einem breiten Publikum die kulturelle Bedeutung der Fotografie zu vermitteln. Auch Greenbergs Arbeit – von der Gründung des Center for Photography in Woodstock über seine eigene Sammlung bis zur Zusammenarbeit mit Museen und Galerien weltweit – sei von einem ähnlichen Verständnis geprägt gewesen.

Howard Greenberg Galerie
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Rückblickend beschreibt Greenberg die Anerkennung der Fotografie als Kunst als langen Prozess. Zwei Vorbehalte hätten das Medium über Jahrzehnte begleitet: seine kommerzielle Nutzung und seine technische Reproduzierbarkeit. Persönlichkeiten wie Alfred Stieglitz, Beaumont Newhall, John Szarkowski und die Grubers hätten entscheidend dazu beigetragen, Fotografie als eigenständiges künstlerisches Medium zu etablieren. Einen Wendepunkt für den Markt sieht Greenberg im Jahr 1984, als das Getty Museum für rund 30 Millionen Dollar mehrere bedeutende Privatsammlungen und seltene Werke erwarb. Damit sei erstmals auch einer breiteren Öffentlichkeit deutlich geworden, welchen Stellenwert Fotografien als Kunstobjekte erreichen konnten.

Dorothea Lange, „Migrant Mother, Nipomo, California“, 1936. Courtesy Howard Greenberg Galerie
Dorothea Lange, „Migrant Mother, Nipomo, California“, 1936. Courtesy Howard Greenberg Galerie

Seine eigene Erfahrung als Fotograf habe seine spätere Arbeit als Galerist wesentlich geprägt. Sie habe ihn gelehrt, „die Sprache der Fotografie“ zu verstehen – von der Qualität eines Abzugs bis zur Notwendigkeit, nicht nur einzelne Bilder, sondern ganze Werkgruppen zu beurteilen. Erst in der Gesamtschau lasse sich die individuelle Handschrift eines Fotografen wirklich erfassen.

Die Beziehung zwischen Galerie und Fotograf versteht Greenberg ausdrücklich als Partnerschaft. Eine Galerie müsse weit mehr leisten als den Verkauf von Werken. Dazu gehörten Entscheidungen über Editionen, Formate, Rahmung und Ausstellungen ebenso wie die gezielte Platzierung in institutionellen und privaten Sammlungen. Entscheidend sei für ihn nicht allein der Verkauf, sondern die Qualität der Platzierung: Arbeiten sollten dort ankommen, wo sie gesehen, bewahrt und langfristig in einen relevanten kulturellen Zusammenhang eingebunden werden.

André Kertész, „Chez Mondrian, Paris“, 1926. Courtesy Howard Greenberg Galerie
André Kertész, „Chez Mondrian, Paris“, 1926. Courtesy Howard Greenberg Galerie

Auch das Sammeln begreift Greenberg als ausgesprochen persönliche Tätigkeit. Seine eigene Sammlung, die 2018 vom Museum of Fine Arts in Boston übernommen wurde, spiegele sowohl sein Verständnis von Fotografie als auch seine Lebensarbeit wider. Zugleich verbindet er mit dem Übergang einer privaten Sammlung in eine öffentliche Institution eine klare Erwartung: Eine Sammlung dürfe nicht nach einer Ausstellung oder Publikation im Depot verschwinden. Institutionen hätten die Verantwortung, ihre Bestände immer wieder neu zu betrachten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Für den heutigen Fotokunstmarkt bleiben nach Greenbergs Einschätzung Autorschaft, Provenienz, Abzugsgeschichte und Expertenwissen unverzichtbar. Bei zeitgenössischer und digital entstandener Fotografie kämen jedoch weitere Kriterien hinzu, etwa Auflagen, Printkontrolle und unterschiedliche Werkfassungen. Zugleich habe die Digitalisierung den Markt grundlegend verändert. Klassische Meisterwerke des 19. und 20. Jahrhunderts würden zunehmend seltener, während sich Preise und Sammlerstrukturen verschöben.

Edward Weston, „Nahui Olín“, 1923. Courtesy Howard Greenberg Galerie
Edward Weston, „Nahui Olín“, 1923. Courtesy Howard Greenberg Galerie

Trotz dieser Veränderungen blickt Greenberg grundsätzlich zuversichtlich auf die Zukunft der Fotografie. Das Medium sei international fest in Museen, Universitäten, Archiven, Sammlungen und Stiftungen verankert. Menschen sammelten Fotografien weiterhin aus persönlicher Begeisterung, und Galerien behaupteten sich weltweit. Sein eigener vielleicht wichtigster Beitrag, so Greenberg, bestehe darin, Fotografen sichtbar gemacht zu haben, die lange außerhalb des etablierten Kunstkanons standen – Fotojournalisten, Street-Fotografen sowie Mode- und Werbefotografen, die zuvor in der Fotografiegeschichte kaum berücksichtigt wurden.

Für die kommende Generation wünscht sich Greenberg vor allem eines: echte Leidenschaft für Fotografie, verbunden mit der Bereitschaft, sich selbst und andere weiterzubilden und die Begeisterung für das Medium weiterzugeben.

Martin Munkácsi, „Lucile Brokaw, Harper’s Bazaar“, Dezember 1933. Courtesy Howard Greenberg Galerie
Martin Munkácsi, „Lucile Brokaw, Harper’s Bazaar“, Dezember 1933. Courtesy Howard Greenberg Galerie

Howard Greenberg wird 2026 gemeinsam mit Astrid Ullens de Schooten Whettnall mit dem erstmals vergebenen GRUBER AWARD der DGPh ausgezeichnet. Die von der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens initiierte Auszeichnung würdigt Persönlichkeiten, die den Fotokunstmarkt, das Sammeln und die Vermittlung fotografischer Kunst nachhaltig geprägt haben. Die Preisverleihung findet am 13. November 2026 in Paris im Rahmen der Paris Photo Week statt.

Das vollständige Interview mit Howard Greenberg erscheint auf ProfiFoto.de:

https://www.profifoto.de/szene/notizen/2026/10/06/fotografie-ist-als-kunstform-tief-verwurzelt/

Transparenzhinweis: Das Gespräch führte ProfiFoto-Herausgeber Thomas Gerwers. Er ist zugleich Vorsitzender der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht, die den GRUBER AWARD anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens ins Leben gerufen hat.