
Interview und Text: Ute Noll
Ditmar Schädel, geboren 1960 in Stade, zählt zu den Fotografen, die das Medium nicht nur praktizieren, sondern auch vermitteln. Er studierte Kulturpädagogik und ist seit 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg-Essen, wo er das Fachgebiet Kunst und Gestaltung betreut. Seine fotografische Praxis bewegt sich zwischen dokumentarischen Langzeitbeobachtungen und experimentellen, materialbezogenen Verfahren w ds der DGPh.
Wie würden Sie Ihre Arbeit heute beschreiben, und was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Vermittlung hat mich schon im Studium interessiert, und das ist geblieben: 40 Jahre Seminare, Projekte, Ausstellungen, immer mit dem Anspruch, Theorie, Geschichte und künstlerische Praxis zu verschränken. Ein Blick über den Tellerrand, der mir wichtig war.
In den 1990er Jahren haben Sie fotografische Langzeitbeobachtungen zum Wandel in der ehemaligen DDR gemacht. Was hat Sie daran interessiert, und was hat diese Arbeit über das Medium Fotografie gelehrt?
Die Zeit der Wende war überaus spannend, ich habe die Öffnung der Mauer direkt in Berlin erlebt. Gemeinsam mit Klaus Dießen bin ich unzählige Male in die damals für uns fremde und auch vertraute DDR gefahren, und uns kam sofort der Gedanke, die Besonderheiten fotografisch festzuhalten. Die Änderungen waren teils frappant, teils nur an Details abzulesen. Durch die Arbeit sind wir vielen Menschen nahegekommen und haben im Folgeprojekt „Angesehen“ einen Weg gefunden, durch Bild und Text die individuellen Befindlichkeiten der Jahre 1990 bis 1995 zu zeigen. Die Erfahrung mit der Fotografie war überraschend, aber im Grunde auch erwartbar: Fotografische Bilder scheinen unumstößliche Dokumente zu sein, in der Reaktion bei unseren Ausstellungen wurde aber deutlich, wie schnell das Bildgedächtnis brüchig wird.
Wie entwickelt sich ein Vorhaben von Ihnen von der ersten Idee bis zur Umsetzung?
Meine wichtigsten Projekte sind nicht allein entstanden, sondern im Duo oder in Gruppen. Das kollaborative Miteinander macht solche Vorhaben so wertvoll.
Woran erkennen Sie fotografische Qualität in den Arbeiten anderer?
Je mehr ich gesehen habe, desto wichtiger wurde der Gehalt hinter dem Bild: die Auseinandersetzung mit Konzept, Geschichte und Umsetzung.

Sie nennen das Fotogramm und die Camera obscura als Felder, die Sie faszinieren. Was sagen diese archaischen Verfahren über das Medium, was die digitale Praxis nicht sagen kann?
Der Umgang mit dem fotografischen Verfahren ist viel direkter und unmittelbarer. Ob es die Aufnahmemodalitäten der Lochkamera sind, etwa nur ein Bild pro Kamera, die Wahl bei der Konstruktion des Apparats oder der große Anteil zufälliger Elemente bei der Aufnahme. Ebenso verhält es sich beim Fotogramm: die fast schon meditative Arbeit in der Dunkelkammer, der direkte Lichteinfluss auf das Ergebnis, die Überraschung und der offene Prozess sind für mich immer wieder faszinierend. Die Installation in der Hannoveraner Ägidienkirche, einer Kriegsruine, die heute als Mahnmal dient, überträgt das Körperfotogramm als Schattenabdruck in den öffentlichen Raum: Sie erinnert an die Menschen, die durch den Lichtblitz der Atombombe nur noch als Schatten auf Stein sichtbar blieben, in Hiroshima wie in Nagasaki.
Wie nehmen Sie aktuelle gesellschaftliche und technologische Entwicklungen im Umgang mit Fotografie wahr?
Die künstlerische Fotografie hat sich ihre Sichtbarkeit und Relevanz im Kunstkontext erarbeitet. Dass es zunehmend Dilettanten im besten Sinne gibt, die mit ihren Fotografien Erfolg haben, ist ein Zeichen der Omnipräsenz fotografischer Bilder.
40 Jahre Vermittlung — was hat sich als unveränderlich erwiesen, was hat sich gewandelt?
Fotografie als Medium immer neu zu befragen, ist für mich immer ein Antrieb geblieben. Verändert haben sich die Kontexte: In Hildesheim ging es eher um Fotografie in künstlerischen Konzepten, in größeren Ausstellungsprojekten und ortsbezogenen Installationen. Am Zentrum für Musik und Kunst in Duisburg stand die freie, individuelle Haltung der Teilnehmenden im Vordergrund. Im interdisziplinären Studium dort, das Informatik und Psychologie verbindet, geht es heute vor allem um fotografische Strategien für Kommunikationsprozesse.


