
Im Rahmen „Fotokunst und Fotoszene heute“ diskutierten Thomas Gerwers und Peter Truschner im Mai 2026 gemeinsam mit Boris Eldagsen und weiteren Teilnehmern über aktuelle Entwicklungen in der Fotoszene. Im Mittelpunkt standen Fragen nach Problemen bei Lehre, Vermittlung und Förderung von Fotografie, ihrer prekären Stellung im tradierten Kulturbetrieb, der Rolle der Sozialen Medien und neuen Herausforderungen bei der Bildproduktion in Zeiten von KI.
In seiner Kolumne „Fotolot“ beim Online-Magazin „Perlentaucher“ kritisiert Truschner immer wieder den gegenwärtigen (Foto-)Kunstbetrieb. Im Talk sprach er über den „Neofeudalismus“ (Wolfgang Ullrich) in der Kunst, die ausufernde Verschulung und Verbeamtung des deutschsprachigen Kulturbetriebs, und die problematische Konzentration vorhandener Mittel auf zu wenige institutionelle Akteure. All das würde Innovation und Experimentierfreudigkeit behindern, dabei Konformismus und Cliquenwesen begünstigen.
Boris Eldagsen wies in diesem Zusammenhang auf die Rolle der „Aboutness“ bei Portfolio Reviews hin. Portfolios müssten eine klar erkennbare Story – Familie, Coming of Age, projektbezogene Dokumentation – aufweisen, und dabei im Idealfall Narrative bedienen, die gerade hoch im Kurs stehen, von „Female Gaze“ bis „Klimawandel“. Alles Vieldeutige, auf den ersten Blick schwer Fassbare, falle dabei zielsicher unter den Tisch, so Eldagsen.
Truschner wies in diesem Zusammenhang auf die geschlossene Förder- und Vermittlungskette hin: Was an Hochschulen gelehrt, von Kulturämtern gefördert, von Kuratorinnen ausgestellt und von Kulturjournalisten besprochen wird, sei mehr oder weniger deckungsgleich und Sinne einer reibungslosen Verwertung aufeinander abgestimmt, ohne dass es dafür einer Absprache bedürfe.
Durch die in den Sozialen Medien generierte Bilderflut gerät die professionelle Fotografie zunehmend unter Druck. Anfangs hatten Formate wie Instagram durchwegs positive Auswirkungen auf die Vernetzung innerhalb der Szene sowie die Verbreitung und den Verkauf von Fotografie. Durch die mit den Sozialen Medien verbundenen Sehgewohnheiten, die eher den Konsum befördern als die Konzentration, sowie die Bildproduktion durch KI, werden Status und Wert des fotografischen Einzelbilds stark in Frage gestellt. Das hat direkte Auswirkungen auf das Einkommen von Fotografinnen und Fotografen. Diskussionsteilnehmer Jens Pepper wies darauf hin, dass Medien im Grunde nichts mehr für die Fotos von Profis bei Bildagenturen bezahlen wollen, und viele dieser Bilder zukünftig generell durch KI-generierte Prompts ersetzt würden.
Truschner berichtete von Reaktionen des Fotokunstbetriebs auf diese Situation, etwa im „Collector’s Circle“ der „Paris Photo“. Sammler und Galeristinnen würden auf deutliche Reduktion von Auflagen drängen, um die Exklusivität zu erhöhen. Der Idealfall wäre dabei das großformatige, hochpreisige Unikat. Auch auf anderer Ebene bewegt sich der High-End Sektor in Richtung Bildender Kunst: Es gibt auf Messen immer mehr Mixed Media zu sehen. Besonders beliebt dabei: übermalte oder anderweitig bearbeitete Fotografie – eine Methode, in der sich Unikate problemlos in Serie herstellen lassen.
Zum Abschluss äußerte Truschner seine Hoffnung, dass sich eine neue Generation das Terrain der Fotografie, der Kunst und der Kollaboration untereinander neu erobert, wie das etwa in der Musik der Fall ist. Als Reaktion auf Streamingdienste wie „Spotify“ haben Live-Konzerte einen Boom erlebt und sind zur Einahmensquelle von Bands geworden, die bei Streamingdiensten so gut wie leer ausgehen. Es wäre eine interessante Herausforderung, so Truschner, Live-Erlebnis und Exklusivität in Zusammenhang mit der Präsentation von Fotografie abseits von zeitlich begrenzten Festivals und Ausstellungen neu zu denken und zu organisieren.
Der Online-Talk machte deutlich, dass Fotografen und Fotografinnen heute mehr denn je vor der Herausforderung stehen, künstlerische Qualität, gesellschaftliche Relevanz und wirtschaftliche Realität miteinander in Einklang zu bringen, nicht zuletzt, um am Ende des Tages davon leben zu können.
Den Online-Talk finden Sie in der DGPh-Mediathek