
Text und Interview: Ute Noll
Seit 1992 leitet Celina Lunsford künstlerisch das Fotografie Forum Frankfurt und kuratiert dessen Programm. Zu einer Zeit, als die Trennung zwischen künstlerischer und angewandter Fotografie noch weit verbreitet war, machte sie keinen Unterschied zwischen beiden: Street Photography, Musik- und Modefotografie und inszenierte Arbeiten stehen im Programm, von Imogen Cunningham über Stephen Shore, Wolfgang Zurborn und Viviane Sassen bis Aïda Muluneh. Zudem bringt sie Perspektiven junger Fotograf*innen immer wieder mit historischen Arbeiten in Dialog. Für den Ehrengast Island auf der Frankfurter Buchmesse stellte sie in einem Bildband Fotografien von fünfzig Fotografinnen und Fotografen aus 150 Jahren einander gegenüber. Aus dem von ihr aufgebauten Workshopprogramm wurde die FFF Akademie, eine der am längsten bestehenden in Europa. Sie ist Mitbegründerin der RAY Triennale, gehört seit 2010 dem Nominierungskomitee des Prix Pictet an und ist seit 2022 Honorarprofessorin an der Hochschule Darmstadt als Nachfolgerin von Barbara Klemm. Die 1960 in Asheville geborene US-Amerikanerin wuchs in einer Familie von Musikern, Songwriter und Künstlern auf, studierte Kunstgeschichte in Tennessee und Fotografie in New York und kam Mitte der 1980er Jahre nach Deutschland.
Sie beschreiben ein Foto Ihrer Eltern kurz nach Ihrer Geburt als das erste Bild, das Sie wirklich berührt hat. Was hat diese persönliche Begegnung für Ihr Verständnis davon geprägt, was ein Bild leisten kann?
Ein Bild hält nicht nur einen Moment fest, sondern macht Emotionen, Lebenserfahrungen und Geschichte unmittelbar erfahrbar. Jeden Tag blicke ich auf das erste Foto von mir, als meine Eltern mich aus dem Krankenhaus trugen. Ich betrachte auch das Foto selbst: quadratisches Format, Schwarzweiß, gezahnte Ränder, am Rand das Datum 1960. Mein Vater war zuvor todkrank gewesen, man hatte ihm gesagt, er könne keine Kinder mehr bekommen. Meine Eltern sind darauf sichtlich glücklich und blicken auf mich herab. Welche Geschichten wurden uns zu bestimmten Fotos erzählt, welche Bildunterschriften begleiten sie? Darin zeigt sich, was eine Fotografie offenbaren und auslösen kann, nicht nur über uns als Menschen, sondern über die Kultur und die Gesellschaft, in die wir hineingeboren werden.
Als Sie Mitte der 1980er Jahre nach Deutschland kamen: Was galt hier als selbstverständlich, das Ihnen nicht einleuchtete? Und was haben Sie daraus für Ihre Arbeit gelernt?
Als ich Mitte der 1980er Jahre nach Deutschland kam, war die Auffassung weit verbreitet, Künstler könnten Fotokunst machen, Fotografie aber sei keine Kunst. Das war das Problem, besonders als mir ein Museumsdirektor einmal sagte, „Fotojournalismus“ gehöre nicht in seine Fotosammlung. Sobald ich die Leitung des FFF übernommen hatte, sorgte ich dafür, dass mein Programm zeigte, wie vielschichtig Fotografie ist. Für mich ging es darum, die Kluft zwischen den Arten von Fotografie zu überwinden, die hier als künstlerisch anerkannt wurden oder eben nicht. Bis heute „entschuldigen“ sich manche Kunstfotografen dafür, Auftragsarbeiten anzunehmen. Ich bin mit US-amerikanischen Sammlungen groß geworden. Fotografie ist großer Literatur ebenbürtig, wenn sie sich mit der menschlichen Existenz auseinandersetzt. Das galt dort unabhängig davon, ob sie dokumentarisch, fotojournalistisch oder abstrakt war.
Mehrere Ihrer Ausstellungen kehren zu historischen Werken oder Wegen zurück und lassen sie im Licht der Gegenwart neu lesen. Gerade das Vergangene diene der Zukunft der Fotografie, sagen Sie, obwohl beides meist als Gegensatz gedacht wird. Woher kommt diese Überzeugung?
Die Vergangenheit ist wie ein Ozean mit Wellen, die uns entdecken und wiederentdecken lassen. Als Kuratorin macht man Verbindungen sichtbar und bringt Ausreißer wieder ins Spiel. Ein Beispiel dafür war die Ausstellung Danube Revisited. Dort verband ich meine Auswahl aus Inge Moraths Lebenswerk mit Preisträgerinnen des Inge Morath Prize. Sie bereisten den Fluss, manche mit ihren Kindern, und erfuhren im Schnelldurchlauf, warum sich Inge Morath für dieses Thema so engagierte. Ein anderes Beispiel war Aïda Mulunehs Ausstellung On the Edge of Past Future. Sie erzählt von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und davon, wie die Geschichte Äthiopiens ihre Arbeit prägt. Die Besucherinnen und Besucher waren überwältigt von der Art, wie Muluneh Würde, Widerstandskraft und Leid sichtbar macht. Das Archiv einer Fotografin oder eines Fotografen neu zu sichten, ist eines der größten Privilegien als Kuratorin.
Sie sitzen seit Jahrzehnten in Jurys und Mentorenprogrammen. Woran erkennen Sie eine Arbeit, die Bestand hat, und was macht einen guten Fotopreis aus?
Jeder Preis hat seine eigenen Parameter, also muss man zuerst verstehen, warum man in die Jury berufen wurde. Wie bei einer thematischen Ausstellung muss man mit dem arbeiten, was auf dem Tisch liegt, und die Auslober überraschen. Ein gutes Edit ist entscheidend, das erkennen wir innerhalb von Sekunden. Bleibe ich durch die Bildauswahl neugierig und überrascht, oder komme ich von dem ab, worum es eigentlich geht? Lässt das Thema Raum für Interpretation? Ich möchte mich in Bilder vertiefen können, über sie nachdenken und den Wunsch entwickeln, mehr zu erfahren. Ich vergebe gerne einen Preis an jemanden, von dem ich zuvor noch nie gehört habe. Die Zahl der Preise ist in den vergangenen Jahren explodiert. Preisstifter sollten stärker darauf achten, dass ein Preis mehr ermöglicht als eine einmalige Auszeichnung und den Ausgezeichneten langfristig neue Möglichkeiten eröffnet.
Mit den Ausstellungen zu den Gastländern der Frankfurter Buchmesse haben Sie sich immer wieder in fremde fotografische Szenen eingearbeitet. Was haben Sie dabei über Ihren eigenen Blick gelernt?
Bei meiner Ankunft in Deutschland hatte ich bereits eine andere Art, Fotografie wahrzunehmen. Das lag nicht nur an meinem amerikanischen Blick. Ich hatte auch ein Jahr in Großbritannien gelebt und war durch Europa gereist. Teile meiner Familie leben heute in Frankreich, der Türkei, Kanada und inzwischen auch China. Mein Anliegen war, den fotografischen Reichtum jedes Landes herauszuarbeiten. Oft brachte ich Künstler zusammen, die in ihrem Land nie damit gerechnet hätten, gemeinsam ausgestellt zu werden. 2025 etwa zeigte ich Arbeiten von Nana Buxani, einer der erfolgreichsten Fotojournalistinnen der Philippinen, und Augustine Paredes, einem transdisziplinär arbeitenden queeren Künstler. Beide stammen aus Mindanao, verfolgen unterschiedliche Ansätze und beschäftigen sich mit ähnlichen sozialen Konflikten und Lebensrealitäten.




