
Die Deutsche Gesellschaft für Photographie trauert um Duane Michals, der am 9. Juni 2026 im Alter von 94 Jahren in New York verstorben ist. Mit ihm verliert die Fotografie einen ihrer großen Erzähler, einen Poeten und Philosophen des Bildes – und die DGPh einen ihrer bedeutendsten Preisträger: 2017 wurde Duane Michals mit dem Kulturpreis, der höchsten Auszeichnung unserer Gesellschaft, geehrt. Die Verleihung fand in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln statt.
Am 18. Februar 1932 in McKeesport, Pennsylvania, geboren, kam Michals auf Umwegen zur Fotografie: über ein Grafikdesign-Studium in Denver, einen Militärdienst, der ihn auch nach Deutschland führte, und schließlich eine Reise in die Sowjetunion im Jahr 1958, auf der – mit geliehener Kamera – seine ersten Aufnahmen entstanden. Was als Zufall begann, wurde zu einem Lebenswerk, das die Möglichkeiten des Mediums grundlegend erweiterte.
In einer Zeit, in der die Fotografie vom Bildjournalismus und vom Ideal des „entscheidenden Augenblicks" geprägt war, ging Michals den entgegengesetzten Weg. Ihn interessierte nicht das eine, dokumentarisch verbürgte Bild, sondern das, was sich der Kamera eigentlich entzieht: Träume, Begehren, Erinnerung, Vergänglichkeit, das Metaphysische. Seit den 1960er Jahren entwickelte er seine berühmten Sequenzen – inszenierte Bildfolgen wie „The Fallen Angel" oder „Chance Meeting", die wie kleine Bühnenstücke funktionieren und der Fotografie das Erzählen beibrachten, lange bevor das Wort „Storytelling" zur Floskel wurde. Ebenso wegweisend war seine zweite Erfindung: der handgeschriebene Text auf dem Abzug, der nicht beschreibt, was das Bild zeigt, sondern ausspricht, was es nicht zeigen kann. Bereits 1970 widmete ihm das Museum of Modern Art in New York die Einzelausstellung „Stories by Duane Michals".
Michals war ein Künstler von unerschöpflicher Neugier. Er übermalte seine Silbergelatineabzüge, später historische Ferrotypien des 19. Jahrhunderts, schuf eindringliche Porträts – von René Magritte bis Andy Warhol –, verhandelte in seinem Werk früh und offen queere Themen und wandte sich im hohen Alter mit derselben Lust am Experiment dem Kurzfilm zu. Sich selbst verstand er weniger als Fotografen denn als Expressionisten, der sich sein Medium nach Bedarf wählte. „Ich glaube, Fotografien sollten provozieren und einem nicht erzählen, was man ohnehin schon weiß", hat er gesagt – ein Satz, der sein Werk ebenso treffend beschreibt wie seinen Witz.
Wer Duane Michals begegnete, auch 2017 in Köln, erlebte einen Künstler von entwaffnender Wärme, Schlagfertigkeit und Tiefe – einen Fragenden, der die großen Themen des Lebens mit Leichtigkeit verhandelte. Die Fotografie verdankt ihm die Erkenntnis, dass ein Bild nicht beweisen, sondern erzählen, zweifeln und träumen darf. Im Jahr unseres 75-jährigen Bestehens nehmen wir Abschied von einem Künstler, der die Geschichte unserer Gesellschaft und unseres Mediums bereichert hat.
Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Freunden und Weggefährten.
Deutsche Gesellschaft für Photographie e.V.
Ruediger Glatz, Vorsitzender