Thomas Gerwers © Jürgen Bode
Thomas Gerwers © Jürgen Bode

Text und Interview: Ute Noll

Thomas Gerwers ist seit 1991 Chefredakteur der Fachzeitschrift Profifoto, die heute ausschließlich digital erscheint, und engagiert sich seit Jahrzehnten für die Fotografie und ihre kulturpolitischen Rahmenbedingungen. Mit dem 2006 initiierten Canon ProfiFoto Förderpreis, aus dem später der Profifoto New Talent Award hervorging, setzte er wichtige Impulse für die Förderung fotografischer Nachwuchstalente. Im Deutschen Fotorat wirkte er am Positionspapier zu KI-Bildgeneratoren mit und engagierte sich für die Anerkennung analoger Fotografie als immaterielles Kulturerbe. Seit 2008 ist der 1965 in Neukirchen-Vluyn geborene Journalist Chairman der Technical Image Press Association (TIPA), einem internationalen Zusammenschluss führender Fotopublikationen. Seit 2022 leitet er als Vorsitzender die DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht.

Fotogipfel Oberstdorf 2024; Im Panel mit der damaligen Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Foto: privat
Fotogipfel Oberstdorf 2024; Im Panel mit der damaligen Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Foto: privat

Sie begleiten den Fotomarkt und die Fotoszene als Fachjournalist seit Jahrzehnten. Was wurde aus Ihrer Sicht in dieser Zeit besonders unterschätzt oder falsch eingeschätzt?

Jede neue Technik verändert grundlegend die fotografische Kultur, das wurde immer wieder unterschätzt. Die Digitalisierung hat Produktion, Distribution und Rezeption von Bildern verändert, nicht nur die Technik selbst. Ähnliches gilt heute für die künstliche Intelligenz. Auch hier zählt am Ende nicht das Werkzeug, sondern was es mit unserem Begriff von Fotografie macht. Gleichzeitig wurde immer wieder vorschnell das Ende bestimmter Formen ausgerufen, etwa des Fotobuchs, des Prints oder der klassischen Fotografie. Häufig trat jedoch das Gegenteil ein. Am stärksten unterschätzt wird vermutlich die Bedeutung des Kontexts.

Als Chairman der Technical Image Press Association, TIPA, vertritt Thomas Gerwers die internationale Fotofachpresse. Foto: privat
Als Chairman der Technical Image Press Association, TIPA, vertritt Thomas Gerwers die internationale Fotofachpresse. Foto: privat

Nach Jahrzehnten als Redakteur, Kurator, Fotograf und Verleger können Sie heute noch von einem Foto überrascht werden?

Natürlich, sonst müsste ich vermutlich aufhören. Überrascht werde ich allerdings immer seltener durch rein formale Effekte. Wir haben heute mehr Bilder gesehen als jede Generation vor uns. Umso stärker reagieren wir auf Fotografien, bei denen sich nicht sofort erklären lässt, warum sie funktionieren. Mich interessieren Fotografien, an denen der Blick hängen bleibt, weil etwas nicht vollständig aufgeht und sich mit der Zeit verändert. Vielleicht liegt genau darin eine Definition fotografischer Qualität: Ein Bild ist nach dem ersten Sehen noch nicht ausgeschöpft.

In welchem Verhältnis stehen heute Marktwert und künstlerische Qualität einer Fotografie?

Marktwert und künstlerische Qualität sind unterschiedliche Kategorien, die sich gelegentlich überschneiden. Der Preis sagt zunächst etwas darüber aus, wie ein Markt ein Werk bewertet, nicht zwangsläufig, wie bedeutend es fotografisch oder kunsthistorisch ist. Natürlich spielen Reputation, institutionelle Anerkennung, Galeriearbeit und Provenienz eine Rolle, aber Märkte entwickeln auch eigene Dynamiken. Rekordpreise lassen sich leicht vermitteln, während sich künstlerische Qualität kaum in einer Schlagzeile erklären lässt. Dadurch werden ökonomische und künstlerische Bedeutung leicht verwechselt. Über Preise zu berichten ist legitim. Journalismus sollte aber erklären, in welchem Zusammenhang sie entstehen und was sie wirklich aussagen.

ProfiFoto Pop Up Galerie in Arles 2025 Foto: privat
ProfiFoto Pop Up Galerie in Arles 2025 Foto: privat

Sie sichten seit Jahrzehnten Portfolios, Ausstellungen und Buchprojekte und engagieren sich für die Förderung neuer fotografischer Positionen. Woran erkennen Sie Potenzial?

Das lässt sich selten an einem einzelnen Bild erkennen. Entscheidend ist, ob jemand über eine längere Strecke eine eigene Haltung entwickelt. Ein gutes Portfolio besitzt eine innere Notwendigkeit. Die Bilder gehören zusammen, ohne sich zu wiederholen, und man spürt, dass bewusst entschieden wurde, was gezeigt und was weggelassen wird. Editing ist dabei mindestens so wichtig wie das Fotografieren selbst. Langfristiges Potenzial hat eine Arbeit, wenn sie nicht nur eine visuelle Idee zeigt, sondern weitere Fragen öffnet. Eine Karriere beginnt selten mit dem großen Durchbruch. Häufig beginnt sie unspektakulärer: Jemand nimmt eine Arbeit ernst, zeigt sie oder vermittelt einen Kontakt. Entscheidend war beispielsweise beim Profifoto Förderpreis nie, fertige Karrieren auszuzeichnen, sondern Entwicklungen sichtbar zu machen, bevor sie breitere Aufmerksamkeit erhalten. Geld allein war nie das Wichtigste. Entscheidend waren Öffentlichkeit, Kritik und Kontakte.

Eigene Arbeiten publiziert Thomas Gerwers unregelmäßig als Fotobuch. Foto: privat
Eigene Arbeiten publiziert Thomas Gerwers unregelmäßig als Fotobuch. Foto: privat

Mit No Body to Own haben Sie zuletzt selbst ein umfangreiches fotografisches Buchprojekt veröffentlicht. Wie verändert sich der Blick, wenn man die eigene Arbeit denselben Kriterien aussetzt?

Das fällt schwerer als bei den Arbeiten anderer. An jedem eigenen Bild hängt eine Erinnerung oder persönliche Bedeutung. Die Herausforderung besteht darin, beides vom Bild zu trennen. Für den Betrachter zählt am Ende nicht, was ich beim Fotografieren erlebt habe, sondern nur das, was tatsächlich im Bild sichtbar wird. Bei No Body to Own war das Editing deshalb der wichtigste Teil des Prozesses: Aus vielen Bildern musste eine Sequenz mit eigener Dramaturgie entstehen. Eine solche Erfahrung macht auch vorsichtiger mit schnellen Urteilen über die Arbeit anderer, weil man selbst erlebt, wie viel Zweifel und Verwerfen hinter einer Bildfolge stecken können.

Blick in die ProfiFoto Pop Up Galerie bei den Rencontres Arles 2026. Foto: privat
Blick in die ProfiFoto Pop Up Galerie bei den Rencontres Arles 2026. Foto: privat

Bei Ihren eigenen fotografischen Arbeiten spielen Materialität, Druck und Präsentation eine wichtige Rolle. Gleichzeitig erscheint ProfiFoto nur noch digital. Ist das ein Widerspruch?

Für mich überhaupt nicht. Ein fotografischer Print und eine gedruckte Zeitschrift erfüllen unterschiedliche Funktionen. Bei fotografischen Arbeiten kann die Materialität Teil des Werks sein. Format, Papier und Druckverfahren beeinflussen, wie ein Bild wahrgenommen wird. Bei einem journalistischen Medium zählt dagegen, wie Inhalte ihre Leser am besten erreichen. Heute sprechen dafür oft digitale Formen. Entscheidend ist, welches Medium der jeweiligen Aufgabe gerecht wird. Das gedruckte Fotobuch bleibt dennoch wichtig.

Seit 2025 lebt und arbeitet Thomas Gerwers in Berlin (hier mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer). Foto: Marco Urban
Seit 2025 lebt und arbeitet Thomas Gerwers in Berlin (hier mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer). Foto: Marco Urban

Was hat Sie eigentlich zum Schreiben und schließlich in den Fotojournalismus geführt, und was hält Ihre Begeisterung für das Publizieren bis heute aufrecht?

Nach dem Abitur habe ich eine verkürzte Ausbildung absolviert und ein Jahr in den USA gearbeitet. Gleichzeitig arbeitete ich als freier Mitarbeiter für eine Fachzeitschrift. Daraus entwickelte sich zunächst ein Redaktionsvolontariat und schließlich der journalistische Weg. Seit 1990 arbeite ich als Fotofachjournalist, seit 1991 als Chefredakteur von Profifoto. Die Begeisterung liegt für mich bis heute im Kuratieren, Einordnen und Vermitteln von Fotografie.

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