Fotokunst: Vom Spezialmarkt zur etablierten Kunstform

Vom Boom der spezialisierten Fotoauktionen um die Jahrtausendwende bis zur selbstverständlichen Präsenz von Fotografie auf internationalen Kunstmessen: Zum 25-jährigen Bestehen der DGPh-Sektion Kunst, Markt & Recht blickte die ehemalige Sektionsvorsitzende Simone Klein im Gespräch mit dem aktuellen Sektionsvorsitzenden Thomas Gerwers auf die Veränderungen des Fotokunstmarkts – und auf die Frage, welche Rolle Galerien, Sammler, Expertise und neue Vertriebsformen künftig spielen.

Als die DGPh-Sektion Kunst, Markt & Recht um das Jahr 2000 entstand, befand sich auch der Fotokunstmarkt in einer Phase des Umbruchs. Fragen nach Urheberrechten, dem steuerlichen Status von Fotografie, limitierten Editionen, neuen Printverfahren und der Definition von Begriffen wie Vintage oder Modern Print trafen auf einen Markt, der gerade deutlich an Dynamik gewann. Zeitweise fanden allein in Deutschland bis zu acht spezialisierte Fotoauktionen pro Jahr statt. Gleichzeitig drängte zeitgenössische Fotografie stärker in Primär- und Sekundärmarkt.

Simone Klein kennt diese Entwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven. Nach Stationen bei Lempertz wechselte sie zu Sotheby’s und verantwortete dort über zehn Jahre die europäischen Fotografieauktionen in London und Paris. Später leitete sie bei Magnum Photos den weltweiten Print Sales. Heute arbeitet sie als vereidigte Sachverständige, Kunstberaterin und Kuratorin mit Schwerpunkt Fotografie als Sammel- und Bewertungsobjekt.

Fotografie wird Teil des allgemeinen Kunstmarkts

Eine der grundlegenden Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte sieht Klein in der zunehmenden Integration der Fotografie in den allgemeinen Kunstmarkt. Noch um die Jahrtausendwende habe es eine deutliche Trennung zwischen spezialisierter Fotografie und Contemporary Art gegeben. Großformatige Arbeiten etwa von Andreas Gursky wurden in Auktionshäusern eher der zeitgenössischen Kunst als spezialisierten Fotoauktionen zugeschlagen.

Heute sei diese Grenze wesentlich durchlässiger. Auf Messen wie Art Basel, Art Cologne oder Frieze stehe Fotografie selbstverständlich neben Malerei, Skulptur, textilen Arbeiten oder digitaler Kunst. Klein sieht darin eine stärkere kunsthistorische Einordnung des Mediums. Fotografie werde möglicherweise quantitativ weniger prominent gezeigt als in den Hochzeiten des spezialisierten Markts, dafür aber selbstverständlicher als eine Kunstform unter anderen wahrgenommen.

Gleichzeitig bleibt der klassische Fotokunstmarkt nach ihrer Einschätzung eine Nische. Jenseits einzelner Spitzenpreise für international etablierte Namen sei insbesondere historische Fotografie weiterhin ein Spezial- und Liebhabermarkt, der Kenntnisse über Abzüge, Datierung, Technik, Zustand und Provenienz voraussetzt.

Paris Photo als Seismograph

Für den Aufstieg des Markts waren nach Kleins Einschätzung mehrere Entwicklungen verantwortlich: die zunehmende Zahl von Ausstellungen und Publikationen, neue zeitgenössische Positionen, Digitalisierung, Internationalisierung und eine wachsende Sammlerschaft.

Eine besondere Bedeutung misst sie Paris Photo bei. Die 1997 gegründete Messe entwickelte sich vom vergleichsweise kleinen Branchentreffen zu einer internationalen Plattform und sei bis heute ein wichtiger „Seismograph“ für den Fotokunstmarkt. Parallel veränderte sich das Angebot von einem vorwiegend europäischen und nordamerikanischen Markt hin zu einer zunehmend globalen Szene.

Als bislang umsatzstärkstes Jahr des internationalen Auktionsmarkts für Fotografie nennt Klein 2014 – bezogen auf die verfügbaren globalen Auktionsergebnisse. Dazu hätten insbesondere bedeutende Privatsammlungen beigetragen, die damals in New York auf den Markt kamen.

Galerien bleiben entscheidend

Trotz Onlinehandel, Plattformen und Direktvertrieb sieht Klein die klassische Galerie keineswegs als Auslaufmodell. Ihre Funktion gehe weit über den eigentlichen Verkauf hinaus. Galerien bauen Netzwerke auf, vermitteln Künstler an private und institutionelle Sammlungen, initiieren Ausstellungen und Publikationen und schaffen Verbindungen zu Museen und Kuratoren.

Für Sammler seien Galerien zugleich, wie Klein es formuliert, „gratis Ausstellungs- und Bildungsinstitutionen“: Orte, an denen Werke im Original betrachtet werden können, Informationen verfügbar sind und Beratung stattfindet. Gerade diese kontinuierliche Vermittlungsleistung unterscheide die Galerie vom schnellen Verkauf über eine Onlineplattform.

Dass viele heute kanonisierte Fotografen überhaupt bekannt geworden seien, sei nicht zuletzt der Arbeit früher Fotogaleristen zu verdanken. Sie hätten Werke recherchiert, erstmals öffentlich gezeigt und Kontakte zu Museen und Sammlungen hergestellt.

Preise und Editionen: Weniger ist mehr

Für Fotografen, die ihre Arbeiten selbst in den Markt bringen wollen, sieht Klein zwei wiederkehrende Fehler. Zum einen würden Einstiegspreise häufig zu hoch angesetzt. Einen objektiven Schlüssel, nach dem sich der Preis eines fotografischen Werks aus Format, Technik oder Alter des Fotografen berechnen ließe, gebe es nicht. Produktionskosten spielten eine Rolle, die Preisfindung bleibe jedoch individuell.

Zum anderen seien Editionen häufig zu groß. „Weniger ist mehr“, lautet Kleins Empfehlung. Sammler suchten nach Seltenheit; sehr hohe Auflagen könnten dagegen sogar kontraproduktiv wirken, weil sie den zeitlichen Anreiz für eine Kaufentscheidung reduzieren.

Neue Vertriebsmodelle verändern diese traditionelle Editionslogik zusätzlich. Klein verweist auf die bei Magnum entwickelten zeitlich begrenzten Square Print Sales, bei denen erst nach Abschluss der Verkaufsphase feststeht, wie viele Prints tatsächlich produziert werden. Die Auflage entstand damit aus der Nachfrage und war nicht vorab numerisch limitiert.

Neue Sammler, neue Zugänge

Auch die Sammlerschaft hat sich verändert. Onlineauktionen, digitale Condition Reports und hochauflösende Werkabbildungen ermöglichen heute Käufe, ohne dass ein Sammler jeden Print persönlich in einer Vorbesichtigung sehen oder während einer Auktion im Saal sitzen muss. Der Zugang zum Markt ist dadurch deutlich einfacher geworden.

Gerade bei klassischer Fotografie sieht Klein allerdings weiterhin eine höhere Einstiegshürde. Zugleich beobachtet sie bei jüngeren Menschen wieder ein wachsendes Interesse an analoger und historischer Fototechnik. Daraus könne künftig auch ein neues Interesse am Sammeln klassischer Fotografien entstehen.

Eine weitere Entwicklung dürfte den Markt in den kommenden Jahren prägen: Zahlreiche bedeutende Sammlungen, die in den 1980er und 1990er Jahren aufgebaut wurden, erreichen den Generationenwechsel. Wo Erben diese Bestände nicht fortführen, können hochwertige Arbeiten mit guter Provenienz wieder auf den Markt gelangen. Klein erwartet deshalb ein wachsendes Angebot interessanter historischer Werke.

Gruber Award für die Akteure des Markts

Zum 25-jährigen Bestehen erweitert die Sektion ihre Aktivitäten um den neuen Gruber Award. Der jährlich vergebene Preis richtet den Blick ausdrücklich auf Persönlichkeiten, die den fotografischen Kunstmarkt geprägt haben. Die ersten Auszeichnungen gehen im November während der Paris Photo Week an den Galeristen Howard Greenberg und die Sammlerin Astrid Ullens de Schooten Whettnall.

Klein, die der Jury vorsaß, sieht darin die Anerkennung einer bislang zu wenig gewürdigten Leistung. Galeristen und Sammler seien nicht nur Marktteilnehmer, sondern häufig kulturell prägende Persönlichkeiten. Der Kunstmarkt fungiere als Katalysator der Fotoszene und trage entscheidend dazu bei, Fotografen bekannt zu machen und Werke in öffentliche und institutionelle Zusammenhänge zu vermitteln.

Damit schließt sich zugleich der Kreis zur Gründung der Sektion vor 25 Jahren. Viele der damaligen Fragen sind nicht verschwunden: Urheberrecht, steuerliche Rahmenbedingungen, Editionen, Terminologie, Bewertung und technische Veränderungen beschäftigen den Markt weiterhin. Neu sind die Vertriebswege und die Geschwindigkeit, mit der sich seine Strukturen verändern.

Fotografie ist heute stärker denn je im allgemeinen Kunstmarkt angekommen. Gerade deshalb bleibt spezialisiertes Wissen über das fotografische Objekt notwendig.

Der Online-Talk vom 11. August 2026 wurde aufgezeichnet und ist über die DGPh-Mediathek verfügbar.