DGPh Online Talk vom 10. März 2026, Prof. Dr. Karen Fromm, Henner Flohr, Silke GüldnerAutorschaft, Auswahl, Verantwortung: Fotojournalismus zwischen Vertrauen und KI
DGPh Online Talk vom 10. März 2026, Prof. Dr. Karen Fromm, Henner Flohr, Silke GüldnerAutorschaft, Auswahl, Verantwortung: Fotojournalismus zwischen Vertrauen und KI
Autorschaft, Auswahl, Verantwortung: Fotojournalismus zwischen Vertrauen und KI

Die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz verändern derzeit die Produktion und Wahrnehmung von Bildern grundlegend. Gleichzeitig stehen Fotojournalismus und redaktionelle Bildarbeit unter wachsendem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck. 

Vor diesem Hintergrund diskutierten am 10. März 2026 Prof. Dr. Karen Fromm (Hochschule Hannover) und Henner Flohr, Leiter der Bildredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, im Online-Talk der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht über aktuelle Herausforderungen und Perspektiven journalistischer Fotografie. 
Moderiert wurde die Veranstaltung von Silke Güldner (Mitglied des Vorstands der Sektion Kunst, Markt und Recht).

Im Mittelpunkt des Gesprächs stand die Frage, wie redaktionelle Fotografie auch in Zeiten von KI-generierten Bildern und wachsendem Misstrauen gegenüber Medien ihre Glaubwürdigkeit bewahren kann – und welche Rolle Ausbildung, redaktionelle Praxis und neue Technologien dabei spielen.

Porträt Henner Flohr © Frank Röth, F.A.Z.
Porträt Henner Flohr © Frank Röth, F.A.Z.

Fotojournalismus im Wandel

Henner Flohr machte deutlich, dass sich das Berufsfeld des Fotojournalismus zwar stark verändert habe, seine gesellschaftliche Bedeutung jedoch ungebrochen sei. Gerade im digitalen Umfeld gewinne authentische Fotografie mit klarer Urheberschaft an Bedeutung. „Das Überangebot an Bildern macht die Auswahl des richtigen Fotos – und des richtigen Fotografen – wichtiger denn je“, so Flohr. Redaktionen müssten heute aus enormen Bildmengen jene Aufnahmen auswählen, die sowohl journalistisch präzise als auch visuell überzeugend sind.

Zugleich entstehen neue Herausforderungen: Smartphone-Fotos von Augenzeugen liefern zwar oft unmittelbare Eindrücke von Ereignissen, werfen jedoch Fragen nach Verifikation, Bildethik und Kontext auf. Professionelle Bildredaktionen seien deshalb stärker denn je gefordert, Material sorgfältig zu prüfen und redaktionell einzuordnen.

Misstrauen gegenüber Bildern wächst

Ein zentrales Thema des Abends war das zunehmende Misstrauen gegenüber Bildern – insbesondere seit der rasanten Verbreitung von KI-Tools. Leserinnen und Leser vermuten heute häufig Manipulationen, selbst wenn Fotos authentisch sind.

Flohr berichtete von konkreten Beispielen aus der redaktionellen Praxis der F.A.Z., in denen Bilder aufgrund vermeintlicher KI-Artefakte infrage gestellt wurden. In einem Fall wurde etwa angenommen, der Reichstag im Hintergrund eines Fotos sei nachträglich montiert worden; tatsächlich handelte es sich um eine ganz normale Perspektive. Solche Situationen zeigen, dass visuelle Bildforensik allein künftig nicht ausreichen wird, um Vertrauen zu sichern. Stattdessen spielen transparente redaktionelle Prozesse und nachvollziehbare Quellen zunehmend eine entscheidende Rolle.

Porträt Prof. Dr. Karen Fromm © Raimund Zakowski
Porträt Prof. Dr. Karen Fromm © Raimund Zakowski

Bildkompetenz als Schlüssel

Für Karen Fromm liegt in dieser Entwicklung auch eine Chance. Das wachsende Misstrauen könne dazu beitragen, Bildkompetenz sowohl bei Produzenten als auch beim Publikum zu stärken. In der Ausbildung an der Hochschule Hannover wird deshalb großer Wert auf die kritische Reflexion von Bildern gelegt. Der Studiengang wurde 2022 entsprechend weiterentwickelt und trägt heute den Titel „Visual Journalism and Documentary Photography“.

Der neue Name steht für einen erweiterten Ansatz: Neben klassischem Fotojournalismus vermittelt das Programm multidisziplinäre visuelle Kompetenzen, die Fotografie, Video und dokumentarische Erzählformen miteinander verbinden. Ziel ist es, Studierende auf eine Medienlandschaft vorzubereiten, in der visuelle Kommunikation zunehmend komplexer wird.

Ausbildung zwischen Experiment und Praxis

Fromm betonte, dass Hochschulen heute weniger reine Berufsausbildung leisten als vielmehr Räume für kritisches Experimentieren und Reflexion bieten. Viele Studierende interessieren sich zunächst für das Medium Fotografie selbst und entwickeln ihre beruflichen Perspektiven erst im Laufe des Studiums. Ein wichtiger Bestandteil des Programms sind Praxisphasen in Redaktionen. Eine langjährige Kooperation mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ermöglicht Studierenden Praktika in der Bildredaktion. Dort lernen sie redaktionelle Auswahlprozesse kennen und sammeln erste Erfahrungen im professionellen Bildjournalismus.

Für Flohr ist diese Zusammenarbeit ein wichtiger Baustein für den Nachwuchs: Viele freie Fotografen, die später für die F.A.Z. arbeiten, haben zuvor im Rahmen dieses Programms hospitiert.

Schwierige Bildlage in Konfliktregionen

Trotz der scheinbaren Bilderflut gibt es gleichzeitig große Lücken in der visuellen Berichterstattung – insbesondere aus autoritär regierten oder umkämpften Regionen. Flohr verwies auf Länder wie Iran, Sudan oder Gaza, in denen der Zugang für unabhängige Fotograf*innen stark eingeschränkt ist. Häufig müssen Redaktionen dort auf schwer überprüfbare Handybilder zurückgreifen.

Diese Situation kann zu problematischen Darstellungen oder Doppelstandards in der Berichterstattung führen. Umso wichtiger seien langfristige Beziehungen zu verlässlichen Fotograf*innen, deren Arbeit und Integrität bekannt sind.

KI als Werkzeug – nicht als Ersatz

Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz im Journalismus wurde intensiv diskutiert. Während viele technische Anwendungen – etwa für Recherche oder Datenanalyse – durchaus sinnvoll seien, zieht die F.A.Z. bei generativen Inhalten derzeit eine klare Grenze. Nach den aktuellen Richtlinien verwendet die Zeitung keine KI-generierten Bilder, Texte oder Videos im redaktionellen Kernbereich. Ziel sei es, mögliche Missverständnisse oder Vertrauensprobleme bei Leserinnen und Lesern zu vermeiden.

Fromm sieht KI hingegen auch als Gegenstand der Ausbildung. Studierende sollen die Technologie ausprobieren, um ihre Möglichkeiten und Risiken zu verstehen. Entscheidend sei dabei eine transparente Einordnung: KI könne neue visuelle Ausdrucksformen ermöglichen, müsse aber klar als solche erkennbar sein.

Vertrauen durch Transparenz

Ein möglicher Weg aus der aktuellen Vertrauenskrise liegt nach Ansicht beider Gesprächspartner in größerer Transparenz. Dazu könnten etwa sichtbare Metadaten, Dokumentationen von Rechercheprozessen oder Initiativen zur Bildauthentifizierung beitragen. Technische Zertifizierungssysteme – etwa im Umfeld der Content Authenticity Initiative – seien zwar hilfreich, könnten jedoch journalistische Verantwortung nicht ersetzen. Letztlich bleibe Vertrauen in Fotograf*innen, Quellen und redaktionelle Prozesse die entscheidende Grundlage.

Perspektiven für Fotograf*innen

Trotz schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen sehen Fromm und Flohr weiterhin Chancen für engagierte Fotojournalist*innen. Besonders im Umfeld von Qualitätsmedien, die zunehmend auf digitale Abonnements setzen, könne glaubwürdige, persönlich verantwortete Fotografie an Bedeutung gewinnen. Entscheidend sei jedoch, dass Fotograf*innen nicht nur technisch arbeiten, sondern auch kontextuell denken, recherchieren und ihre Bilder in größere journalistische Narrative einordnen.

Der Online-Talk machte deutlich: In einer Zeit, in der Bilder immer leichter erzeugt und manipuliert werden können, wird die Frage nach Autorschaft, Verantwortung und redaktioneller Auswahl wichtiger denn je. Gerade darin liegt zugleich die Zukunft des Fotojournalismus.

Die Online-Talks der DGPh Sektion Kunst, Markt & Recht finden jeweils am zweiten Dienstag des Monats (außer im Januar und im Juli) um 19 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos und steht auch Nicht-DGPh-Mitgliedern offen. In der DGPh-Mediathek stehen Video-Aufzeichnungen der Talks zum Abruf zur Verfügung:

DGPh-Mediathek

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