Höchste Auszeichnung der DGPh für ein Lebenswerk zwischen dokumentarischer Genauigkeit und konzeptueller Tiefe

Köln, 20. August 2026 – Der Fotograf, Künstler und Hochschulprofessor Timm Rautert wird mit dem Kulturpreis 2026 der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) ausgezeichnet. Die höchste Auszeichnung der DGPh würdigt damit ein Lebenswerk, das dokumentarische Genauigkeit mit konzeptueller Tiefe verbindet und eine Persönlichkeit, die die deutsche Fotografie über Jahrzehnte entscheidend geprägt hat – mit seinem fotografischen Werk, durch seine journalistische Arbeit und durch seine Lehrtätigkeit als Professor für Fotografie.

Von Fotojournalismus und konzeptueller Fotografie

Timm Rautert, geboren 1941, studierte von 1966 bis 1971 bei Otto Steinert – dem Begründer der „Subjektiven Fotografie“ – an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Seine Laufbahn hat ihn im Anschluss durch nahezu alle Bereiche der Fotografie geführt. Bereits während des Studiums begann Rautert mit Experimenten zu den Bedingungen des Mediums Fotografie, deren Ergebnisse unter dem Begriff Bildanalytische Photographie (1968–1974) zusammengefasst wurden. Reisen nach New York (1969) und Japan (1970) leiteten eine intensive Auseinandersetzung mit der dokumentarisch-journalistischen Fotografie ein. Überzeugt von der Idee, mit der Fotografie die Welt verbessern zu können, nahm er sich im Auftrag großer Magazine und Zeitungen sozialer Themen an – vor allem für das ZEITmagazin, für das er zwischen 1974 und 1983 eng mit dem Journalisten Michael Holzach zusammenarbeitete, sowie für Geo und Merian. Die Fotografie wurde für Rautert zum Instrument der Gesellschaftsanalyse, was seine fotografischen Arbeiten etwa über Contergan-Betroffene (1969) oder Obdachlosenasyle (1975) eindrucksvoll belegen. 

Neben diesen gesellschaftskritischen Reportagen setzte Rautert die Arbeit an langfristig angelegten Projekten fort, die die Strukturen moderner Arbeitswelten, kulturelle Identität und gesellschaftliche Rollenbilder thematisieren. So entstehen u.a. die Serien Deutsche in Uniform (1974), The Amish (1974), Gehäuse des Unsichtbaren (bis 1992) oder Eigenes Leben (1992–1994). 

Rauterts Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst schlug sich unter anderem in einer Vielzahl von Künstlerporträts nieder. Bereits 1967 entstanden während einer Reise nach Prag seine Porträts des Fotografen Josef Sudek, 1970 in New York die inzwischen berühmten Porträts von Andy Warhol. Es folgten Porträts unter anderem von Joseph Beuys, Gilbert & George, Walter de Maria, Blinky Palermo, Gerhard Richter, Ed Ruscha und James Turrell.

Buchpublikationen

Neben Ausstellungen fand ein großer Teil von Rauterts Werk in über 50 Büchern seinen Weg in die Öffentlichkeit. Von der Zusammenarbeit mit Franz Erhard Walther, über die bildjournalistische Arbeit und Publikationen zu Ausstellungen der „Klasse Rautert“ bis zu Firmenschriften kommt dem gedruckten Bild eine besondere Rolle zu. Insbesondere im Steidl Verlag erschienen zuletzt zentrale Werkgruppen, darunter Bildanalytische Photographie1968–1974 (2020), otl aicher / rotis (2021) Anfang (2019) sowie der Katalog zur Retrospektive im Museum Folkwang Timm Rautert und die Leben der Fotografie (2021).

Prägende Lehrtätigkeit

Von 1993 bis 2008 lehrte Timm Rautert als Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Zu seinen Schüler*innen gehören unter anderem Viktoria Binschtok, Johanna Diehl, Bernhard Fuchs, Falk Haberkorn, Sven Johne, Jana Müller, Ricarda Roggan, Adrian Sauer, Sebastian Stumpf und Tobias Zielony, die heute selbst die Fotografie und ihre Wahrnehmung prägen.

2008 wurde Rautert als erster Fotograf überhaupt mit dem Lovis-Corinth-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Vorlass an das Museum Folkwang

2025 übergab Rautert sein Gesamtwerk als Vorlass an die Fotografische Sammlung des Museum Folkwang in Essen – rund 9.000 Prints, mehr als 50.000 Diapositive, sämtliche Negative inklusive 6.500 Kontaktabzüge sowie Raum- und Videoinstallationen von den 1960er-Jahren bis heute, dazu gesammelte Veröffentlichungen, Bücher, Korrespondenzen, Arbeitsmaterialien und Ausstellungsdokumentationen. 

Neben Werken in internationalen Sammlungen wie der des MoMA (New York), des Centre George Pompidou (Paris) oder des Victoria and Albert Museum (London) steht das Archiv Timm Rautert nun als zentrale Anlaufstelle der Fotoforschung zur Verfügung.

Die Verleihung des Kulturpreises mit der von Ewald Mataré gestalteten goldgefassten Linse erfolgt am 24. Oktober 2026 im Rahmen der DGPh Photography Awards im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK).  An diesem Tag werden dort außerdem der Dr. Erich Salomon-Preis 2026, die DGPh Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography und der Otto Steinert-Preis. DGPh-Förderpreis für Fotografie verliehen.

Schon gut einen Monat vor der Verleihung des Kulturpreises an Timm Rautert eröffnet sein langjähriger Galerist Sandro Parrotta aus Anlass des 85. Geburtstages des Künstlers am 12. September 2026 in der Galerie Parrotta Burg Lede Bonn die Ausstellung „Früher oder später“. Diese sehr persönliche Ausstellung des Künstlers vereint frühe und jüngere fotografische Arbeiten und spannt so einen Bogen über sein Werk, das sich auch hier an der Schnittstelle von Dokumentarfotografie, konzeptueller Kunst und Bildanalyse bewegt.

Mit dem Kulturpreis zeichnet die DGPh seit 1959 lebende Persönlichkeiten für bedeutende Leistungen im Bereich der Fotografie aus. Träger des DGPh Kulturpreises sind unter anderem Ann und Jürgen Wilde (2025), Gerhard Steidl (2024), Ute Mahler und Werner Mahler (2023), Hans-Michael Koetzle, Ute Eskildsen, Helga Paris, Sarah Moon, Gottfried Jäger, Klaus Honnef, Stephen Shore, Wolfgang Tillmans, Wim Wenders, F.C. Gundlach, Daido Moriyama, Irving Penn, William Klein, Bernd und Hilla Becher, Henri Cartier-Bresson und Man Ray.

WhiteWall ist Partner der Deutschen Gesellschaft für Photographie e. V. und unterstützt den Kulturpreis 2026 als Sponsor. Der international tätige Anbieter fotografischer Hochwertproduktion mit Sitz in Frechen ist zugleich exklusiver Printing Partner des Kulturpreises.

Über die DGPh

Die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) ist ein eingetragener Verein mit rund 1.200 Mitgliedern in ganz Deutschland und Sitz in Köln. Die DGPh setzt sich für die Förderung der Fotografie als Kulturgut und damit für die Stärkung ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutung ein. Ihre Aktivitäten richten sich auf die Vermittlung fotografischer Themen an Fachöffentlichkeit und Gesellschaft sowie auf die Reflexion aktueller Entwicklungen wie Digitalisierung, KI und neue Bildmedien. Sie umfassen die vielfältigen Anwendungsgebiete des Fotografischen in Kunst, Wissenschaft, Bildung, Publizistik, Wirtschaft und Politik. Als zentrale Instanz für die Vermittlung wegweisender fotografischer Leistungen vergibt die DGPh jährlich mehrere renommierte Auszeichnungen, darunter den Kulturpreis, den Dr.-Erich-Salomon-Preis und die DGPh Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography.

Pressekontakt
Deutsche Gesellschaft für Photographie e.V.
Regina Plaar, regina.plaar@dgph.de
Rheingasse 8–12, 50676 Köln – www.dgph.de

Bildmaterial

Josef Sudek, Prag, 1967 © Timm Rautert
Josef Sudek, Prag, 1967 © Timm Rautert
Contergan, 1969 © Timm Rautert
Contergan, 1969 © Timm Rautert
Expo 1970, Osaka, 1979 © Timm Rautert
Expo 1970, Osaka, 1979 © Timm Rautert
Gebrauchsanweisung aus einer Brotpackung mit Zeichnung-Aufnahme ausgeführt nach der Gebrauchsanweisung, 1972, aus der Serie Bildanalytische Photographie, 1968-1974 © Timm Rautert
Gebrauchsanweisung aus einer Brotpackung mit Zeichnung-Aufnahme ausgeführt nach der Gebrauchsanweisung, 1972, aus der Serie Bildanalytische Photographie, 1968-1974 © Timm Rautert
The Amish, 1974 © Timm Rautert
The Amish, 1974 © Timm Rautert
The Hutterites, 1978 © Timm Rautert
The Hutterites, 1978 © Timm Rautert
Gerhard Richter, 1986 © Timm Rautert
Gerhard Richter, 1986 © Timm Rautert
Siemens AG, München 1989, aus der Serie Gehäuse des Unsichtbaren © Timm Rautert
Siemens AG, München 1989, aus der Serie Gehäuse des Unsichtbaren © Timm Rautert
Porträt Timm Rautert, Essen 2025 © Albrecht Fuchs
Porträt Timm Rautert, Essen 2025 © Albrecht Fuchs