Menschenbilder | Zeitgeschichte. Joachim Giesel
Dokumente deutscher Geschichte

Der Photograph Joachim Giesel (* 1940) hat über 50 Jahre mit seinen Dokumentationen, Serien, Porträts und Werbeaufnahmen die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in ihren historischen Zäsuren und sozialen Transformationen mit seiner Kamera festgehalten. Bei seinen Bildern steht der Mensch stets im Mittelpunkt – in seiner Individualität und Diversität. Von Franz Beckenbauer bis Willy Brandt, von der Fließbandarbeiterin bis zur Drag Queen oder zwischen Schützenfest und deutsch-deutschem Grenzland: In Giesels Werk entfaltet sich ein faszinierendes Panorama, das thematische Vielfalt mit ästhetischer Brillanz verbindet. 

Das im Hirmer Verlag, München, erschienene Buch „Menschenbilder – Zeitgeschichte. Der Fotograf Joachim Giesel“ präsentiert die gesamte Bandbreite seines Schaffens. Herausgeber sind Rickie Lynne Giesel, die Enkelin von Joachim Giesel, und Martin Schieder, beide Kunsthistoriker. Sie belegen, dass Joachim Giesel (DGPh) schon Mitte der 1960er Jahre an der innerdeutschen Grenze einen Wachturm mit Stacheldraht photographiert und große Menschen, wie Queen Elisabeth II. 1965 bei ihrem Besuch in Hannover, oder bedeutende Ereignisse, wie das Grubenunglück von Lengede 1963 dokumentiert hat. Bei Photoaufträgen hat er - inzwischen Photograph mit Meisterbrief und eigenem Studio – zudem eher nebenbei Menschen bei der Arbeit festgehalten. Für eine Ausstellung mit dem Titel "Drei Photographen und ein Mädchen" ließ Joachim Giesel ein Model mit Helm und wallender Abendgarderobe mit einem Bundesgrenzschutz-Hubschrauber in die Luft steigen, das Fluggerät ist mit im Bild. So arbeitete er auch bei Porträts. 1969 photographierte er Fußballstürmer Gerd Müller für Werbung der Firma Telefunken. Ernst und ein bisschen kritisch guckt Rudolf Augstein 1990 in Hamburg in einen Spiegel, sein Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in der Hand. 

Joachim Giesel will mit seinen Photographien „den Betrachter erstmal da reinführen, was ich zeigen will, und das kann man natürlich durch Umfeld. Deshalb habe ich Menschen, die berühmt waren, immer in ihrem Umfeld portraitiert." Entstanden sind Aufnahmen, die Zeitgeschichte erzählen, etwa in den Kanzlerporträts ab 1963: Ludwig Erhard ist mit Cognac-Glas und Zigarre zu sehen, der Sozialdemokrat Willy Brandt mit erhobener Faust auf einem Gewerkschaftstag, Gerhard Schröder lehnt als Ministerpräsident im Landtag in Hannover lässig an einer Tischkante vor dem Niedersachsenross. Und 1972 gründete er zusammen mit den Kollegen Heinrich Riebesehl und Peter Gauditz in Hannover zudem eine der ersten nicht-kommerziellen Photogalerien Europas, die ‚Spectrum Photogalerie‘. 

Das Buch enthält Giesels gesamten photographischen Lebenslauf. Indem er stets nach dem ”Bild hinter dem Bild“ suchte faszinieren seine Menschenbilder durch ihre ästhetische Vielfalt, technische Brillanz und unverwechselbare Präsenz. Aus heutiger Sicht sind seine Bilder Zeitdokumente, die Joachim Giesel zu einer bedeutenden Figur der deutschen Photogeschichte nach 1945 machen.  (vZ)

Menschenbilder | Zeitgeschichte
Der Fotograf Joachim Giesel

Hrsg.: Rickie Lynne Giesel, Martin Schieder 
Text: Thomas Weski 
200 Seiten mit 150 Abbildungen
Format: 29 x 26 cm, Hardcover
München, Hirmer Verlag
ISBN: 978-3-7774-4712-4; 
50,00 Euro