Teil 1: Landschaft
Mit dem dreiteiligen Ausstellungszyklus August Sander. Architektur Landschaft Portrait. Facetten eines Werkes würdigen wir gleich zwei große Jubiläen: Zum einen wäre der Fotograf am 17. November dieses Jahres 150 Jahre alt geworden, zum anderen jährt sich die Einzelausstellung, mit der er 1927 im Kölnischen Kunstverein erstmals in Grundzügen sein epochales Werk Menschen des 20. Jahrhunderts vorstellte, im kommenden Jahr zum 100. Mal. Auf diesem konzeptionell angelegten Opus Magnum, dem die Absicht zugrunde lag, mittels zahlreicher Einzel- und Gruppenportraits die Struktur der Gesellschaft seiner Zeit umfassend darzustellen, gründet Sanders Bedeutung als einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Doch war es keineswegs allein das Genre des Portraits, auf dem er sich als Meister seines Mediums zeigte. Auch die Architektur- und die Landschaftsfotografie betrieb Sander nicht nur intensiv, vielmehr schuf er auf letzterem Gebiet Bilder, die „in der Photographie des 20. Jahrhunderts gewiss zu den Meisterwerken des Landschaftsgenres“ zählen (Olivier Lugon). Sie bilden den Auftakt zu unserer Ausstellungsreihe, die den Blick weiten möchte auf das gesamte Œuvre des Fotografen: Den Landschaftsbildern folgen zu Beginn des kommenden Jahres seine Architekturfotografien, bevor dann im Frühjahr 2027, zeitgleich zur großen Sander-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig, Auszüge aus seinem Portraitwerk – darunter seine bekanntesten Bildnisse, aber auch selten Gesehenes – gezeigt werden.
Die kunsthistorische Forschung ist lange davon ausgegangen, dass sich August Sander erst im avantgardefeindlichen Klima des Dritten Reiches, nachdem der Druckstock seines Portrait-Buches Antlitz der Zeit durch die Nationalsozialisten 1936 beschlagnahmt und zerstört worden war, dem „unverfänglicheren“ Motiv der Landschaft zuwandte. Doch spielte letztere, wie durch die wissenschaftliche Erschließung seines Archivs deutlich wurde, in seinem Schaffen von Beginn an und durchgehend eine Rolle. Ja, mehr noch: In einer Schilderung Sanders aus den frühen 1950er Jahren, in der er sich an seine persönliche Entdeckung der Fotografie während seiner Zeit als Haldenjunge auf einer der Gruben nahe seinem Elternhaus in Herdorf erinnerte, erscheint sie gleichsam als Initialzündung für seine spätere berufliche Laufbahn: „Als wir nun die Höhe erreicht hatten […] wurde der Apparat aufgestellt. Hier hatte ich zum allererstenmal (sic!) in meinem Leben Gelegenheit auf die Fixierscheibe zu sehen. Ich war so erstaunt über die Schönheit der Landschaft, […] der Himmel mit ganz herrlichen Wolken bedeckt, dazu wurde die Bewegung der Menschen, [der] Landschaft und Eisenbahn sichtbar […]. Von diesem Augenblick an wuchs meine Begeisterung für die Photographie, die mich bis heute noch nicht losgelassen“ hat. Die erste Begegnung mit der Kamera ist in dieser Erinnerung untrennbar mit der Schönheit der Landschaft verbunden.
Dass sich August Sander mit der Hinwendung zur Landschaft während der Nazizeit in eine Art „innere Emigration“ begeben habe, wie sein Sohn Gunther es einst äußerte, ist allein dadurch widerlegt, dass sich bereits in seinem Frühwerk zahlreiche Landschaften nachweisen lassen. Den Beginn unserer Ausstellung markiert so ein früher Gummidruck des Fotografen, in repräsentativem Großformat und stilistisch ganz der damaligen Strömung der Kunstfotografie verpflichtet. Er entstand in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, als Sander ein Atelier im österreichischen Linz betrieb. Nach seiner Übersiedlung nach Köln 1910 verwendete er die Aufnahme – für einen Portraitfotografen durchaus überraschend – im Kopf des Briefpapiers für seines neu gegründeten Atelier auf der Dürener Straße in Lindenthal.
Die zweite Hälfte der 1920er Jahre war nahezu ganz von der Arbeit an den Menschen des 20. Jahrhunderts ausgefüllt. 1931, in einer Zeit, in der sich August Sander vermehrt mit der Landschaft beschäftigte, hielt er fest: „Haben wir somit die Physiognomik der Menschen geschildert, so gehen wir jetzt über zu den Gestaltungen, also den Werken des Menschen, beginnen wir mit der Landschaft. Auch ihr drückt der Mensch seinen Stempel auf durch seine Werke, so dass sie sich ebenfalls wie die Sprache aus den Bedürfnissen heraus entwickelt; er verändert dadurch oft das biologisch Gewordene. Auch in der Landschaft erkennen wir wiederum den menschlichen Geist seiner Zeit, den wir vermittels des photographischen Apparates erfassen können. […] Die durch die gemeinsame Sprache begrenzte Landschaft vermittelt das physiognomische Zeitbild einer Nation.“ Demnach lassen sich seine Darstellungen unterschiedlicher Regionen ebenso wie sein Portraitwerk als Teile eines gemeinsamen, übergeordneten Konzepts der systematischen Abbildung einer Epoche begreifen. Ähnlich wie bei seinem Projekt Menschen des 20. Jahrhunderts war sein Vorgehen auch bei der Landschaftsfotografie von einem typologischen Denken geprägt: Stets arbeitete er in Serien, um verschiedene Landstriche möglichst umfassend zu dokumentieren – von der botanischen Einzelstudie oder in Nahsicht festgehaltener Gesteinsschichten bis hin zu der von einem erhöhten Standpunkt erstellten Panoramaaufnahme. Diese Serien ordnete er dann in acht regionale Gruppen: Siebengebirge, Mittelrhein, Niederrhein, Westerwald, Eifel, Mosel, Westfalen und Bergisches Land.
Was überrascht, ist der bei aller Schärfe und Detailgenauigkeit keineswegs immer sachlich-dokumentarische Stil des Fotografen: Eine der beeindruckendsten und vielfach publizierten Aufnahmen, Das Siebengebirge: Blick vom Rolandsbogen, besticht durch das sanfte Licht, das bei tiefstehender Sonne die Hügel der Gebirgskette sanft beleuchtet und die Täler in dunkle Schatten taucht, während der Himmel darüber von bewegten Wolkenformationen durchzogen ist. In einigen Bildern zeichnen sich Schiffe auf dem Rhein oder Baumreihen, die Sander im Gegenlicht aufnahm, dramatisch als schwarze Silhouetten ab, in anderen ist die Natur in aufsteigende Nebelfelder getaucht. Einer der Protagonisten der Neusachlichen Fotografie erscheint hier zugleich als Romantiker – es ist diese Verbindung zweier Gegensätze, die den besonderen, eigentümlichen Reiz vieler der visuell äußerst ansprechenden Landschaftsbilder August Sanders ausmacht.
Als er auf Anregung von L. Fritz Gruber im Jahr 1951 im Rahmen der photokina seine erste Einzelausstellung nach Kriegsende einrichtete, bezog Sander die Landschaft gleichberechtigt mit ein: Auf drei Wänden zeigte er seine Serie Köln wie es war sowie vierzehn großformatige Rheinische Landschaftsstudien, allein die dritte Wand war dem Portrait vorbehalten. Auch, wenn er seine Landschaftsbilder nie zu einem im Umfang auch nur annähernd so großen Projekt wie die Menschen des 20. Jahrhunderts ausformte – schon dies ein Konzept, für dessen Ausführung seine Lebenszeit nicht reichen sollte – zeigt sich hier abermals der Stellenwert, den Sander selbst seinen Landschaftsbildern einräumte.
Auch bei dem weit überwiegenden Teil der Ausstellungsexponate der jetzigen Präsentation handelt es sich um Rheinlandschaften, vor allem um Aufnahmen des von Sander so geschätzten und häufig aufgesuchten Siebengebirges. Versehen mit einem schwarzen Tuscherand, aufgezogen auf Originalkarton und dort signiert, stellte Sander diese Bilder bereits in den dreißiger Jahren in Mappen zusammen. Im Gegensatz zu den Aufnahmen seines Portraitwerkes, das später ganz im Fokus der kunstwissenschaftlichen Sander-Forschung wie auch des Kunstmarktes stehen sollte, existieren viele Motive nahezu ausschließlich als Vintage-Abzüge. Eine Ausnahme bilden zwölf Aufnahmen für ein Portfolio, das Gunther Sander anlässlich der ersten Landschaftsausstellung 1974 erstellte. Entsprechend hoch ist der Seltenheitswert der nun präsentierten Bilder.
05. September – 19. Dezember 2026
Eröffnung: Freitag, 04. September, 18-21 Uhr
Im Rahmen vom Galerienwochenende DC Open