
Text und Interview: Ute Noll
Sara-Lena Maierhofer ist Künstlerin und seit 2025 Professorin für künstlerische Fotografie am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt. Geboren 1982 in Freudenstadt, studierte sie Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld. Ihre Diplomarbeit „Dear Clark,“ erschien als Buch. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Museum für Fotografie Berlin, im Foam Fotografiemuseum Amsterdam sowie im Museum of Fine Arts Boston gezeigt. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem DZ Bank Projektstipendium für künstlerische Fotografie und dem Dokumentarfotografie Förderpreis der Wüstenrot Stiftung. In ihrer künstlerischen Praxis arbeitet sie im erweiterten Feld der Fotografie und verbindet oft analoge und digitale Prozesse.
1. Bei dir folgt die Form dem Inhalt und keinem festen Schema, was ist dir bei deinen Arbeiten heute besonders wichtig, und wie würdest du sie beschreiben?
Meine Arbeiten beginnen meistens mit einer Fragestellung der Gegenwart, ganz simpel mit etwas, das ich nicht verstehe. Fotografie hilft mir dabei, diese Frage zu fassen, zu begreifen und einzukreisen. Ich experimentiere gerne mit neuen Materialien und Techniken und suche dabei immer wieder nach neuen Formen der visuellen Umsetzung.
2. Was bedeutet dir der Weg von der ersten Idee zur Umsetzung eines Vorhabens, und wie gehst du mit Rückschlägen dabei um?
Mit jeder neuen Arbeit begreife ich das Element des Scheiterns mehr und mehr als konstruktiven Impuls. Das Konzept meiner ersten grösseren Arbeit „Dear Clark", der Studie eines Hochstaplers, musste ich zum Beispiel nach mehreren Monaten des Fotografierens ganz neu denken: Da mein eigentlicher Protagonist nicht auf meine Anfragen reagierte, verschob sich die Arbeit von einer klassisch dokumentarischen Herangehensweise hin zu einem Spiel aus Fakt und Fiktion, und wurde dadurch vielschichtiger, als sie im ursprünglichen Konzept angelegt war. Um die Figur des Hochstaplers zu erfassen, musste ich am Ende selbst zu einer Art Hochstaplerin werden.
3. Welche fotografischen Positionen oder Haltungen haben für dich über längere Zeit hinweg Bedeutung behalten, und warum?
Eine Metapher, die mich immer wieder fasziniert und die ich in meiner eigenen Arbeit aufgreife, ist die des Abdrucks. In meiner Diplomarbeit ist es die Figur des Hochstaplers selbst, die sich in meiner Arbeitsweise abformt. In „Kabinette" habe ich Fotogramme von Regalen und Schubladen ethnologischer Sammlungen gemacht, hier der Abdruck als Beweis einer Verbindung von Raum und Zeit. Immer noch in meiner Erinnerung ist eine Installation des italienischen Künstlers Renato Leotta: ein kleiner Museumsraum, vollständig ausgelegt mit einfachen Terrakotta-Quadern, in die fallende Zitronen ihre Abdrücke hinterlassen hatten. Dafür hatte der Künstler noch feuchte Tonplatten unter einem Zitronenbaum in seinem Garten ausgelegt.
Neben diesem eher poetischen Konzept des Abdrucks liebe ich das Fake, das So-tun-als-ob: Menschen, Dinge, Konzepte, die sich über vermeintliche Regeln hinwegsetzen, Bilder, die mit unserer Vorstellung von Realität brechen, meine „Gutschi"-Socken, die Figur des Hochstaplers. Psychologisch betrachtet steckt darin auch das Gefühl, als Kind ohne akademischen Hintergrund in einer Welt unterwegs zu sein, deren Sprache und Rituale zunächst fremd zugleich aber faszinierend erscheinen.
4. Wie macht man mit einem Medium etwas sichtbar, das sich absichtlich verbirgt?
Mein Werkzeug dafür ist immer dasselbe Medium, das selbst zwischen Beweis und Fiktion changiert: die Fotografie. Bei „Dear Clark" verbirgt sich eine Person hinter falschen Identitäten, bei „Kabinette" sind es die Objekte selbst, die als stumme Zeugen kolonialer Gewalt fungieren, die lange verschleiert wurde, und bei meinen Fotogrammen zu Finanzskandalen wie CumEx oder den Panama Papers agieren die Täter oft komplett anonym hinter Firmenkonstrukten.
Ich nutze die Fotografie, ein Medium, dem man Objektivität unterstellt, bewusst als Werkzeug, um genau dort ein sichtbares Bild zu erzwingen, wo sich die eigentlichen Akteure der Sichtbarkeit entziehen. Gleichzeitig geht es mir aber auch darum zu zeigen, dass die Fotografie diese Lücke nie wirklich schließen kann, dass am Ende immer eine Leerstelle bleibt.
5. Woran erkennst du die künstlerische Qualität in den Arbeiten deiner Studierenden?
Das ist keine einfache Frage. Auf jeden Fall ist es nicht technische Perfektion. Am Anfang meiner Lehre dachte ich, Zeit sei ein wichtiger Faktor, der die Qualität einer studentischen Arbeit ausmacht: das Ausmaß der Recherche, die Geduld beim Ausprobieren der finalen Form, die Ausdauer, eine gewisse Zeit zum Beispiel an einem dokumentarischen Projekt zu arbeiten. Das kann so sein. Ich habe aber gelernt, dass eine gute Arbeit auch in einem kurzen, intensiven Arbeitsprozess entstehen kann. Allgemein schätze ich Arbeiten, in denen eine gewisse Reibung spürbar wird, und die versuchen, die Komplexität eines Themas, und damit auch unserer Welt, abzubilden, statt sie zu reduzieren. Ich versuche den Studierenden zu vermitteln, die Subjektivität ihres eigenen Blicks zu erkennen, sich aber darin nicht zu bequem einzurichten: der eigene Blick ist Ausgangspunkt, kein Endpunkt. Erst im Kontakt mit anderen Perspektiven, mit Fragen und Widersprüchen, die nicht die eigenen sind, entsteht daraus mehr.
6. Fotografie und die Chancen, davon zu leben, verändern sich beide grundlegend. Was hältst du für das Wichtigste, das Studierende heute mitbringen müssen, um in diesem Feld bestehen zu können?
Ich versuche in meiner Lehre beweglich zu bleiben und arbeite wenig mit festen Methoden oder Techniken. Das Medium Fotografie und die Bedingungen der Arbeit damit verändern sich so schnell, dass ich vor allem versuche, den Studierenden ein großes Maß an Neugier, Offenheit, Freude am Schaffen und kritisches Denken mitzugeben. Was in zehn Jahren ist, oder sogar in fünf, kann ich nicht voraussehen. Aber mit diesen Eigenschaften sind sie im besten Falle fähig, mit neuen Situationen und Anforderungen innerhalb des Feldes der Fotografie sowie der oft turbulenten Lage unserer Welt umzugehen.




