
Interview & Text: Ute Noll
Sebastian Lux ist seit 2003 in der Stiftung F.C. Gundlach in Hamburg tätig, die er seit 2012 als Geschäftsführender Vorstand leitet. In enger Zusammenarbeit mit Gundlach hat er die Stiftung zu einer international vernetzten Institution für die Bewahrung und Vermittlung fotografischer Archive ausgebaut. Die Stiftung betreut heute neben dem Werk F.C. Gundlachs bedeutende fotografische Vor- und Nachlässe, darunter die Nachlässe von Peter Keetman, Reinhart Wolf und Andreas Herzau sowie den Vorlass von Henrik Spohler.
Zu den von Lux kuratierten Ausstellungsprojekten zählen unter anderem „Peter Keetman. Gestaltete Welt“ (2016), „Deutschland um 1980. Fotografien aus einem fernen Land“ (2022), „F.C. Gundlach. You'll Never Watch Alone“ und „Walter Schels. 16° Fische“ (beide 2026). Der 1971 in Göttingen geborene Kunsthistoriker studierte Kunstgeschichte an der Philipps-Universität Marburg. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Fotogeschichte und setzt sich für die Sicherung und Sichtbarmachung fotografischer Lebenswerke als visuelles Kulturgut ein.
F.C. Gundlach hat im Jahr 2000 seine Stiftung gegründet. Welchen Auftrag verfolgt die Stiftung heute?
F.C. Gundlach hat seiner Stiftung drei wesentliche Aufgaben mitgegeben: die Bewahrung und Aktivierung seines fotografischen Werks, die Fortführung und Präsentation der Sammlung F.C. Gundlach sowie die Förderung der Fotografie als Kulturgut. Diesen Zielen fühlen wir uns bis heute verpflichtet. Im Zentrum steht für uns stets die Vermittlung durch Ausstellungen und Publikationen.
Die Stiftung übernimmt und bewahrt fotografische Vor- und Nachlässe anderer Fotografen. Wie wird aus einem solchen Bestand eine Ausstellung?
Als wir beispielsweise mit dem Fotografen Andreas Herzau die Übergabe seines Archivs als Vorlass an die Stiftung besprachen, war auch eine Ausstellung seiner Fotografien von den Bamberger Symphonikern Thema. Nach Herzaus Tod im Jahr 2024 eröffnen wir nun am 1. Oktober 2026 in den Bamberger Museen die Ausstellung „Lichtakkord“, die rund 200 seiner Impressionen rund um die Auftritte des Orchesters zeigt. Wir sichten das Archiv, entwickeln eine Erzählstruktur, wählen fotografisch und thematisch herausragende Motive aus und gestalten gemeinsam mit dem Ausstellungshaus Architektur, Grafik, Rahmung und Hängung. Dieser Prozess macht große Freude. Entscheidend ist jedoch das Ergebnis: starke Bilder zu zeigen und eine fotografische Position im kollektiven Bildgedächtnis lebendig zu halten.
Woran machen Sie die Qualität einer fotografischen Arbeit fest, wenn Sie als Kurator Entscheidungen treffen?
Die Wertschätzung von Fotografinnen und Fotografen, Werkserien oder einzelnen Motiven bleibt immer subjektiv und ist zugleich vom jeweiligen Zeitgeist geprägt. Dieser Subjektivität müssen wir uns als Kuratoren bewusst sein. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir mit unserem Wissen um die Fotogeschichte die ästhetische Qualität, die historische Bedeutung und den dokumentarischen Gehalt von Fotografien fundiert beurteilen können. Für Ausstellungen wählen wir Motive aus, die gegenwärtig von besonderem Interesse sind. Für das Archiv sichern wir hingegen bewusst eine große Bandbreite, um auch künftig relevantes Material zur Verfügung zu haben.
Welche fotografischen Positionen und Haltungen haben über die Jahre für Sie Bedeutung behalten?
In der Ästhetik der Fotografie in Deutschland sind für mich, grob vereinfacht, das Neue Sehen der 1920er Jahre, die fotoform um 1950, die von den New Topographics der 1970er Jahre inspirierte Fotografie, die konzeptuelle Fotografie und die fotografische Experimentierfreude um 1980 grundlegend. International ist eine Vielzahl von Strömungen und Bewegungen relevant, insbesondere in den vergangenen vierzig Jahren. Ebenso wichtig sind jedoch die soziale, gesellschaftliche und politische Dimension der Fotografie als Dokument sowie das Spannungsfeld von Selbst- und Fremdbild. Hinzu kommen Fragen des Körperbildes, die angewandte Fotografie als Spiegel von Konsum, Kapitalismus und Kolonialismus sowie das Serielle in der Fotografie: Typologien, Narrative und freie Assoziationen. Und das Kristalline und das Amorphe ...
Die Fotografie steht unter dem Druck fundamentaler technologischer Veränderungen. Welche Konsequenzen sehen Sie?
Die technologische Entwicklung, insbesondere die hohe Qualität von Smartphonekameras, die Möglichkeit der sofortigen weltweiten Veröffentlichung in sozialen Medien sowie die Manipulation und Generierung von Bildern durch KI, erschüttert die Fotografie. Sie haben den gesellschaftlichen Umgang mit fotografischen Bildern grundlegend verändert. Wir müssen neu lernen, was ein fotografisch anmutendes Bild als Dokument überhaupt noch bedeuten kann. Die Quelle einer Aufnahme wird dabei immer wichtiger. Wenn Moholy-Nagy 1927 prognostizierte, dass „der fotografie-unkundige der analphabet der zukunft“ sein werde, dann gilt das heute nicht nur für den Einzelnen, sondern für ganze Gesellschaften. Umso wichtiger sind aus meiner Sicht die Erhaltung und Vermittlung historischer Bildbestände als visuelles Gedächtnis sowie ein wacher Umgang mit aktueller Fotografie als Dokument und Kunstwerk.





