
Interview und Text: Ute Noll
Barbara Klemm, geboren 1939 in Münster, zählt zu den prägenden Stimmen der deutschen Fotografie und hat die visuelle Erinnerung der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg entscheidend mitgestaltet. Als Fotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sie politische, gesellschaftliche und alltägliche Situationen beobachtet und in Bilder übertragen. Die Arbeiten sind geprägt von Zurückhaltung, Genauigkeit und Respekt vor dem Gezeigten sowie einer fotografischen Haltung, die sich weniger am einzelnen Bild als an Zeit, Wahrnehmung und Zusammenhang orientiert. Neben der Veröffentlichung in der Tagespresse sind ihre Arbeiten in zahlreichen Buchpublikationen erschienen und werden seit rund drei Jahrzehnten in Ausstellungen gezeigt, wo sie aus dem journalistischen Kontext herausgelöst und neu erfahrbar werden. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, darunter 1989 den Dr. Erich Salomon-Preis der DGPh und 2011 den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.
Woraus entsteht für Sie fotografische Verantwortung – noch vor dem ersten Bild?
Verantwortung beginnt mit Information. Man muss wissen, was passiert, bevor man irgendwo hingeht. Erst aus diesem Wissen heraus kann man sehen und entscheiden, was relevant ist.
Wie entsteht diese Form des Sehens, die Ihre Bilder so konzentriert wirken lässt?
Ein gutes Bild hat eine präzise Komposition. Aber ich komponiere nicht im Sinne von Inszenieren, sondern ich entdecke die Komposition. Man kommt zu einem Ereignis, ist vorbereitet, weiß doch nie, wie es sich entwickelt. Man muss offen bleiben und sehr genau beobachten.
Welche Rolle spielt die Auseinandersetzung mit Malerei für Ihren fotografischen Blick?
Dieser Blick ist sicher auch dadurch geprägt, dass ich in einem künstlerischen Haushalt aufgewachsen bin. Mein Vater war Maler, meine Mutter hatte an der Kunstakademie studiert. Ich habe meinen Studenten immer gesagt, sie sollen in die Museen gehen und sich die Malerei anschauen – nicht aus Bildungsgründen, sondern um zu verstehen, wie Bilder aufgebaut sind. Maler legen ihre Komposition fest. Wir Fotografen können das nicht. Wir müssen die Komposition in der Wirklichkeit finden.
Warum ist Verdichtung für Sie ein zentrales Prinzip der Fotografie?
Fotografie kann das eigentliche Ereignis nicht wiedergeben. Sie ist immer Annäherung. Man weiß vorher nie genau, wie sich ein Ereignis entwickelt. In der Reportage geht es fast immer um Abläufe, um ein Geschehen in der Zeit. Das lässt sich nicht vollständig erzählen. Man muss versuchen, das Erlebte zu komprimieren. Durch die entdeckte Komposition wird der Inhalt für den Betrachter klarer lesbar.
Wie gelingt es, Abstand zum eigenen Erleben zu bekommen, wenn Sie Bilder auswählen, und woran erkennen Sie, dass sich dieses Erleben im Bild wirklich zeigt?
Das ist ein Prozess. Auf den Kontaktbögen versuche ich ein Foto zu finden, das das Ereignis am besten wiedergibt. Sehr wichtig war für mich der Austausch mit meinem Kollegen Wolfgang Haut. Jemand, der nicht dabei war, erkennt schneller, ob sich das Erlebte im Bild wirklich zeigt.
Warum war die Arbeit in der Dunkelkammer für Ihre fotografische Arbeit so wichtig?
Die Dunkelkammer ist ein zweiter schöpferischer Prozess. Das Bild ist mit der Aufnahme noch nicht fertig. Erst bei der Entwicklung entscheidet sich, wie das Bild wirkt. Tonwerte sind keine technische Frage, sondern Ausdruck von Empfindung. Diese Entscheidungen lassen sich kaum delegieren.
Ihre Bilder sind in der Zeitung entstanden und werden seit Jahrzehnten in Ausstellungen gezeigt. Verändert der Wechsel in den Ausstellungsraum den Blick auf ein Bild?
Manche Bilder, die in der Zeitung eine Stärke haben, funktionieren an der Wand nicht. Im Layout überzeugen sie, aber für eine Ausstellung gibt es andere Kriterien für die Auswahl: Das Bild muss eigenständig ohne den Kontext des Auftrags funktionieren.
Woran lässt sich erkennen, ob ein Foto historisch wird?
Manchmal weiß man es sofort, etwa beim Fall der Mauer. Beim Kuss von Honecker und Breschnew habe ich das Bild im Moment der Aufnahme nicht als ikonisch gesehen, sondern als Beobachtung einer Situation. Mich hat nicht das Close-up interessiert, sondern die ganze Szene mit dem Politbüro im Hintergrund. Die Bedeutung eines Bildes zeigt sich oft erst im Nachhinein durch die politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen.
Was bleibt von dieser Haltung, wenn Technik, KI und Geschwindigkeit das Bilderdenken zunehmend bestimmen?
Technik ersetzt das Sehen nicht. Haltung zeigt sich darin, wie genau man schaut, was man weglässt und wie bewusst man entscheidet. Diese Verantwortung kann einem keine Technik abnehmen.



