
Interview und Text: Ute Noll
Anja Schürmann, geboren in Marburg, studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Musikwissenschaft und Psychologie und promovierte über die Bildbeschreibung als kunsthistorisches Medium. Sie ist Permanent Researcher am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI), wo sie den Forschungsschwerpunkt Visual Literacy aufgebaut hat. Sie arbeitet zudem an einer Theorie des fotografischen Buchs und lehrte an der Universität Düsseldorf und an der Folkwang Universität Essen. Als DGPh-Mitglied initiierte sie gemeinsam mit Kathrin Yacavone die Arbeitsgruppe Fotografie und Wissenschaft im Deutschen Fotorat.
Was steht im Zentrum Ihrer Arbeit heute, und was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Ich leite den Bereich Visual Literacy, den ich am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen aufgebaut habe. Aktuell entwickele ich gemeinsam mit Katharina Klapdor Ben Salem (KJF) ein Schulprojekt, das von der Lebenswelt Jugendlicher ausgeht, also von Hoodies, Vibes und Memes. Mich interessiert, wie sich visuelle Bildung vermitteln lässt, wenn man nicht mit dem Lehrplan beginnt, sondern mit dem, was ohnehin da ist.
Was gehört zur visuellen Bildung noch dazu?
Visuelle Bildung verstehe ich als kulturelle Praxis, als etwas, das in alltäglichen Bildumgebungen entsteht und dort reflektiert werden muss. Parallel forsche ich zu visuellen Vibes, also zu Bildphänomenen, die stark über Stimmungen und Atmosphären wirken und sich oft schwer eindeutig benennen lassen. Mich interessiert, wie sich in solchen Bildern die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschieben. Heutige Bildphänomene lassen sich kaum verstehen, ohne zu fragen, wie sie Gefühle ansprechen und steuern. Das gilt für AI-Slop ebenso wie für „Alpha Male“-TikToks.
Wie entwickeln sich Ihre Forschungsthemen, und was interessiert Sie dabei am Fotobuch besonders?
Das Fotobuch begleitet mich seit Jahren, es war eine Art Liebe auf den ersten Blick. Zusammengebracht haben uns Markus Schaden und Fred Lezmi. Es interessiert mich, wie ein Fotobuch gelesen und gesehen werden will und welche Formen von Wahrnehmung es hervorbringt. Es wird wenig darüber geforscht. Diese Lücke wollte ich schließen, nicht mit einzelnen Aufsätzen, sondern mit einer Poetologie des Fotobuchs. Zur wissenschaftlichen Arbeit gehören aber auch Sackgassen: Nachdem ich Jahre auf die Methodensuche verwendet hatte, erschien ein Buch, das meiner Herangehensweise verblüffend ähnlich war. Diese Krise habe ich inzwischen halbwegs produktiv überwunden, musste aber in meiner Forschung ganz von vorne anfangen.
Was können Fotobücher leisten, was andere Medien nicht können?
Fotobücher können sichtbar machen, was Texte oft nur beschreiben, etwa das Verhältnis von Präsenz und Abwesenheit. Anders als überproportionierte Prints sind Bücher Orte intimer Begegnung. Bilder stehen dort nicht isoliert, sondern im Verhältnis zueinander, in einer Abfolge, die sich erst im Durchblättern erschließt. Fotobücher erzeugen ein Erleben als Wissensform, kein Wissen über etwas, sondern eines, das im Sehen selbst entsteht, im zeitlichen Verlauf und in der Erfahrung des Buches.
Welche fotografischen Positionen begleiten Sie schon länger, und warum?
Ich schätze Torbjørn Rødland sehr. Seine Arbeiten begleiten mich seit Langem. Meine Augen kleben an seinen Bildern, wann immer sie ihnen begegnen. Er erzeugt eine Form von haptischer Visualität, also Bilder, die einen Eindruck von Körperlichkeit und Oberfläche vermitteln, als ließen sie sich berühren. Gleichzeitig bleibt mir bewusst, dass ein fotografischer Abzug diese Körperlichkeit nicht tatsächlich besitzt. Gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen dem, was dargestellt ist, und der Art der Darstellung interessiert mich.
Wie erleben Sie aktuelle technologische Entwicklungen, und was bedeuten sie für die Vermittlung von Fotografie?
Ich beobachte zunehmend Tendenzen der visuellen Personalisierung. Im Google Pixel 9 etwa sind KI-Funktionen integriert, die ein ‚authentischeres‘ Bild der Vergangenheit versprechen. Weil sie Inhalte zeigen, die so nie vor der Kamera waren, sondern über Algorithmen erzeugt werden, sind diese Bilder nicht mehr im klassischen fotografischen Sinn indexikalisch. Gleichzeitig werden nicht nur Bilder, sondern ganze visuelle Umgebungen personalisiert: Feeds, Empfehlungen, Suchergebnisse, bis hin zur Gefahr eines fehlenden gemeinsamen Verständigungsraums. Viele Menschen leben inzwischen auch visuell in jeweils eigenen Versionen der Realität. Gerade deshalb wird visuelle Bildung immer wichtiger: Ein geteilter empirischer Erfahrungsraum ist Voraussetzung dafür, dass wir uns überhaupt noch begegnen und ins Gespräch kommen können.