
Interview und Text: Ute Noll
Jessica Backhaus, geboren in Cuxhaven, wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Mit 16 Jahren ging sie nach Paris, wo sie Fotografie und Visuelle Kommunikation studierte. Dort begegnete sie Gisèle Freund, die zu einer prägenden Mentorin wurde. 1995 zog Backhaus nach New York, assistierte einflussreichen Fotografen und entwickelte ihre eigene Bildsprache: zunächst als poetische Dokumentarfotografin, die im persönlichen Umfeld Intimität und Vergänglichkeit erkundete, dann in einer konsequenten Verschiebung ins Abstrakte. Seit 2009 lebt und arbeitet sie in Berlin. Zwölf Monografien sind von ihr erschienen. Sie gilt als eine eigenständige Stimme der zeitgenössischen Fotografie.
Sie kamen aus der Dokumentarfotografie. Heute arbeiten Sie im Atelier mit Papier, Stoff, Glas, Gummibändern, Wasser und Sonnenlicht. Wie beschreiben Sie diesen Prozess?
Je nach Werkgruppe biege ich Formen mit der Hand, schneide sie aus oder benutze verschiedene Werkzeuge. Es geht um ein Zusammenspiel von matten und glänzenden Oberflächen, von transparenten und opaken Flächen, um Überlagerungen, Texturen und gezielt gesetzte Unschärfe. Am Ende entstehen dichte, geschlossene Farbflächen, solche, durch die das Licht dringt, und andere, die durch das Spiel von Licht und Schatten definiert werden.
Haben Sie diesen Wechsel bewusst entschieden, oder hat er sich ergeben?
Ja, das hat sich ganz natürlich entwickelt. Jean Christophe Ammann, damals Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, erkannte früh in meinen Arbeiten eine Entwicklung zur Abstraktion und sagte voraus, dass ich später abstrakt arbeiten würde.
Ihre abstrakten Bilder sind farbgewaltig. Welche Rolle spielt Farbe für Sie?
Farben haben etwas Lebensbejahendes, eine Energie, eine Freiheit. Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne Farben zu leben.
Ihre Serien haben einen starken inneren Rhythmus. Woher kommt der?
Wiederholung und Variation erzeugen für mich eine innere Bewegung, vergleichbar mit choreografischen Abläufen im Tanz oder filmischer Montage. Die Bildfolgen entfalten sich weniger narrativ als vielmehr musikalisch, über Tempo, Spannung und Pause.
Was verbindet Ihre frühen Arbeiten mit dem, was Sie heute tun, wie lässt sich diese Entwicklung beschreiben, und was bleibt konstant?
Licht und Farbe in der Fotografie haben meine Wahrnehmung von Beginn an strukturiert. Verändert haben sich der Raum, in dem ich arbeite, und die Freiheit, mit der ich auf das Gegenständliche verzichte. Dieser Prozess ist nicht auf Geschwindigkeit ausgerichtet. Begegnungen und Entwicklungen entstehen über lange Zeiträume und setzen sich in der zunehmenden Verdichtung der Bilder fort. Dabei bleibt mein Blick bewusst eigenständig und unabhängig von aktuellen Themen und narrativer Eindeutigkeit. Es ist eine Entwicklung, die keiner linearen Logik folgt. Meine Herangehensweisen bleiben offen und kehren in veränderter Form wieder. Konstant bleibt mein fortwährendes Suchen zwischen Kontrolle und Offenheit.


