Die Ausstellung Flowing vereint zentrale Werkgruppen des japanischen Fotografen Yasuhiro Ogawa aus den vergangenen Jahren mit neuen Arbeiten und macht die innere Geschlossenheit seines fotografischen Denkens sichtbar. Ogawas Farbfotografie bewegt sich an der Grenze zwischen Landschaft und Abstraktion, zwischen Wahrnehmung und Auflösung. Farbe ersetzt zunehmend die Form, ohne die Komposition preiszugeben.
Ogawa steht in einer japanischen fotografischen Tradition, in der Natur nicht als Motiv, sondern als Zustand verstanden wird: als Raum von Zeit, Leere und Widerstand. Seine Fotografien sind keine Abbilder von Landschaft, sondern Wahrnehmungsflächen, auf denen sich Licht, Farbe, Bewegung und Dauer einschreiben. Abstraktion ist dabei kein Stilmittel, sondern die Konsequenz einer Haltung, die Sehen als tastenden, offenen Prozess begreift.
Aus dem Unterwegssein, aus dem Reisen, verdichtet sich seine Erzählung zu visuellen Fragmenten, die die Grenzen zwischen Stadt und Land, Mensch und Natur, Geschichte und Fiktion aufheben. Ogawa reist bevorzugt mit dem Zug; das Fenster wird zur fotografischen Schwelle zwischen Innen und Außen, zwischen Stillstand und Geschwindigkeit. Die vorbeiziehende Landschaft verliert ihre Stabilität, wird Oberfläche, wird Farbe. Unschärfe beschreibt dabei einen zeitlichen Zustand. In einigen Serien verstärkt der Künstler diese Erfahrung durch präparierte, handgeschliffene Linsen, die den Bildern eine feine Textur verleihen – wie ein Schleier, der sich über die Wirklichkeit legt.
Ein charakteristisches Merkmal vieler Arbeiten von Yasuhiro Ogawa ist die Dunkelheit. Sie ist kein dramatischer Effekt, sondern ein ordnendes Prinzip. Besonders im Winter, seiner bevorzugten Reisezeit, entstehen Bilder von gedämpfter Helligkeit und reduzierter Farbigkeit. In der Dunkelheit treten die Farben akzentuiert hervor, vergleichbar mit traditionellen japanischen Innenräumen, in denen Lacke oder Goldflächen erst im Halbdunkel ihre Intensität entfalten. Diese Ästhetik knüpft an ein japanisches Verständnis von Raum an, in dem das Verborgene nicht als unheimlich, sondern als poetisch und vollkommen empfunden wird.
In der Serie Lost in Kyoto verdichtet sich Ogawas Ansatz zu einer fotografisch-philosophischen Reflexion. Kyoto erscheint nicht als historisches oder kulturelles Symbol, sondern als Fragment, als Überlagerung von Natur, Architektur, Spiritualität und Zeit. Tempel, Wege, Bäume im Nebel oder Spuren menschlicher Zivilisation tauchen auf und lösen sich wieder auf. Natur wird hier zum Träger von Bedeutung und verweist auf zyklische Zeit, Vergänglichkeit und Wiederholung. Zentral ist dabei der Bezug zum Zen-Buddhismus und zum Begriff des Ku – der Leere. Ku bezeichnet keinen Mangel, sondern einen offenen Zustand, in dem sich alles gegenseitig bedingt. Der Kreis, Sinnbild dieses Denkens, steht nicht für Vollendung, sondern für den immer neuen Versuch. Auch Ogawas Fotografien folgen diesem Prinzip: Sie streben nicht nach Abschluss, sondern nach Annäherung. Jedes Bild ist ein weiterer Umlauf, eine erneute Setzung im Offenen.
Yasuhiro Ogawa (*1968) zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Fotografen Japans. Seine Arbeiten verbinden die klassischen Motive und die kontemplative Haltung der japanischen Landschaftsfotografie mit zeitgenössischen fotografischen Mitteln wie abstrakten Kompositionen, ungewöhnlichen Perspektiven und Unschärfen. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Taiyo Award sowie dem Newcomer Award der Photographic Society of Japan ausgezeichnet.
Vernissage: Samstag, 14. März 2026, 18–22 Uhr
Yasuhiro Ogawa wird anwesend sein.
Führung mit dem Galeristen Thomas Gust und Yasuhiro Ogawa durch die Ausstellung.
Ausstellungskuration: Ana Druga und Thomas Gust