Ausstellung: Facetten der Großstadt nach August Sander. Thomas Kellner porträtiert ein Abbild unserer Zeit
Siegen. Wer sind wir als Gesellschaft? Was verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft, Berufe, Lebensentwürfe und Generationen? Mit seinem Werk Facetten der Großstadt nach August Sander sucht der deutsche Fotokünstler Thomas Kellner nach Antworten auf diese Fragen – nicht durch Statistiken oder Umfragen, sondern durch Porträts.
Für seine umfangreiche Serie Facetten der Großstadt nach August Sander fotografierte Kellner insgesamt 1.056 Menschen, etwa ein Prozent der städtischen Bevölkerung. Die Porträtfotografien ergeben zusammen einen visuellen Querschnitt der Gesellschaft und machen die Essenz einer Stadt sichtbar. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung betont das Projekt die Vielschichtigkeit von Individuen, die sich zu einem gemeinsamen sozialen Gefüge verbinden.
Das Vorhaben knüpft an das fotografische Erbe des aus der Region stammenden Fotografen August Sander an, der mit seinen Porträts gesellschaftliche Strukturen seiner Zeit dokumentierte. Anlässlich seines 150. Geburtstags präsentiert die Art Galerie Siegen vom 08. November 2026 bis zum 30. Januar 2027 insgesamt 150 Arbeiten von Thomas Kellner in der Ausstellung Facetten der Großstadt nach August Sander.
Von der Typologie zum sozialen Typus
Sander verstand den einzelnen Menschen stets als Vertreter sozialer Gruppen. Kellner überführt dieses Prinzip in das 21. Jahrhundert, indem er demografische Daten als Grundlage eines visuellen Mikrozensus nutzt. Damit verschiebt sich die Typologie von Berufsständen und Milieus hin zu einer reflektierten Gesellschaftsanalyse, in der die Bedeutung nicht im Einzelbild entsteht, sondern in seiner seriellen Anordnung. Während Sander das Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts festhielt, überträgt Kellner diesen Ansatz in die Gegenwart und fragt, wie sich Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Vielfalt heute darstellen lassen.
„Jedes einzelne Porträt erzählt eine persönliche Geschichte. Erst in der Gesamtheit entsteht jedoch ein Bild der Gesellschaft“, erklärt Kellner. Handwerkerinnen, Studierende, Unternehmer, Pflegekräfte, Künstlerinnen oder Ehrenamtliche – sie alle sind Teil eines Projekts, das die Menschen hinter den gesellschaftlichen Kategorien sichtbar macht. Die porträtierte Person bleibt einzigartig, verweist aber zugleich auf größere soziale und kulturelle Zusammenhänge.
Facetten der Großstadtnach August Sander ist zugleich der Abschluss einer Werktrilogie, mit der sich Kellner seit 2020 seiner Heimatregion widmet. Nach Fotografien regionaltypischer Architektur, die auf die Typologien von Bernd Becher und Hilla Becher Bezug nehmen und den sogenannten Kapellenschulen rückt nun der Mensch selbst in den Mittelpunkt. Entstanden aus dem Wunsch nach Nähe und Begegnung während der Pandemie, entwickelte sich das Projekt zu einer fotografischen Bestandsaufnahme unserer Gegenwart.
Die Arbeiten verbinden dokumentarische Präzision mit künstlerischer Reflexion. Kellner präsentiert die dargestellten Personen, ähnlich wie Sander, zumeist in einer Ansicht strenger Frontalität. Er favorisiert dabei nicht das Atelier, sondern bezieht das berufliche und private Umfeld der Porträtierten in seine Aufnahmen ein. Kleidung, Haltung, Mimik und Umfeld der Porträtierten geben Hinweise auf ihre Lebenswirklichkeit und werfen zugleich die Frage auf, wie Identität überhaupt sichtbar gemacht und als Abbild festgehalten werden kann. Kellners Projekt versteht Vielfalt dabei nicht als bloße Summe sichtbarer Unterschiede, sondern als konstitutives Prinzip von Gesellschaft: Erst die Vielzahl individueller Lebensrealitäten formt jenes komplexe Ganze, das sich im seriellen Nebeneinander der Porträts als kollektives Selbstbild einer Stadt manifestiert. So entsteht nicht nur eine Sammlung einzelner Identitäten, sondern ein vielschichtiges Bild gesellschaftlicher Realität.
Mit Facetten der Großstadt nach August Sander rekurriert Kellner auf Sanders sachliche Konzeption von Porträts, die dieser seinerzeit mit Antlitz der Zeit und postum mit Menschen des 20. Jahrhunderts vermittelte. Kellner rückt den Menschen in den Fokus und unterzieht das künstlerisch-dokumentarischen Paradigma Sanders einer Aktualisierung, erschafft ein fotografisches Archiv der Gegenwart – ein Werk über Vielfalt, Zugehörigkeit und das, was eine Gesellschaft im Innersten zusammenhält.
Thomas Kellner. Facetten der Großstadt nach August Sander.
08.11.2026-30.01.2027
Art Galerie Siegen
Fürst-Johann-Moritz-Straße 1
57072 Siegen
www.artgalerie-siegen.de