Der Pestausbruch 1910/11 in der Mandschurei war die erste Epidemie der Neuzeit, die mit wissenschaftlichen Methoden analysiert und mit fotografischen Bildern dokumentiert wurde.
Die Ausstellung im FORUM FÜR FOTOGRAFIE KÖLN zeigt die Bilder eines zeitgenössischen Albums mit 50 Gelatinesilber Kontaktabzügen von Glasnegativen. Es handelt sich um eines von weltweit drei erhaltenen Fotoalben dieser Art.
Unter humanen und medizinischen Aspekten war der Pestausbruch von 1910/11 für die Mandschurei eine epidemiologische Katastrophe mit circa 60.000 Todesopfern bei einer Sterblichkeit der Infizierten von 100 Prozent.
Der dramatische Verlauf der Epidemie, der weltweit panische Ängste auslöste, hatte jedoch seine Ursache nicht nur in medizinischen, sondern insbesondere in verhängnisvollen Macht und geopolitisch Umständen.
Ausgangspunkt und Epizentrum der Seuche war die Stadt Harbin in der damaligen Mandschurei (heute China). Die Stadt war vom zaristischen Russland begründet worden, um als logistisches Zentrum für den Bau der russischen chinesischen Ostbahn (CER) zu dienen, die 1903 auf einem von Russland gepachteten Gebietsstreifen fertig gestellt worden war und als wichtiger wirtschaftlicher Verkehrsweg, Russland, China, die japanisch besetzte Süd-Mandschurei und Korea verband.
Die Pest breitete sich also in einer Region aus, in der drei imperialistische Mächte, um die wirtschaftliche und politische Macht konkurrierten.
In Russland hatte das autokratische System des zaristischen Regimes Mühe, die Freiheitsforderungen und sozialen Proteste, die das Volk bewegten, in Schach zu halten und sich wirtschaftlich und militärisch zu behaupten.
Die chinesische Qing-Dynastie war durch zermürbende, interne Konflikte geschwächt und wurde schließlich am 12. Februar 1912 gestürzt. Das Jahrtausende alte kaiserliche Regime musste Platz für die Republik China machen.
In Japan, was zu einer Kolonialmacht geworden war, ging die Meji-Ära zu Ende, und der Militarismus wurde zu einem dominierenden Merkmal der japanischen Territorialexpansion.
Vor diesem Hintergrund extremer politischer Verwirrung und kolonialen Expansionsdrang, rivalisierten Russen, Chinesen und Japaner um die Kontrolle über die Mandschurei.
Die Erschließung des Nordostens Chinas erforderte eine beispiellose Entwicklung des Verkehrswesens – im vorliegenden Fall der Eisenbahn – was zu weiteren Konflikteskalationen führte. Die Russen zogen aus dem Bau der Eisenbahnlinie und der Gründung der Stadt Harbin, einen großen, wirtschaftlichen Nutzen, der ihnen, insbesondere entgegen chinesischer Interessen eine beherrschende Rolle in der Region verschaffte.
Beeindruckt von diesem „Eisenbahnimperialismus“ gründeten auch die Japaner 1906 ihrerseits die Südmandschurische Eisenbahngesellschaft. Der jahrelange Bau dieser Eisenbahnstrecken zog ein schnellwachsendes Heer von chinesischen Arbeitern aus ihrer verarmten Heimat ab, die unter armseligsten und denkbar schlechtesten hygienischen Bedingungen bei Harbin lebten.
Dieser chaotischen Bevölkerungsbewegungen, die Verbreitung der Pest durch die Züge der Eisenbahn und der ständige Streit unter den medizinischen Organisationen der involvierten Mächte, erwiesen sich als entscheidender Faktor für den Verlauf der Epidemie und ihre hohen Opferzahlen.
Die russische Population Harbins hatte, da sie in komfortablen und hygienischen Stadthäusern lebte, während der gesamten Epidemie nur circa 40 Todesopfer zu beklagen. Die russischen Ärzte der Chinesischen Ostbahn (CER) waren insbesondere beauftragt, wissenschaftliche Gründe zu finden, die den Betrieb der Eisenbahn nicht beschränken sollte. Sie definierten daher, ohne wissenschaftlichen Beweis, die Pest als eine Beulenpest, die durch Flöhe übertragen würde und mit Desinfektionsmaßnahmen relativ einfach zu bekämpfen sei.
Der chinesische Arzt, Dr. Wu hingegen, wies anhand von Obduktionen nach, dass es sich bei der Epidemie um eine von Mensch zu Mensch übertragene Lungenpest handelte, was erklärte, dass die unter primitivsten Bedingungen in Erdhöhlen und Massenquartieren lebenden Chinesen im Winter 1910/11 circa 60.000 Opfer zu beklagen hatten.
Dr. Wu hatte in Cambridge Medizin studiert und hatte in Europa von Alexandre Yersin, der 1894 den Pesterreger in Hongkong entdeckt hatte, gelernt, Atemschutzmasken zum Schutz gegen Infektionen der Lungenpest wirksam einzusetzen. Er setze das Tragen von Schutzmasken ordnungspolitisch durch. Seiner Hartnäckigkeit und seinem Engagement war es schließlich zu verdanken, dass diese Pestkatastrophe sich nicht weiter ausbreitete.

Scans der Originalfotos aus dem präsentierten Fotoalbum 1910/11, Forum für Fotografie, Köln
Veranstaltungen:
13.03.26, 17:00 Uhr, Lesung zur Ausstellung
16.04.26, 17:00 Uhr, Führung durch die Ausstellung