Seit den frühen 1980er Jahren hat der amerikanische Fotograf Jamel Shabazz (* 1960) alltägliche Szenen in der überwiegend afroamerikanisch geprägten Nachbarschaft seiner Heimatstadt New York festgehalten. Auf seinen Streifzügen durch Manhattan, die Bronx, und Brooklyn schuf er unzählige Porträts, die heute zu Ikonen ihrer Epoche zählen. Shabazz machte den Bürgersteig zu seinem Fotostudio und hielt das lebensfrohe Bild einer jungen Generation fest, die vor kreativer Energie sprühte. Dass er dabei nicht als distanzierter Beobachter wahrgenommen wurde, sondern als jemand, der Teil derselben sozialen Wirklichkeit war, zeigt sich in der intimen Atmosphäre seiner Einzel- und Gruppenporträts: Selbstbewusst blicken die Schwarzen Frauen, Männer und Kinder in Shabazz Kamera und inszenieren ohne Scheu ihre stilvollen Outfits und lässigen „Moves“.
Schon als Kind kam Shabazz mit der Welt der Fotografie in Berührung, hatte Zugang zu Familienalben, Zeitschriften und Büchern, die ihm die Bedeutung und Vielfalt des Mediums offenbarten. Mit seiner ersten Kamera schuf er als Teenager frühe Porträts seiner Freunde. Nach der Rückkehr von einem dreijährigen Militärdienst in Deutschland begann er ab 1980 systematisch die täglichen Begegnungen auf den Straßen, in Parks oder der Subway festzuhalten. Seine Fotografien dokumentieren die Entstehung der Hip-Hop-Kultur ebenso wie die Bedeutung von Freundschaft, Familie und Nachbarschaft. Entstanden sind sie in einer Zeit, in der das Leben in New York unter anderem von den Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs, rassistischer Ungleichheit, der Crack-Epidemie und Masseninhaftierungen geprägt war. Dass hiervon die Schwarze Bevölkerung besonders betroffen war, erlebte Shabazz hautnah. Mehr als 20 Jahre arbeitete er als Vollzugsbeamter in Einrichtungen wie der Haftanstalt Rikers Island, deren Insassen überwiegend mittellos waren und von denen mehr als die Hälfte an psychischen Erkrankungen litt.
Während seine Fotografien im öffentlichen Raum von Freiheit, Zugehörigkeit und jugendlicher Energie erzählen, richten seine Aufnahmen aus dem Umfeld des Strafvollzugs den Blick auf Hoffnungslosigkeit, Ausgrenzung und die oft zerstörerischen Folgen sozialer Ungleichheit. Auch hier fotografierte Shabazz mit derselben Zugewandtheit und zeigt Menschen, deren Biografien von Brüchen gezeichnet sind, ohne ihre Würde anzutasten.
Mit über 60 Fotografien gewährt diese Ausstellung zum ersten Mal in Deutschland weitreichende Einblicke in Shabazz vielschichtige Perspektiven auf das Leben afroamerikanischer Communities im New York der 1980er und 1990er Jahre. Sie vereint Aufnahmen ausgelassener Momente urbaner Jugendkultur ebenso wie stille Bilder eines repressiven Institutionengefüges und stellt grundlegende Fragen nach Identität, Gemeinschaft und Gerechtigkeit.
„Jamel Shabazz. New York Vibes“ entstand in Kooperation mit der Galerie Bene Taschen und läuft bis zum 17. Januar 2027. Die Ausstellung wurde von Anne-Marie Beckmann, Direktorin der Deutsche Börse Photography Foundation kuratiert. Ein Besuch ist im Rahmen von Führungen und an den „Open Saturdays“ am 31. Oktober und 16. Januar 2027 möglich.
Begleitprogramm
Parallel zu der Ausstellung „Jamel Shabazz. New York Vibes“ veranstaltet die Deutsche Börse Photography Foundation in Kooperation mit den Arthouse Kinos Frankfurt die Filmreihe „New York Vibes on screen“. Sie zeigt legendäre Kinofilme, die die kulturelle Dynamik New Yorks in den 1980er- und 1990er-Jahren beleuchten und dabei insbesondere die Lebensrealitäten, Ausdrucksformen und Perspektiven afroamerikanischer Communities in den Blick nehmen: „Do the Right Thing“ von Spike Lee (5. Oktober 2026), „Beat Street“ von Stan Lathan (3. November 2026) und „Clockers“ von Spike Lee (1. Dezember 2026). Ein weiterer Film wird am 30. November 2026 als Überraschungsfilm im Rahmen des Formats „Milestones“ gezeigt. Jede Vorstellung beginnt mit einer Einführung.
Tickets sind erhältlich unter www.arthouse-kinos.de.