
Interview und Text: Ute Noll
Gottfried Jäger (*1937 in Burg bei Magdeburg) zählt zu den international prägenden Fotografen und Theoretikern der konkreten und generativen Fotografie. Seit den 1960er Jahren entwickelt er systematisch abbildungsfreie Bilder, die durch gezielte Veränderungen ihrer Voraussetzungen entstehen und in denen nicht Motive, sondern die fotografischen Mittel selbst in ihrer Wirkungsweise nachvollziehbar sichtbar werden. Jäger bestimmt die Identität der Fotografie über Licht - als Träger des Farbspektrum -, Zeit, Apparat und Trägermaterial.
Damit leistet er einen entscheidenden Beitrag zur Anerkennung der Fotografie als eigenständige künstlerische Praxis, vergleichbar mit der Malerei, die wesentlich über ihre bildnerischen Mittel definiert ist. Als Professor für Fotografie (1973–2002) an der Fachhochschule Bielefeld prägte er Generationen von Fotograf:innen. Seine Positionen wirken bis heute im fotografischen Diskurs weiter und gewinnen vor dem Hintergrund aktueller Bildtechnologien neue Relevanz.
Wenn das Foto eigene Formen hervorbringt – entsteht darin auch das, was als Poesie bezeichnet wird?
Eine Frage der Definition. Mit Blick auf meine Arbeit fand ich den Poesiebegriff lange Zeit wenig angemessen und eher der Literatur als der Bildkunst zugehörig. Doch änderte sich die Einstellung bei der Arbeit an meiner aktuellen Ausstellung in Konstanz, für deren Titel ich mich mit meinen dortigen PartnerInnen für Poesie des Fotografischen entschied. Er mag an die Poesie der Fotografie von Lucien Clergue (1934-2014) erinnern. 1959, als Student, hatten mich sein Buch und seine Ausstellung unter diesem Titel in den Kölner Werkschulen beeindruckt, ja berührt. Doch geht es mir nicht um diesen seinen poetischen Realismus. Sondern um den fotoeigenen, bildschöpferischen Prozess im experimentellen Umgang mit meinem Fach und seinen latenten Möglichkeiten. So wurde mein Medium zu meinem Gegenstand.
Wenn wir heute generative Fotografie und KI‑basierte Bildproduktion als unterschiedliche Verfahren betrachten: Warum spielt der Begriff des Generativen dennoch für beide eine Rolle – oder würden Sie diese Verbindung so nicht ziehen?
1969, ein Jahr nach der ersten Ausstellung zur Generativen Fotografie in Bielefeld, entstand ein selbstgestaltetes und selbstfinanziertes Werbeblatt. Produzenten waren Hein Gravenhorst und ich; gedruckt wurde es in der Buchdruckwerkstatt der Werkkunstschule Bielefeld. Der programmatische Satz stammt – in Abstimmung mit Hein Gravenhorst – von mir und erschien auch im damaligen Ausstellungsfaltblatt. Er lautet: „Generative Fotografie … Ein programmatischer Begriff für die Erzeugung visueller ästhetischer Strukturen aufgrund diskursiver Methoden und ihrer Herstellung mittels fototechnischer Verfahren.“ Der Begriff „generativ“ wurde zunächst ausschließlich von unserer Gruppe – Breier, Cordier, Gravenhorst, Franke und mir – verwendet und ruhte danach jahrzehntelang. Heute tritt er wieder offensiv in Erscheinung, aktueller denn je – generative KI lässt grüßen. Trotz unterschiedlicher Verfahren geht es begrifflich in beiden Fällen um Erzeugung und Hervorbringung von Information: um Innovation, nicht um Reproduktion, um Produktion, nicht um Wiedergabe oder Wiederholung.
War die Abkehr vom Motiv für Sie auch ein Verlust?
Nein, natürlich nicht. Ich habe das gegenständliche Foto nie vernachlässigt oder gar verleugnet. Doch schien mir die meinem Fach innewohnende Kraft an eigenen, latent in ihm selbst ruhenden Inhalten und Formen in meiner aktiven Zeit längst nicht ausgeschöpft. Ich sah ein Vakuum, das auszufüllen war. Ich wollte etwas Neues, Eigenes schaffen, und bezeichnete meine Ergebnisse ab 1967 mit einem damals neuen und ungewöhnlich erscheinenden Begriff Generative Fotografie.
Was bedeutet das für das Dokumentarische, wenn der Entstehungsprozess von Bildern nicht mehr nachvollziehbar ist?
Nun ist ein Zeitalter angebrochen, in dem sich das Schöpferische vom Gegenständlichen medial kaum noch unterscheiden lässt. Bildnachrichten können ebenso falsch sein wie das falsche Wort. Fake News. Mit dieser Dialektik müssen wir leben. Der Kampf um die Wahrheit der Nachrichten ist allgegenwärtig, findet täglich statt, im Journalismus wie vor Gericht. Es ist auch ein Kampf der Bilder. Ungebildet sind wir ihrer Präsenz ausgeliefert. Ihre Botschaft zu differenzieren, zu entziffern, ist nicht einfach: ein brisantes Thema unserer Zeit…
Wie hieß Ihre Professur, die Sie ab 1973 an der Fachhochschule Bielefeld innehatten?
Die Bezeichnung meines Lehrstuhls lautete: Fotografie und generative Bildsysteme. Mit diesem Text existiert er bis heute. Seit 2023 führt ihn Prof. Adrian Sauer in Lehre und Forschung kompetent und erfolgreich fort.




