
Interview und Text: Ute Noll
Gerd Ludwig, geboren 1947 in Alsfeld, zählt zu den prägenden Stimmen der internationalen Autorenfotografie. Seine Langzeitprojekte verbinden journalistische Präzision mit einer klaren ethischen Haltung und einem bewussten Verständnis fotografischer Autorenschaft. Nach dem Studium an der Folkwangschule in Essen, geprägt von Otto Steinert, arbeitete er ab 1984 in den USA für internationale Magazine und wurde Anfang der 1990er‑Jahre Vertragsfotograf von National Geographic. Seit 1992 lebt und arbeitet er in Los Angeles. Internationale Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Arbeiten zu den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und zu den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, für die er international bekannt wurde. Für sein Werk wurde er mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) ausgezeichnet, und 2015 erhielt er die Ehrenmedaille der Universität von Missouri (Missouri Honor Medal) für langjährige Leistungen im Journalismus.
Sie kamen über Umwege zur Fotografie. Wie genau?
Ich habe Germanistik, Sport und Politologie studiert und abgebrochen. Die Sportler waren mir nicht intellektuell genug, die Germanisten zu intellektuell. Dann bin ich ein Jahr durch die Welt getrampt und habe als Maurer, Tellerwäscher und Steward auf einem norwegischen Schiff gearbeitet. Irgendwann kaufte ich mir eine Kamera und merkte: Das Fotografieren ist faszinierend. Zurückgekommen bin ich mit dem Entschluss: Ich werde Fotografie studieren.
Sie haben Fotografie nie als Beruf verstanden, sondern von Anfang an als Berufung. Wie hat sich das ausgedrückt?
Schon während des Studiums ab 1969 bei Otto Steinert haben wir Fotografie als Berufung verstanden. Direkt danach habe ich mit Rudi Meisel und André Gelpke Mitte der siebziger Jahre die Agentur VISUM gegründet, und auch da war klar: Wir verstehen uns als Autoren. Wir haben Aufträge abgelehnt, die inhaltlich nicht passten. Bei GEO habe ich einmal zur Bedingung gemacht, meine eigene Sicht zeigen zu können, falls der Text nicht das vermittelt, was ich vor Ort erlebe und erfahre. Fotografie war für mich nie die Bebilderung fremder Ideen.
Was hat Sie bei Otto Steinert am stärksten geprägt?
Bei den Bildbesprechungen zwang er uns, Stellung zu beziehen und unsere Entscheidungen zu verbalisieren: Was vermittelt dieses Foto? Warum ist ein Bild stärker als ein anderes? Und er vermittelte die Struktur einer Reportage. Hinzu kam die Freiheit, unsere eigenen Themen zu wählen — solche, die uns neugierig machten oder zu denen wir eine innere Beziehung hatten. Anschließend mussten wir selbst recherchieren und eigenständig Zugang finden. Das war eine hervorragende Vorbereitung aufs Berufsleben als visuelle Storyteller – auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab.
Russland, die Ukraine: Was verbindet Sie mit dieser Welt?
Mein Vater hat Stalingrad überlebt. Im Dunkeln lauschte ich der sanften, traurigen Stimme meines Vaters, als er vom Krieg erzählte. Ursprünglich dachte ich, das seien Gute-Nacht-Geschichten. Erst viel später begann ich zu begreifen, dass mein Vater versuchte, sich seine grauenhaften Kriegserinnerungen von der Seele zu reden. Als ich das erste Mal in der Sowjetunion fotografierte, hatte ich das Gefühl, diese Welt bereits zu kennen und scheute ich mich, in einem Land kritische Bilder zu machen, das so sehr durch meine Elterngeneration gelitten hat. Ende der achtziger Jahre, als Gorbatschows Glasnost erstmals den Schleier lüftete, wurde ich mit den gesellschaftlichen und politischen Wahrheiten eines Landes konfrontiert, das sieben Jahrzehnte totalitärer Herrschaft hinter sich hatte. Erst jetzt war ich bereit, zwischen dem System und den Menschen zu unterscheiden und mir ein vollständigeres Bild des Sowjetimperiums zu machen.
Mein letzter Aufenthalt in Russland liegt bereits 10 Jahre zurück. Seitdem werde ich nicht mehr ins Land gelassen.
Und Tschernobyl?
Es liegt am Schnittpunkt zweier meiner zentralen Interessensgebiete: Umweltfragen und die ehemalige Sowjetunion.
Was macht ein Foto zeitlos?
Wenn es Emotionen vermittelt, die Seele berührt. Unsere Emotionen haben sich über Jahrhunderte, Jahrtausende nicht verändert. Liebe, Schmerz, Freude, Trauer: wenn das trägt, wird ein Bild zeitlos. Aber Zeitlosigkeit ist nicht das einzige Kriterium für ein großartiges Foto. Für mich gilt: Ein gutes Foto berührt die Seele und erweitert den Horizont. Das heißt auch: Ein (journalistisch-dokumentarisches) Foto wird erst dann interessant, wenn es vermittelt, wie der Fotograf im Moment des Auslösens empfunden hat. Und darüber hinaus gilt: Technik und Komposition in der Fotografie sind wie Grammatik und Syntax in der Literatur.
Neben Tschernobyl arbeiten Sie an einem ganz anderen Projekt: schlafende Autos.
Das entstand aus einem einzigen Satz, so wie viele meiner Arbeiten beginnen. Ich war mit einem Journalisten unterwegs, wir arbeiteten an einer Autogeschichte für den Stern. Er murmelte: „Ich frage mich, wo diese Autos nachts schlafen gehen.“ Dieser Satz hat mich nicht mehr losgelassen. Es hat Jahre gedauert, bis sich das Konzept entwickelt hat: Autos, die wirklich dieses Schlafen vermitteln, abgedeckt, isoliert. Meine Autos sind Einzelgänger. Sie beanspruchen ihren eigenen Raum und zeigen gern Präsenz. Manche schlafen nackt und einige wenige Glückliche schlafen gemeinsam. Von Natur aus bin ich ein Nachtmensch. In jenen Stunden, die Kafka als seine produktivsten bezeichnete, wenn Traum und Wirklichkeit aufeinandertreffen, ziehe ich los, um schlafende Autos zu fotografieren. Auch nachdem das Buch erschienen ist, fahre ich nachts in schlaflosen Stunden durch Los Angeles, und suche unablässig nach Fahrzeugen, die zu mir sprechen.
Hat sich Ihre Haltung zur eigenen Arbeit verändert?
Als junger Fotograf träumte ich davon, das eine Foto zu machen, das die Welt verändert. Aber ich bin bescheidener geworden. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte dazu. An einem Strand werden Tausende Quallen angespült. Alte Männer schauen untätig mit den Händen in der Hosentasche zu, wie Kinder eine Qualle nach der anderen vorsichtig zurück ins Meer tragen. Ihr macht doch keinen Unterschied, sagen die Männer, das sind viel zu viele. Da dreht sich ein Kind um und sagt: „Doch, es macht einen Unterschied für diese eine Qualle hier.“
Ich will immer so sein wie dieses Kind, auch mit fast 80 Jahren noch.




