Bericht zur Tagung „Der Gang der Dinge. Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?“

Zur interdisziplinären Tagung „Der Gang der Dinge. Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?“ am 29. und 30. Juni 2012 in Schloss Wolfsburg

Ditmar Schädel zog im Nachgang ein enthusiastisches Fazit, das wir gerne zitieren: „Die Tagung in Wolfsburg war großartig und ein voller Erfolg. In einer wunderbar anregenden Atmosphäre konnten die Teilnehmer 13 hochkarätige Vorträge und eine intensive Podiumsdiskussion erleben. Schon in Wolfsburg haben sich viele der Besucher positiv geäußert und sowohl das Konzept des Programms und die Qualität der Beiträge als auch die Organisation als überaus gelungen bezeichnet.

Dank der schlüssigen Konzeption und guten Vorbereitung durch Dr. Christiane Fricke, der sorgfältigen Vorarbeit von Karsta Zoller und der Organisation und Umsetzung vor Ort durch Simon Schwinge und Bernd Rodrian konnte den Teilnehmern ein vielfältiges Programm und ein reibungsloser Ablauf präsentiert werden.

Auch das Rahmenprogramm, das gemeinsame Abendessen und der Mittagsimbiss am Samstag waren Anlass zur Vertiefung der Thematik und Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen.

Die Gäste waren zum einen Teil Mitglieder der DGPh aber auch VertreterInnen aus namhaften Institutionen wie z.B. freelens, SK Stiftung Kultur, Museen, Galerien und Archiven verschiedener Prägung.

Die Führung durch das Institut Heidersberger bildete einen passenden Ausklang am Sonntag.

Deutlich wurde in den Reaktionen, dass diese Tagung im Grunde nicht ausreicht und der Wunsch nach einer Wiederholung mit Vertiefung einiger Aspekte wurde mehrfach geäußert.

Jetzt steht die Nacharbeit an. Da alle Vorträge mitgeschnitten wurden und durch eine Softwarelösung digitalisiert und verschriftlicht werden können, lässt sich die Manuskripterstellung unter Umständen recht bald realisieren.“


Nachfolgend die Einführung zu Beginn des Symposiums von Dr. Christiane Fricke

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitglieder der DGPh,

„Photographische Nachlässe sind für die Erben einfach die Pest. Ich muss das leider so sagen.“ So formulierte es jüngst Klaus Honnef, der die Photosammlung im Landesmuseum Bonn aufbaute und die Photographie in Deutschland mit seinen theoretischen Publikationen und seinen Ausstellungen weit voran gebracht hat.

Sein Resümee, das er so en passant hinwarf, zog er aus der Perspektive des Museumsmanns. Was braucht es, um einen Nachlass angemessen aufbewahren und erschließen zu können?

-    Einen findigen Verwaltungschef, der weiß, woher er die Mittel dafür herzaubert
-    Den Etat vieler Jahre und den Verzicht auf Ankäufe in diesem Zeitraum
-    Die Selbstausbeutung wissenschaftlicher Mitarbeiter
-    Und ein ungeheuer dickes Fell und beträchtlichen Charme, um diejenigen zu rekrutieren, die die praktische Arbeit leisten

Zitat: „Dem Staat sind die Nachlässe egal, selbst die der prominenteren Photographen (-innen), siehe den beklagenswerten Zustand der Archive“.

Wir befinden uns in Deutschland, in einem Land, in dem Museen fast ausnahmslos und seit längerem an den Grenzen ihrer finanziellen und personellen Möglichkeiten arbeiten und sich daher nur bedingt für die Aufnahme von Nachlässen eignen. Auch eine nationale Einrichtung, die wie in den USA, in Holland, Frankreich, Polen oder der Schweiz für das photographische Erbe des Landes eine Anlaufstelle sein könnte, war bislang nicht in Sicht und ist nach wie vor auch stark umstritten. Die Gründe bzw. die Argumente für und wider und neue Ideen erörtern am morgigen Tag Enno Kaufhold und Sebastian Lux bzw. Jens Bove.

Deutschland ist aber auch ein Land, in dem es funktionierende Strukturen gibt, teilweise mit überregionaler Orientierung, viele von ihnen als regional verankerte Initiativen. Einige stellen wir hier vor.

Wir haben bei unseren Vorbereitungen versucht, insbesondere die Perspektive der Betroffenen einzunehmen: die der Photographen und Sammler, die vor der Entscheidung stehen, was mit ihrem Nachlass oder ihrer Bildersammlung geschehen soll.

Wenn Sie (liebe Zuhörer) ein Archiv weitergeben möchten, stehen Sie vor einem Berg von Fragen. Es beginnt mit Überlegungen, warum eine Sammlung überhaupt erhalten werden sollte und für wen. Denken Sie auch unbequeme Dinge: Institutionen sind raffgierig. Was wollen Sie als potentieller Nachlassgeber erreichen?

Welche konservatorischen Anstrengungen wollen Sie unternehmen, damit das Material so wenig Schäden wie möglich genommen hat, wenn sie es weitergeben?

Sie fragen sich, welchen Wert ihre Bilder haben und wie Sie die Weitergabe ihrer Archivalien rechtlich absichern können.
Welche Argumente haben Sie für, welche gegen eine Weitergabe? Müssen Sie ihren Bestand überhaupt an Dritte verkaufen oder verschenken? Die Archeology of Photography-Foundation in Polen hat z.B. ein Modell für den Umgang mit Archivbeständen entwickelt, die weiterhin im Besitz der Familien bleiben.
Nachlassgeber müssen sich auch damit auseinandersetzen, dass ihr Bestand in ganz anderen als ursprünglich von ihnen gedachten Zusammenhängen gesehen und ausgestellt wird. Dass er für andere Zwecke instrumentalisiert wird, wie die enzyklopädischen ethnischen „Archives de la planète“ von Albert Kahn in Paris, die Franziska Maria Scheuer in ihrem Vortrag behandelt. Auch die großen kunsthistorischen Archive wie Foto Marburg haben sich darauf einstellen müssen, dass ein Photo nicht mehr nur ein Arbeitsinstrument für die kunsthistorische Forschung ist, sondern ein Artefakt, an das vermehrt unterschiedliche Disziplinen ihre jeweils eigenen Fragen herantragen.
Eine andere Überlegung ist, wie es um internetbasierte Strukturen steht, die Nachlässe und Sammlungen als Kulturgut und visuelles Gedächtnis vernetzen und zugänglich machen können. In Deutschland unternehmen die Website fotoerbe.de mit dem neu gegründeten Netzwerk Fotoarchive e.V. die ersten Schritte auf diesem Gebiet. Etwas weiter ist z.B. Frankreich, das erheblichen Aufwand treibt, um die zentrale Internet-Plattform araGo für private und öffentliche Kollektionen aufzubauen.

Wer seinen Bestand einer Institution gibt, sollte sich vorher kundig machen, wie bzw. nach welchen Kriterien hier gesammelt wird. Hier geht es um die entscheidende Frage, was ggf. aussortiert wird und warum. Wir konfrontieren zwei extreme Beispiele: das Archiv für Künstlernachlässe in Brauweiler mit der Praxis eines Stadtarchivs am Beispiel Bonn.

Schließlich zum Thema Überleben einer Stiftung. Auch hier stellen wir zwei Beispiele gegenüber: das mit überschaubaren Mitteln operierende Institut Heidersberger und die Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin. Die Ehrhardt Stiftung spielt jetzt gedanklich Modelle durch, wie sie überleben kann, wenn die Familie Ehrhardt einmal nicht mehr so viel Geld für ihren Betrieb bereitstellen kann.

Wir haben dem Symposium bewusst einen offenen Titel gegeben: „Der Gang der Dinge“. Und wir verstärken die Ambivalenz dieses Satzes noch, indem wir fragen: „Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?“ Die Situation vieler Nachlässe ist desolat, das Schicksal selbst bedeutender Sammlungen ungewiss. In Deutschland gibt es zwar eine Vielzahl beachtlicher Einzel-Initiativen, aber keine nationale Einrichtung für Archive und Nachlässe, was immer wieder mit seiner föderalen Struktur begründet wird.

Einzelaspekte unserer Tagung sind seit wenigen Jahren ein Thema für Veranstaltungen und Initiativen geworden. Die Zeitschrift Photonews hat dem Thema Archive und Nachlässe 2010 ein ganzes Heft gewidmet. Nun ist es wichtig, diese teilweise sehr unterschiedlichen Ansätze zu bündeln, die hier Aktiven zur Diskussion zusammenzubringen und mögliche Vorgehensweisen für die Zukunft zu erarbeiten. Dabei konnten wir nicht alle potentiellen Referenten bzw. Institutionen in unserem Programm unterbringen, die dazu etwas zu sagen hatten. Das ist sehr bedauerlich, liefert aber den willkommenen Anlass, mit weiteren Veranstaltungen am Thema dran zu bleiben.
© Dr. Christiane Fricke, 29. Juni 2012
 

© für die Bilder: Simon Schwinge

Bild 1: Karolina Lewandoska (Archeology of Photography Foundation, Warschau)

Bild 2: Dr. Karin Lingl (Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, Brauweiler)

Bild 3: Podiumsdiskussion Ausdauer und Phantasie: Sinnvolle und neue Wege zur Sicherung photographischer Nachlässe und Archive? mit Rudolf Scheutle (Kurator am MünchenerStadtmuseum, Sammlung Fotografie), Dr. Karin Lingl (Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, Brauweiler), Jens Bove (Deutsche Fotothek Dresden) und Bernd Rodrian (Institut Heidersberger, Wolfsburg) von links nach rechts
Moderation: Wolfgang Hesse (Rundbrief Fotografie, Dresden) und Anna Gripp (Photonews, Hamburg, beide Netzwerk Fotoarchive und DGPh) links und rechts aussen