Aktuelle Bücher im April 2015

Expanding Universe
260 Seiten
Taschen Verlag
ISBN 9783836549226; 49,99 Euro

Spiralnebel wirbeln, Sonnen explodieren, Pulsare pumpen ihren kosmischen Beat, Schlangen aus heißem Gas knebeln blaue Riesen und schwarze Löcher gehen ihren dunklen Geschäften nach – das Weltall ist ein Ort voller fantastischer Spektakel. Um all diese Wunder nicht immer nur gefiltert durch den Nebel unserer Atmosphäre erforschen und bestaunen zu können, wuchtete am 24. April 1990 das Space Shuttle Discovery eine kosmische Sehhilfe ins All, die unser Verständnis des Universums nachhaltig veränderte: Das Hubble-Weltraumteleskop, eine Koproduktion der amerikanischen NASA mit der europäischen ESA, lieferte und liefert Bilder aus den unendlichen Weiten des Alls von bis dahin unbekannter Tiefenschärfe und war ein Augenöffner weit über die bloße Fachwelt hinaus. Hubble wurde ein Medienereignis und machte aus dem romantischen Sternenhimmel von einst eine psychedelische Farbexplosion von atemberaubender, magischer Anziehungskraft. In diesem Jahr feiert der „Rockstar der Astronomie“ (Spiegel online) seinen 25. Geburtstag, und das Buch lädt ein auf eine kosmische Reise zu den Traumzielen der Schöpfung. Während Photoexperte Owen Edwards sich in seinem Essay den Aufnahmen aus einer kunsthistorischen Perspektive widmet, setzt sich Zoltan Levay in einem Interview mit der wissenschaftlich-technischen Seite auseinander. Die Weltraum-Veteranen und führenden NASA-Mitarbeiter Charles F. Bolden, Jr. und John Mace Grunsfeld wiederum geben ihre persönliche Sicht auf Hubbles Vermächtnis und die Zukunft der Weltraumerkundung preis.

 

Lichtbild und Datenbild. Spuren Konkreter Fotografie
Hg.: Gottfried Jäger (DGPh)
, Henrike Holsing
240 Seiten, 142 Farbabb.
Kehrer Verlag
ISBN 978-3-86828-555-0; 32,90 Euro

Das Museum im Kulturspeicher Würzburg, mit der Sammlung Peter C. Ruppert eines der Zentren für Konkrete Kunst in Deutschland, hat bereits 2005 den Begriff der Konkreten Photographie in den Blickpunkt der Forschung gerückt. Zehn Jahre später wagt die Ausstellung „Lichtbild und Datenbild – Spuren Konkreter Fotografie“ ein Update und fragt anhand von Werken vor allem der letzten zehn Jahre erneut nach einer Definition Konkreter Photographie vor dem Hintergrund des digitalen Wandels. Der Katalog zur Ausstellung zeigt mit einem Ausschnitt aus der Sammlung Peter C. Ruppert einige Klassiker der Konkreten Photographie; von hier aus verfolgt er die Spuren einer ungegenständlichen, selbstreflexiven Photographie in der heutigen Kunst. Dabei reagieren einige Photokünstler auf die Digitalisierung ihres Mediums mit einer Rückwendung zum Apparat und zum Experiment mit Photopapier und lichtempfindlichem Material, andere nutzen die neuen technischen Möglichkeiten für eine vollständig von der Außenwelt unabhängige Bilderzeugung mittels des Computers. Auf beiden Gebieten sind dem Experiment keine Grenzen gesetzt – die Lust an der Bilderzeugung ohne Abbild als ein Wesensmerkmal des »Konkreten« bleibt bestehen und äußert sich in aufregend vielschichtiger Weise. Texte von Bernd Stiegler (DGPh), Gottfried Jäger (DGPh) und Henrike Holsing.
(Ausstellung: Museum im Kulturspeicher Würzburg, 14.03. – 31.05.2015)

 

Man Ray
Human Equations

238 Seiten, 248 Abb., Englisch
Hatje Cantz
ISBN 978-3-7757-3920-7; 39,80 Euro

Wie müsste ein sinnvolles Bindeglied zwischen Mathematik, William Shakespeare und Kunst aussehen? Die Antwort gibt das Werk von Man Ray (1890–1976). Die Publikation löst das surrealistische Rätsel ausgehend von Photographien mathematischer Modelle, die der Künstler am Pariser Institut Henri Poincaré in den 1930er-Jahren aufnahm. Zudem wird Man Rays künstlerischer Werdegang nachgezeichnet, der in den Shakespearean Equations (1947–1954) seinen Höhepunkt findet, einer Reihe von Ölbildnissen, die Man Ray ein Jahrzehnt später in Hollywood, inspiriert von den photographischen Arbeiten, malte. Die Gemälde spannen einen Bogen von der Malerei zurück zur Photographie und zeigen beispielhaft die Leichtigkeit, mit der Ray seine genuine Bildsprache interdisziplinär ausprägte. Der Experimentator stellte etablierte ästhetische Kategorien infrage und leistete künstlerische Pionierarbeit an den Grenzen zwischen Malerei, Skulptur, Film und Photographie.

 

Hiroshi Sugimoto
Conceptual Forms and Mathematical Models

2015. 96 Seiten, 48 Abb., Englisch
Hatje Cantz
ISBN 978-3-7757-3921-4; 35 Euro

Die akribische photographische Praxis des japanischen Künstlers Hiroshi Sugimoto (*1948) gleicht der eines Malers. Ausgehend von Marcel Duchamp, den die Mechanik des Raums und dessen mathematische Grundlagen zu Werken wie Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, photographierte Sugimoto mathematische Modelle des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung des Komaba Museums der Universität Tokio, das auch die dritte und letzte autorisierte Replik von Duchamps Großem Glas zeigt. Wie die Modelle, die Man Ray in den 1930er-Jahren am Institut Henri Poincaré in Paris photographierte, so fördern auch diese Objekte das visuelle Verständnis komplexer trigonometrischer Funktionen. Die Publikation stellt Sugimotos Aufnahmen von historischen mathematischen Modellen erstmals seinen eigenen mathematischen Modellen, die mit computergesteuerten Präzisionswerkzeugen aus Aluminium gefräst wurden, gegenüber.

 

Martin Blume (DGPh)
Auschwitz heute

Bundeszentrale für politische Bildung
Schriftenreihe Band 1537, 7 Euro

Auschwitz – Ort und Symbol der Vernichtungsmaschinerie des nationalsozialistischen Deutschland. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Polen, Sinti und Roma, sowjetischen Kriegsgefangenen sowie Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Wenn wir den Begriff Auschwitz-Birkenau hören, löst dies zwangsläufig Bilder in unseren Köpfen aus: das Eingangsgebäude in Birkenau, die schneebedeckten Gleise und der Schriftzug "Arbeit macht frei". Es sind Zeichen, Symbole, die uns auf schreckliche Weise vertraut sind. Diese Bilder werden häufig in den Medien gezeigt, und sie sind in der Bevölkerung zumeist bekannt. Dies befördert beim Publikum das Gefühl, bereits "alles" über Auschwitz zu wissen. Dieser Bildband möchte dazu anregen, genauer hinzusehen, sich einen eigenen Zugang zu verschaffen, abseits vom moralischen Appell eines "Nie wieder" und von vermeintlich erwartetem sozialem Verhalten. "Unschärfe bietet die Möglichkeit eigener Projektion, Abwendung und Verdrängung werden vermieden", erklärt der Photograph Martin Blume.

 

Hannah Collins
Hg. Inka Schube (DGPh)
, Sprengel Museum Hannover
144 Seiten, 37 Duplex- und 59 Farbabb.
Kehrer Verlag
ISBN 978-3-86828-026-5; 39,90 Euro

Das große Thema von Hannah Collins ist die Geworfenheit der Existenz, aber auch jene Kraft, die sich dagegen behauptet, und das Wissen, das diese Spuren transportiert. Auf Spuren, die die eigene Biographie legt, folgt Hannah Collins, Tochter eines polnischen Juden, den Bewegungen der Heimat- und Ortslosen; derer, die sich der Orte und Modalitäten ihres Seins nicht sicher sein können, um sie ringen, sie gegen das Denken ihre Zeit behaupten müssen. Performative und dokumentarische Verfahren überlagern sich in Bildern von Räumen, Situationen und Objekten von großer poetischer Kraft. Diese speist sich aus den Überblendungen innerer Landschaften und realer Gegebenheiten.
Hannah Collins’ Arbeiten sind getragen von einer poetischen Melancholie, die zu einer Positionierung gegenüber der Geschichte des 20. Jahrhunderts als einer in vielen Facetten gelebten, individuellen Geschichte fordert. Darin liegt der besondere, demokratische Gestus ihres Werkes. Die Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung Spectrum – Internationaler Preis für Photographie der Stiftung Niedersachsen 2015 und ist die erste deutschsprachige Monographie, die in das vielschichtige Werk von Hannah Collins einführt.
(Ausstellung: Sprengel Museum Hannover, 07.03. – 07.06.2015)

 

Hermann Claasen, Richard Peter sen.
1945 – Köln und Dresden

52 Seiten, 20 hochwertig gedruckte Photographien
LVR-LandesMuseums Bonn
ISBN 978-3-00-048923-5; 24,80 Euro

Der Ausstellungkatalog ist für sich ein kleines Kunstwerk, das Inhalt, Ausfertigung und Aussage ideal miteinander verbindet. Die beiden photographisch und zeitgeschichtlich bedeutenden Serien zu ihren Heimatstädten Köln und Dresden werden als Archivkassette mit innenliegendem Archivgut (20 photographische SW Vergrößerungen) und einem Begleittext (Katalog) präsentiert.

So bringt diese Präsentation in dem Charakter des Projektes schon das besondere des Inhaltes herüber. „Gesang im Feuerofen“ (Hermann Claasen, 1947) und „Dresden, eine Kamera klagt an“ (Richard Peter sen., 1950) sind bis heute die prägenden Bildserien in unserer kollektiven Erinnerung an die im Bombenkrieg zerstörten Städte. Die Photographien von Hermann Claasen und Richard Peter erinnern an die Zerstörung der Städte Köln und Dresden vor 70 Jahren. Beide sind bedeutende Photographen der unmittelbaren Nachkriegszeit und haben mit dem „Engel“ und der „Trümmer Madonna“ Bildikonen geschaffen, die zu Chiffren der Friedens-Mahnung wurden. Gleichzeitig ist ihre Motivwahl durch den beginnenden „Kalten Krieg“ und die damit unterschiedliche Perspektive auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs geprägt. Zeigt Claasen aus katholisch-rheinischer Perspektive die zerstörten Kölner Kirchen, erinnert Peters an die Diktatur und den angloamerikanischen Bombenkrieg. Eine außergewöhnliche Publikation, die nicht nur Photographen, sondern auch Buchliebhabern zu empfehlen ist. Das LVR Landesmuseum hat damit wieder einmal seine besondere Stellung in der Photographie-Präsentation deutlich gemacht. Die mit dieser Publikation begründete Kooperation des „LVR-LandesMuseum“ (Bonn) mit der „Deutschen Fotothek“ (Dresden) und der „Stiftung F.C. Gundlach“ (Hamburg) für eine jährliche thematische Ausstellungsreihe „Aus den Archiven“ berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. (DB)
(Ausstellung: LVR Landesmuseum Bonn, 19. März – 7. Juni 2015;
Stadtmuseum Dresden, 4. Juli bis 27. September)

 

Manfred Heiting (DGPh)
Autopsie Band 1+2

1076 Seiten
Steidl
ISBN 978-3-86930-774-9; 138 Euro

Dieses zweibändige Werk stellt die deutschsprachigen Photobücher der Zwischenkriegszeit in ihrer ganzen Bandbreite anschaulich vor. Es dokumentiert die Photobücher im Erhaltungszustand ihres Erscheinens, in den verschiedenen Ausstattungen und Auflagen. Die Konzentration auf den deutschsprachigen Raum und die Zeit von 1918 bis 1945 betont den internationalen Rang, den die Produktion und das Verlagswesen dieses Kulturraums und dieser Epoche in der Geschichte des Photobuchs einnehmen. In über siebzig Textbeiträgen von Spezialisten werden die Ausstattungsmerkmale der Photobücher, ihr Druck, ihre Vermarktung und ihre Bedeutung für die Photobuchgeschichte erläutert. Ausgewählte Verlage und charakteristische Buchreihen werden vorgestellt.
Essays behandeln monographisch die Buchveröffentlichungen von Photographen wie u.a. Karl Blossfeldt, Heinrich Hauser, Heinrich Hoffmann, Emil Otto Hoppé, Albert Renger-Patzsch und Paul Wolff. Überblicksartikel gelten der Architekturphotographie, Propagandawerken, photoillustrierten Kinderbüchern, phototechnischen Ratgebern, dem Film als Bildthema und anderen Sonderformen des Photobuchs. Darüber hinaus werden wichtige Einzelbücher näher untersucht, etwa Malerei Photographie Film (1925) von László Moholy-Nagy oder Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken (1931) von Erich Salomon. Ein Register erweitert die Darstellung zum Referenzwerk der deutschsprachigen Photoliteratur. Das reiche Abbildungsmaterial zeigt die Photobücher mit ihren Einbänden, Schutzumschlägen und Innenseiten sowie Beispiele der zugehörigen Verlagswerbung. Viele seltene Buchtitel werden so für die Photobuchforschung neu erschlossen.

 

Thomas Kellner (DGPh)
Kontakt

64 Seiten, Deutsch, Englisch, Polnisch
seltmann+söhne
ISBN 978-3-944721-28-6; 19,80 Euro

„Aus der Interaktion zwischen Kompositionsvorgang, Faktur und der Wahrnehmung des Betrachters, dem sich der unauflösbare Zusammenhang der Bilder durch den Kontaktabzug erschließt, erwächst eine zeitliche Dimension, wie man sie in erster Linie bei musikalischen Kompositionen findet.“ – Julia Kneppe
„Thomas Kellner bekam schon mit vier Jahren die erste Kamera und mit 14 die erste Spiegelreflexkamera geschenkt. Während seines Kunst- und Sozialwissenschaftsstudium in Siegen entschied sich der 1966 in Bonn geborene Künstler bei der Wahl zwischen Malerei und Photographie für Zweiteres. Am Anfang jener Karriere stand im Rahmen seines Studiums die Auseinandersetzung mit Lochkameras in verschiedenen Projekten. Nach dem Studium kreierte er über Experimente eine neue, bisher einzigartige Bildsprache. Es entstand bei ihm der Wunsch sich von der dokumentarischen Photographie zu entfernen, das photographische Bild neu zu erfinden und eine eigene, bisher einzigartige Bildsprache zu entwickeln. Seit 1997 konzentriert sich Thomas Kellner bei den abgebildeten Objekten auf Architektur und Innenräume. Kellner verzichtet in seinen Bildern in beeindruckender Art und Weise auf die üblichen Kompositionsgesetze, Proportionsbeziehungen und Formbegrenzungen. Für die Darstellung eines großen Ganzen nimmt Kellner unzählige Bilddetails auf.“ – Agnes Reschka

 

Marina_Morón
K: Emptiness

96 Seiten, 60 Farbabb., Englisch/Spanisch
Kehrer Verlag
ISBN 978-3-86828-600-7; 34,90 Euro

In der Arbeit des spanischen Künstlerteams Marina_Morón geht es um das Konzept von Stille und Einsamkeit, das sie anhand von Architekturphotographien sichtbar machen. In verschiedenen Kapiteln widmen sie sich verstärkt den Themen Licht, Farbe und Leere. Mit wenigen, poetischen Kommentaren versehen, erinnert die Arbeit an eine Art Tagebuch. Die reduzierten Photographien werden durch eine fiktive Person motiviert, die ihre Umgebung, Erinnerungen und Räume erforscht. Das Künstlerteam Marina_Morón besteht aus Jesús Marina, der als Professor an der Granada Universität lehrt, und der Architektin und Forscherin Elena Morón. Ihre Arbeiten erkunden die spürbaren Verbindungen zwischen Bild und architektonischem Raum, wobei der Schwerpunkt auf den erfahrbaren Eigenschaften von Farbe und dem Konzept von Leere liegt.

 

Anett Stuth
Sein Schein Nichtsein

128 Seiten, 94 Abb., 4 Klapptafeln
Hatje Cantz
ISBN 978-3-7757-3916-0; 39,80 Euro

Anett Stuth (*1965) definiert den photographischen Raum neu und eröffnet somit Zeitschleifen und Denkräume: Auf einem ihrer Bilder etwa sehen wir vor Schinkels Altem Museum das DDR-Wappen vom Palast der Republik, gefallen durch Raum und Zeit. Ein anderes Photo zeigt Picasso, wie er als Bühnenlichtmagier einen Hamlet des 21. Jahrhunderts verzaubert. Die Photographin, die an der Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig studiert hat, verknüpft ihre großformatigen Aufnahmen mit Bildzitaten aus dem kollektiven, medialen Gedächtnis. In einer Art Sampling wechselt so die Perspektive von der Malerei zur Film- oder Theatergeschichte, von der Photographie zur Historie oder zum Alltag. Stuths Werke verbinden Zitate, bilden rätselhafte Assoziationen und hinterfragen die Ausdruckskraft der Photographie. Was kann die Photographie heutzutage noch vermitteln? Diesen Fragen geht der Band anhand ausgewählter Arbeiten aus den Jahren 2003 bis 2014 nach.

 

Anastasia Khoroshilova. Annabel von Gemmingen
Die Übrigen

176 Seiten, 41 Abb., Deutsch, Englisch, Lettisch, Russisch
Hatje Cantz
ISBN 978-3-7757-3934-4; 30 Euro

Lettland ist nicht nur ein atemberaubend schönes Land, sondern auch reich an individuellen und kollektiven Erinnerungen – guten wie schlechten. Letten, Deutsche, Russen und Juden haben hier zwischen den Gestaden der Ostsee und weiten Wäldern ihre Spuren hinterlassen. Anastasia Khoroshilova (*1978 in Moskau) und Annabel von Gemmingen (*1979 in Düsseldorf) setzen sich, 25 Jahre nach dem Mauerfall und dem darauffolgenden Zerfall der Sowjetunion, damit auseinander, wie unterschiedlich Erinnerungen aussehen. In Photographien und Texten betrachten die Künstlerinnen Geschichte von zwei unterschiedlichen Polen aus und justieren den Blick dabei in verschiedene Richtungen immer wieder neu, sodass eine objektivierende Lesart der Geschehnisse entsteht. Unvermittelt und eher en passant entwickelte sich ein photoessayistisches Projekt, das persönliche Erzählungen mit gesellschaftlichen Narrationen verbindet.

 

Simon Fröhlich
Wald

136 Seiten, 87 Farbabb.
Kehrer Verlag
ISBN 978-3-86828-552-9; 34,90 Euro

Der moderne Mensch findet viele Gründe, sich im Wald aufzuhalten. Für den Photographen Simon Fröhlich war es die konsequente Fortführung seines photographischen Schaffens, in diesem analogen Umfeld nur mit analogen Techniken zu arbeiten. Diese Entscheidung erwies sich nicht als Beschränkung sondern als Befreiung von den technischen Möglichkeiten heutiger Photographie. So begab er sich auf die Suche nach seiner eigenen Vergangenheit, deren verblasste Momente unscharf und teilweise nur noch als Fragment einer vagen Erinnerung erhalten waren. Um dieses Gefühl in seinen Bildern wiederzugeben, wurde das Buch gänzlich auf Sofortbildmaterial photographiert, um die Möglichkeit einer nachträglichen Manipulation auszuschließen und so die Einzigartigkeit des jeweiligen Moments zu garantieren. Die Wiederentdeckung der Langsamkeit des Photographierens, das Strapazieren der eigenen Geduld und das Ertragen technischer Rückschläge wurden zur Voraussetzung für das Gelingen dieses Buches.

 

Loïc Bréard
Egypt

248 Seiten, 97 Schwarz-Weiß-Photographien,
Deutsch, Englisch, Arabisch
seltmann+söhne
ISBN 978-3-944721-33-0; 44 Euro

Sein neues Buch hat der Photograph Loïc Bréard Ägypten gewidmet. In den vergangenen fünfzehn Jahren erkundete er das Land am Nil auf zahlreichen Reisen von Alexandria über Kairo und die Tempel von Luxor und Karnak bis in die kleinen nubischen Dörfer südlich von Assuan. Seine analog photographierten Schwarz-Weiß-Impressionen scheinen aus der Zeit gefallen zu sein. Sie verraten nicht ihre Aktualität. Sie sind ein Spiegel von Geschichte und Tradition, sie legen das Wesen, das Innere eines alten Kulturvolkes frei. Loïc Bréard, der mit einer analogen Leica M6 arbeitet, hat sich mit dem Schwarz-Weiß-Film viel vom photographischen Geheimnis bewahrt. Er hat eine besondere Gabe für malerische Bildkompositionen. Intuitiv erfasst er Linienführungen, das Spiel von Licht und Schatten, was seinen Bildern diese künstlerische Note und charakteristische Bildsprache gibt, die ihn so auch mit historischen Vorbildern in eine Reihe bringen.

 

Pietro Donzelli
Luce

230 Seiten, 117 Illustrationen
Nimbus. Kunst und Bücher
ISBN 978-3-03850-011-7; 39 Euro

Diese erste Monographie des großen italienischen Photographen im deutschsprachigen Raum erscheint zum 100. Geburtstag von Pietro Donzelli am 15. April 2015. Das hochwertig ausgestattete Buch enthält neben 117 Photographien erstmals auch die Lebenserinnerungen von Pietro Donzelli auf Deutsch und Englisch. In der Zeit, als der „Neorealismo“ die optische Sprache prägte, entwickelte sich Pietro Donzelli zum Hauptvertreter der subjektiven Photographie in Italien. Sein Augenmerk galt den Momenten, in denen sich das Lebensgefühl der Menschen ausspricht, und den Stimmungen, in denen das Wesen der italienischen Landschaft sichtbar wird. Donzellis Gegenstände sind nie spektakulär, sondern durchwegs alltäglich, doch das Licht, das auf ihnen ruht, ist magisch und macht aus den belanglosesten Szenen poetische Bilder, die ihren intimen Reiz auch bei vielfachem Betrachten nie verlieren. Im Gegenteil: Wer Donzellis Bilder eines glitzernden Stückes Meeresstrandes oder munter flatternder Wäsche betrachtet, wird sich unversehens vom Hauch des italienischen Sommer angeweht fühlen. Sein Photo eines kleinen Kiosks im Halbschatten einer neapolitanischen Gasse lässt fast physisch verspüren, was der Süden und seine Lebensart ist. Oder der fahle lastende Himmel über der überschwemmten Po-Ebene – die Melancholie dieser Landstriche könnte kaum intensiver ausgedrückt sein. Die Bewegung dieser ersten großen Donzelli-Monographie ist denn auch von der Landschaft geprägt. Die Reise geht von Norden nach Süden. So individuell und facettenreich die Bilder und Gegenden sind, so unverkennbar italienisch sind sie doch alle. Dabei haben sich Donzellis Photos zugleich eine merkwürdige Zeitlosigkeit bewahrt; aufgenommen zumeist in den 1950er und 1960er Jahren, kann man das in ihnen eingefangene Lebensgefühl noch heute empfinden. Es ist das Licht, das die Zeiten verbindet, aber auch Donzellis Anteilnahme und Liebe für die elementaren Dinge des menschlichen Lebens, die in all seinen Bildern unvergesslich zum Ausdruck kommt.

 

Cindy Sherman
184 Seiten, 152 Abb.
Hatje Cantz Verlag
ISBN 978-3775739603; 30,- Euro

Die Inszenierung von weiblichen Rollenbildern ist das zentrale Thema im Werk von Cindy Sherman. Dabei bezieht sich die amerikanische Künstlerin auf Stereotypen des kollektiven Bildgedächtnisses in unserer medial geprägten Welt. In diesem perfekten Rollenspiel mit Kostümen, Masken und Prothesen, bei dem ihre eigene Identität nahezu komplett verschwindet, hinterfragt Sherman (*1954) auf dem sehr schmalen Grat zwischen Inszenierung und Parodie in ihren Fotografien Klischees und Ängste. Bekannt wurde die Künstlerin durch ihre mehrteilige Fotoserie Untitled Film Stills (1977-1980), in der sie stereotype Frauenfiguren aus fiktiven Filmszenen der 1950er-Jahre verkörpert. Ihr künstlerisches Prinzip hat sich seitdem nicht wesentlich verändert. In den später entstandenen Serien mit großformatigen Farbfotografien greift Cindy Sherman zum Beispiel Themen wie Modefotografie, Märchengestalten, Horrorszenen und Society Ladies auf. Mit Texten von von Ingvild Goetz, Gabriele Schor, Barbara Vinken , Leo Lencsés, und Karsten Löckemann. (Ausstellung: Sammlung Goetz, München 29.01. bis 18.07. 2015)

 

Ellen von Unwerth
Fräulein

480 Seiten
Taschen Verlag
ISBN 978-3-8365-5556-2; 29,99 Euro

Ellen von Unwerth war ein Supermodel, bevor der Begriff überhaupt erfunden wurde. Sie kennt sich also aus mit dem Photographieren schöner Frauen und ist heute eine der originellsten und erfolgreichsten Modephotographinnen weltweit. Ihre Arbeiten erschienen in zahllosen Magazinen, darunter Vogue, Interview, Vanity Fair und i-D, ihre wichtigsten Werbekampagnen gestaltete sie für Victoria’s Secret, Banana Republic, Guess, Diesel und Chanel. In dem neuen Band würdigt sie die aufregendsten „Fräulein“, die weiblichen Sex-Ikonen unserer Zeit. Dazu gehören Claudia Schiffer, Kate Moss, Vanessa Paradis, Britney Spears, Eva Mendes, Lindsay Lohan, Dita von Teese, Adriana Lima, Carla Bruni, Eva Green, Christina Aguilera, Monica Bellucci und viele mehr. Von Unwerth wechselt mühelos zwischen Farbe und Schwarzweiß, ihre Bilder schwelgen in sexueller Intrige, Weiblichkeit, Romantik, Fetischismus, humorvollem Kitsch, Dekadenz und purer Lebensfreude. Noch nie wurden Fashion und Phantasie so charmant miteinander verwoben. Die Aufnahmen entstanden in den letzten 15 Jahren, viele davon werden zum ersten Mal in dem neuen Bildband veröffentlicht. In ihrem Vorwort schildert Ingrid Sischy, Redakteurin bei ‚Vanity Fair‘, unter dem Titel „Das Fräulein der Fräuleins“ kurz das bisherige Leben und Schaffen der Photographin. (vZ)
 

Nickolas Muray
Double Exposure

304 Seiten mit 251 Abbildungen
Hirmer Verlag
ISBN 978-3-7774-2422-4; 39,90 Euro

Nickolas Muray (1892 – 1965) wird in den USA zu den bedeutendsten Porträt- und Werbephotographen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt. In Deutschland sind seine Bilder jedoch wenig bekannt, obwohl seine künstlerische Entwicklung als 16-Jähriger 1909 in München begann, die er ein Jahr später in Berlin beim Berufsverband Bildender Künstler in Photochemie, Farbgravur und Farbfilterung fortsetzte.  Muray, der am 15. Februar 1892 als Miklós Mandl in Szeged, Ungarns zweitgrößter Stadt, geboren wurde, ließ sich 1913 in New York nieder, wo er schnell als Photograph Fuß fasste und für Magazine wie Vanity Fair, Vogue oder Time arbeitete. Ab 1920 photographierte er die Stars und Sternchen der amerikanischen Theater-, Tanz- und Filmgeschichte. Darunter waren Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Greta Garbo, Joan Crawford, Vivien Leigh, Martha Graham, Elisabeth Taylor und Marilyn Monroe, aber auch Künstler wie Frida Kahlo, Jean Cocteau und Claude Monet. Ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise konzentrierte er sich seit den 1930er Jahren auf Produktwerbung und publizierte 1931 in der Mai-Ausgabe des ‚Ladies‘ Home Journal‘ das erste auf einer Farbphotographie basierende Zeitschriftencover. Der opulente Bildband präsentiert Murays faszinierendes Werk mit mehr als 200 zumeist ganzseitigen Abbildungen. Salomon Grimberg beschreibt in seiner mehrseitigen Einführung ausführlich das Leben und das umfangreiche Œuvre des Photographen. (vZ)
(Ausstellung: Kunstmuseum Moritzburg, Halle, bis 10. Mai 2015)

 

Jérôme Gautier
Chanel

304 Seiten, 230 farbige Abbildungen
Prestel Verlag
ISBN 978-3-7913-8139-8; 39,95 Euro

Coco Chanel erfand die Damenmode neu: Sie schuf einen zeitlosen Stil, der bis heute nichts an Einzigartigkeit verloren hat, und zählt ohne Zweifel zu den einflussreichsten Modedesignerinnen des 20. Jahrhunderts. Dieser Band ist eine Reminiszenz an ihr Schaffen: Glamouröses Photomaterial aus Coco Chanels Zeit wird zeitgenössischen Fashionshoots gegenübergestellt und macht eindrucksvoll erkennbar, dass Chanels Linie auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Stringenz verloren hat. Die typischen Materialien Jersey und Tweed, strenge Schnitte und Klassiker wie das „Kleine Schwarze“ bestechen bis heute mit zeitloser Eleganz und dem gewissen Etwas. Die zahlreichen und opulenten Aufnahmen so hochkarätiger Photographen wie Horst P. Horst, Cecil Beaton, Richard Avedon, Karl Lagerfeld, Mario Testino und Annie Leibovitz sind ein Fest für das Auge jeder modebewussten Frau!

 

Christo and Jeanne-Claude
In/OutStudio

320 Seiten mit ca. 300 Abbildungen
Verlag Kettler
ISBN 978-3-86206-344-4; 49,90 Euro

Das Buch zeigt nicht nur eine Werkgruppe von Christo (* 1935) und Jeanne-Claude (1935-2009), sondern wie diese in den Jahren 1949 bis 2013 entstanden ist. Es werden neben Photographien von Wolfgang Volz, der seit 1971 alle wichtigen Arbeiten dokumentiert hat, weitere Bilder von u. a. von Ugo Mulas, Enzo Sellerio, Harry Shunk und János Kender, Charles Wilp und aus dem Privatarchiv der Künstler präsentiert. So entsteht ein differenziertes Bild vom Entstehen der Kunstwerke und wie ein solches Künstlerpaar, das die traditionellen Vorstellungen von Malerei, Skulptur und Architektur verändert hat, im Speziellen arbeitet. Das Atelier ist der Ort der Planung des Entwurfes der Inspiration, der faszinierenden Arbeitsschritte, die dem Kunstwerk vorausgehen. In über 60 Jahren wurde das ungewöhnliche Künstlerpaar dabei von namhaften Photographen begleitet, deren Dokumentation einen einzigartigen Einblick in den Schaffensprozess ermöglichen. In/Out Studio ist die dritte Publikation von Matthias Koddenberg zum Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude. Als Kunsthistoriker und Freund der Künstler hat er auch einen persönlichen Blick auf die Entstehung der Werkgruppen und kann mit den Photographien ungewöhnliche Aspekte zeigen, da Text und Motivauswahl in enger Zusammenarbeit mit Christo erfolgten. (DB)

 

Michael Marten
Godrevy. Views to a lighthouse

64 Seiten, 77 Farbabb., Englisch
Kehrer Verlag
ISBN 978-3-86828-559-8; 34,90 Euro

In der Bucht von St Ives in Cornwall, England, warnt Godrevys Licht die Schiffe vor einem unter der Wasseroberfläche verborgenen Riff. Seit 1859 hat dieser Leuchtturm in den Gemälden mehrerer Generationen der Malerschule von St Ives eine Rolle gespielt. Er inspirierte auch die junge Virginia Woolf, die in ihrer Kindheit hier ihre Ferien verbracht hatte, ihre Erinnerungen im Roman To the Lighthouse zu verarbeiten. Michael Martens Bilder stellen den Leuchtturm in den Kontext der umgebenden Landschaft, der geologischen Beschaffenheit und der wechselnden Wetterbedingungen. Ihn interessiert die Vielfalt der Ansichten, da nach seiner Überzeugung ein einziger Moment und Blickwinkel einen Ort oder eine Szene nicht angemessen porträtieren können. Das Buch basiert auf einer Serie von Triptychen aus einzelnen, nacheinander aufgenommenen Photographien. Durch diesen sehr zurückhaltenden Überraschungseffekt wird der Betrachter über das »übliche« Landschaftsspanorama hinausgeführt und zu genauerem Hinsehen aufgefordert.

 

Jürgen Strauss
1984 - Potsdam

64 Seiten mit 46 s/w-Abbildungen
Festeinband,
STRAUSS Edition
ISBN-13 978-3-943713-23-7; 16,80 Euro

Neuauflage des Buches „1984 - Potsdam Photographie. Jürgen Strauss". Das Buch war zur Finissage der gleichnamigen Ausstellung im Potsdam Museum erschienen. Die 1980er Jahre in Potsdam waren eine Zeit, in der ideologische Enge die Gesellschaft lähmte und sich die Bildsprache der Photographie von Jürgen Strauss zu seiner Ausdrucksform entwickelte. Hoffnung keimte als das schrittweise Aufräumen Einzelner nicht mehr stark behindert wurde. Die Machtlosen begannen aus ihrer Ohnmacht zu erwachen. Heute, dreißig Jahre später, ist die Überwachung mittels Internet Realität, aber die Gesellschaftsform von damals gibt es nicht mehr, auch nicht in Potsdam.

 

Fotografie & Recht
Die wichtigsten Rechtsfälle für die Photopraxis
von Daniel Kötz (DGPh)
und Jens Brüggemann
232 Seiten
mitp Verlag
ISBN 978-3-8266-9730-2; 29,99 Euro

Ob Sie professionell photographieren oder rein als Hobby, spielt hier nur eine untergeordnete Rolle, denn Kenntnis der rechtlichen Lage sollte sich jeder aneignen, der eine Kamera in die Hand nimmt.
In dieser aktualisierten Neuauflage finden Sie juristische Problemfälle aus dem Photographen-Alltag, die zunächst aus Photographensicht beschrieben werden. Mit seiner Bewertung der Fälle schlägt der Rechtsanwalt Dr. Daniel Kötz (DGPh) dann den Bogen zur allgemeineren Fragestellung und untermauert sie mit aktuellen Gerichtsurteilen. Ein kurzes Fazit aus Photographensicht gibt Ihnen einen schnellen Überblick.