Aktuelle Bücher im Oktober 2020

Andreas Rost (DGPh)
3. Oktober 90

78 Seiten mit 66 Photographien
Format: 22x30 cm , Klappenbroschur
Berlin, Wasmuth & Zohlen Verlag
ISBN: 978-3-8030-3412-0
24,80 €


Andreas Rost, geboren 1966 in Weimar, machte nach dem Abitur in Dresden zunächst eine Photographenlehre und begann 1988 ein Studium an der Hochschule für Graphik und Buchkunst (HGB) in Leipzig. Dort waren Arno Fischer, DGPh-Salomon-Preisträger 2000, und die 1992 mit dem Kulturpreis der DGPh ausgezeichnete Photographin Evelyn Richter  seine Lehrer.


Als 24-Jähriger streunte Rost, bewaffnet mit einer mit Schwarzweiß-Film geladenen Bridgekamera und einem starken Blitzgerät,  in der Nacht zum 3. Oktober 1990 in Berlin durch die erwartungsfrohen Massen, die sich zur Feier der Wiedervereinigung am Brandenburger Tor versammelt hatten, um den Ausruf „Wir sind das Volk“ in die neue Version „Wir sind ein Volk“ zu ändern. Dabei haben die von ihm abgelichteten Personen den Photographen zumeist einfach ignoriert.  Bei seinem Streifzug sind daher keine Aufnahmen von Jubelszenen entstanden sondern von eher skeptischen, was wird die gemeinsame Zukunft wohl bringen fragenden Gesichtern. „Ich hatte das Bestreben, ein möglichst großes Spektrum abzulichten zwischen jung und alt, Ost und West und verschiedenen sozialen Schichten“, sagte der Photograph einmal. Und so zeigen seine vor nunmehr 30 Jahren Photographierten oft auch eine gewisse Unsicherheit.


Ähnlich wie August Sander habe Andreas Rost die Menschen gesehen, meint der Photograph, Autor und Hochschullehrer Rolf Sachsse in seinem, das Buch abschließenden Essay „Berlin aus Rand und Band“. Dabei war Rost, aufgewachsen in Dresden und einige Jahre in Leipzig studierend, die Stadt Berlin 1990 eher noch ein wenig fremd – ähnlich wie dem aus dem Siegerland stammenden August Sander die Stadt Köln.
In seiner Einleitung zum dem im Verlag Wasmuth & Zohlen, Berlin, erschienenen Buch „3. Oktober 90“ meint Matthias Flügge, dass Rosts Photographien jetzt, 30 Jahre nach deren Entstehung, die Situation, deren ökonomische Verwerfungen und Veränderungen viel klarer als damals zeigen: „Aus der Masse treten nun die Individuen und ihre Schicksale deutlich hervor“.  Der Kunsthistoriker und Kurator schließt mit der Feststellung: „Rosts Bilder zeigen Geschichte, aber sie sind noch längst nicht Geschichte. Die Operation deutsche Einigung ist noch nicht abgeschlossen. Es ist noch immer fünf nach zwölf.“ (vZ)

 

Michael Schmidt - Fotografien 1965-2014
Photographien von Michael Schmidt 

Herausgeber Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt
Vorwort Udo Kittelmann 
Texte von Ute Eskildsen, Janos Frecot, Peter Galassi, Heinz Liesbrock, Thomas Weski 
Ausgaben: deutsch und englisch
Buchgestaltung Festeinband
400 Seiten, ca. 353 Abbildungen in Schwarz-Weiß und 168 farbigen Abbildungen
Verlag Koenig Books, London
ISBN 978-3-96098-794-9
49,90 €


Ausstellungen:
bis 17.01.2021 HAMBURGER BAHNHOF - Museum für Gegenwart, (Berlin)
vom 11.5. – 29.8.2021 Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris
vom 28.9.2021 – 28.2.2022 Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid
vom 24.3. – 12.6.2022 Albertina Museum, Wien

Die Retrospektive des photographischen Werks von Michael Schmidt (1945–2014) war nach den Publikationen „Werkstatt für Photographie“ und „Fotografien werden Bilder“ zum BAUHAUS und der „Neuen Sachlichkeit“ zwingend erforderlich. Denn er hat mit seiner „Werkstatt für Photographie“ (1976-1986) und seinen Werkserien eine ganze Photographie Generation inspiriert. Diese Bedeutung in der deutschen Gegenwartsphotographie wird jetzt mit der chronologischen Präsentation seines Gesamtwerks im Museum Hamburger Bahnhof (Berlin) gewürdigt. Diesem Aspekt wird auch dadurch Rechnung getragen, dass die Autoren der Katalogbeiträge alle mit dem Künstler in verschiedenen Projekten zusammengearbeitet haben. Dadurch ergibt sich eine besonders intensive Betrachtungsweise und Auseinandersetzung mit den Werkserien.

Seine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit hat er bei jeder Werkgruppe „Porträts, Selbstporträts, Stadtlandschaften, Landschaften und Stillleben“ aus einer anderen Perspektive und mit einer individuellen photographischen Methode durchgeführt. Auch für den Schmidt Kenner geben neben den Werkgruppen „Waffenruhe (1987), Ein-heit (1996), Lebensmittel (2012)“ besonders die bisher unveröffentlichten Arbeitsabzüge, Buchentwürfe und Archivmaterialien einen umfassenden Überblick von Schmidts künstlerischen Intentionen, die bis heute auf die zeitgenössische Photographie nachwirken.

Als Michael Schmidt in seiner Heimatstadt Berlin mit der Photographie begann war der „Stadtraum“ eine naheliegende Thematik, die er in den 1970er Jahren für die Bezirksämter und den Senat als Auftragsarbeiten mit einem starken persönlichen Akzent umsetzte, wie das Buch „Wedding“ zeigt. Mit der Serie „Waffenruhe“ setzte er sich mit der damals noch geteilten Stadt Berlin auseinander. Einen weiteren photographischen Schritt über Berlin hinaus machte er mit der Werkgruppe „Ein-heit“ bei dem er sich einfühlsam mit den staatlichen Veränderungen in Deutschland auseinandersetzt.

Seine prägende Wirkung auf die zeitgenössische Photographie basiert wesentlich auf seiner photographischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die er auf die Themen „Stadtraum, der andauernden Aktualität von Geschichte, dem Selbstbildnis, dem Selbstverständnis von Frauen und der Bedeutung von Natur und Lebensmitteln“ anwendete. Seine anregende Wirkung beruht auch auf seinen unterschiedlichen ‚Veröffentlichungsformaten‘ und selbst erarbeiteten und erprobten Präsentationsformen, die er themengerecht und kreativ einsetzte.

Seine Photographien (1970er- und 1980er-Jahre) aus Wedding und Kreuzberg zeigen die Stadtlandschaft und den Alltag der Bevölkerung. Daraus entwickelt er in dem Buch „Irgendwo“ eine Stilrichtung, die Dokumentation und Abstraktion in den Motiven verbindet. 
In dem Buch und Ausstellungsprojekt „Waffenruhe“ entwirft er mit „Stadtlandschaften, Naturdetails und Porträts“ ein facettenreiches Bild Berlins, indem er Motive entwickelt, die symbolisch für Großstadt, Geschichte und Gesellschaft stehen. In seiner Werkserie „Ein-heit“ (1991-94) setzt sich Schmidt mit der Ikonografie von Nationalsozialismus, dem Sozialismus und der Demokratie auseinander, die seit 1933 Deutschland geprägt haben. Seine Frauenportraits (1997–1999), thematisieren das Verschwinden von Individualität in einer Internet Gesellschaft. In der Werkgruppe „Lebensmittel“ (2006–2010) arbeitet Michael Schmidt erstmals mit Farbphotographie und zeigt eine Lebensmittelindustrie, die von Normierung, Entfremdung und Internationalisierung geprägt ist. Bereits Mitte der 1990er-Jahre hat Schmidt sein Archiv für seine Inspiration entdeckt und nach kritischer Durchsicht daraus neue Bücher wie z.B. „Natur“ entwickelt.

Das Buch ist eine wichtige Neuerscheinung, da es stilistisch einen bedeutenden Photographen vorstellt und zu gleich dazu anregt, über den regionalen Tellerrand zu schauen und die künstlerische Photographie als eine Einheit und nationales Erbe zu erkennen. Es steht in der Tradition besonders gestalteter Photographiebücher mit klarer Typografie und einer prägnanten Buchgestaltung, die den gezeigten Werkgruppen künstlerisch gerecht wird. Auch für den Kenner der zeitgenössischen Photographie ein besonders empfehlenswertes Buch einer Zeitepoche der klassischen SW-Photographie. Mit diesem Buch und den Ausstellungen wird der vielbeschworene Anspruch, dass Photographie neue Perspektiven schafft und einen interkulturellen Austausch ermöglicht, eindrucksvoll umgesetzt. (db)
 

Frauen sehen Frauen
Eine Bildgeschichte der Frauen-Photographie im 19. und 20. Jahrhundert

Hrsg. Lothar Schirmer
Text: Elisabeth Bronfen
280 Seiten, 159 Tafeln in Novatone und Farbe
Format: 20,5 x 29 cm, Klappenbroschur
Deutsch/Englisch
Schirmer/Mosel-Verlag
ISBN 9783829609005
39,80 €

Das vorliegende Werk, im Schirmer/Mosel Verlag erstmals 2001 erschienen, ist Frauenbildern von Frauen gewidmet.  Die beiden großen Photographinnen des 19. Jahrhunderts, Clementina Lady Hawarden und Julia Margaret Cameron machen mit ihren Photographien den Anfang, sie führen über die Größen der Photogeschichte wie Lotte Jacobi, Germaine Krull, Dorothea Lange, Gisèle Freund, Dora Maar hin zu Annie Leibovitz, Rineke Dijkstra und Inez van Lamsweerde und spannen so einen zeitlichen Bogen bis ins 21. Jahrhundert. Der Band zeigt so einen gültigen Überblick über die Geschichte der Photographie von Frauen im 19. und 20. Jahrhundert.

Elisabeth Bronfen, Professorin am Englischen Seminar der Universität Zürich, geht in ihrem einführenden Essay erhellend und brillant der Frage nach der weiblichen Sicht nach. Die biographischen Informationen zu Photographierten und Photographierenden im hinteren Teil des Bandes sind eine bereichernde Ergänzung zu den Photographien und machen das Buch in einer Zeit von Gender-Debatten und MeToo wieder zu einem brandaktuellen visuellen Nachschlagewerk.

Das großformatige Buch ist klar strukturiert. Zweisprachig (deutsch/englisch), präsentiert es in chronologischer Reihenfolge 159 Abbildungen von rund 90 Photographinnen. 

Und gibt es ihn nun, den „weiblichen Blick“ in der Photographie? Und was unterscheidet ihn von dem eines männlichen Photographen? Ist es tatsächlich nur eine Frage des Sehens oder nicht vielmehr auch die Frage danach, wie sich die Photographierten darstellen, was sie von sich preisgeben, abhängig davon wer photographiert? 

Das vorliegenden Photobuch gibt Antworten auf diese Fragen. Die Photographierten – ob Arbeiterin, Künstlerin, Politikerin, ob alt oder jung, bekannt oder unbekannt – eint eine sensible, nicht voyeuristische Darstellung. Selbst Ikonen wie Virginia Wolf, Marlene Dietrich oder Indira Gandhi – für ihre Stärke bekannt, erscheinen sanft, weich, privat.

Das Buch leistet noch Weiteres:  es zeigt, dass das goldene Zeitalter der Frauenphotographie mit dem Ende des ersten Weltkriegs beginnt. Mit dem internationalen Aufbruch in die Moderne werden in Deutschland, Frankreich, England und den USA gleichzeitig bedeutende Protagonistinnen hervorgebracht. 

„Ihnen allen und auch den vielen europäischen Photographinnen und Künstlerinnen, deren Lebenslauf durch das heraufziehende NS-Regime im Europa der dreißiger Jahre tragische Einbrüche erfuhr, setzt dieses Buch ein Denkmal“. (Schirmer/Mosel-Verlag)

 

Walter Chandoha
Dogs - Photographs 1941–1991

Hrsg.: Reuel Golden
Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch
296 Seiten
Format: 24x32 cm, Hardcover
Köln, Taschen-Verlag (taschen.com)
ISBN: 978-3-8365-8429-6
40,00 €


Im Winter 1949 hat die Begegnung mit einer frierenden Katze für den 1920 als Kind ukrainischer Einwanderer in Bayonne, New Jersey, geborenen Kriegsphotographen Walter Chandoha insofern zu einer außergewöhnlichen Karriere geführt, als er danach zu einem der größten Haustierphotographen des 20. Jahrhunderts wurde: Er liebte ganz einfach deren faszinierende Besonderheiten und photographierte sie sowohl zum Vergnügen als auch für den Lebensunterhalt.

Nach dem mittlerweile gefeierten Buch „Cats“ wählte er kurz vor seinem Tod – Chandoha verstarb 2019 in Alter von 98 Jahren - seine Lieblingsphotos von Hunden aus: Er legte Hunderte von Kontaktbögen, Schwarzweiß-Vergrößerungen und Farbdias in sorgfältig gekennzeichneten Kartons beiseite - viele davon waren zuletzt vor über 50 Jahren veröffentlicht worden, einige noch nie. Auch wurden einige seiner Farbaufnahmen mehrfach in der Größe von 5,5 x 18 Metern in der Kodak-Colorama-Leuchtreklame der Grand-Central-Station in New York präsentiert. „Walter Chandohas Hundephotos sind nicht nur deshalb so unwiderstehlich, weil Hunde über einen angeborenen Charme verfügen, sondern weil der Mensch hinter der Kamera sein Handwerk beherrschte,“ schreibt die Photokritikerin Jean Dykstra unter dem Titel „Ein Photograph für alle Felle“ in ihrer Einleitung.

Der im Taschen-Verlag, Köln, erschienene Band „Dogs – Photographs 1941 – 1991“ erstreckt sich  über einen Zeitraum von 50 Jahren, ist in sechs Abschnitte untergliedert und beweist einmal mehr Chandohas besondere Fähigkeit, Technik mit Vielseitigkeit und Intuition zu verbinden: Das Eröffnungskapitel ‚In the Studio‘ zeigt vor allem klassische Porträts; in ‚Strike a Pose‘ überbieten sich die vierbeinigen Gefährten in übertriebenen Posen; ‚Out and About‘ zeigt die Tiere, meist mit Chandohas Kindern – er hatte deren sechs - , beim Herumtollen und Spielen; für ‚Best in Show‘, ganz im Reportagestil, besuchte Chandoha Hundeshows aus der Mad-Men-Ära; für ‚Tails from the City‘ verfolgte er Hunde in den Straßen von New-York, bewies dabei sein unfehlbares Timing und drückte den Auslöser seiner Kamera stets im richtigen Augenblick; in ‚Country Dogs‘ schließlich folgen wir dem Photographen zurück in die Natur, zu den Feldern und Stränden. Jedes Bild Chandohas ist mit der abgebildeten Hunderasse, dem Ort und dem Jahr der Aufnahme gekennzeichnet, fängt die außergewöhnliche emotionale Bindung, ja die oftmals innige Zuneigung zwischen Mensch und Hund ein und macht den Band zu einer einzigartigen Hommage an diese treuen und liebenswerten Gefährten. (vZ)

 

Naomi Campbell
Updated Edition
Hrsg.: Josh Baker
Text: Englisch
Bildband: 522 Seiten, Begleitbuch: 388 Seiten, beide in einer Box
Formate: Bildband 25x35 cm, Hardcover mit Ausklappseiten; Begleitbuch 17,5x24 cm
Köln, Taschen Verlag
ISBN: 978-3-8365-6352-9
100,00 €


Naomi Campbell ist schon als Teenager zum Star aufgestiegen und hat als Supermodel und Unternehmerin, aber auch als Aktivistin und Provokateurin der Welt der Mode und des Glamours über viele Jahre ihren Stempel aufgedrückt. Als erstes schwarzes Model war sie auf dem Cover der französischen Vogue und des US-Magazins TIME zu sehen. Sie zierte Hunderte von Titelseiten, war das Gesicht zahlloser Photostrecken und Werbekampagnen und avancierte in den 1980er Jahren zum Lieblingsmodel der besten Photographinnen und Photographen der Welt.

Anlässlich ihres 50. Geburtstages fasst der Taschen-Verlag, Köln, mit „Naomi Campbell – Updated Edition“ das Beste aus ihrem Leben auf über 500 Seiten in einem Bildband zusammen. Dieser versammelt Photographien von einflussreichen Künstlern, wie Mert Alas und Marcus Piggott, Richard Avedon, Anton Corbijn, Patrick Demarchelier, Steven Meisel, Helmut Newton, Herb Ritts, Paolo Roversi, Mario Testino, Ellen von Unwerth und Bruce Weber, beinhaltet aber auch solch unvergessliche Aufnahmen wie Peter Lindberghs Photos für die italienische Vogue, auf denen Naomi als Josephine Baker über den Strand von Deauville tanzt, oder Jean-Paul Goudes atemberaubende Inszenierung eines Wettrennens zwischen Naomi und einem Geparden für die amerikanische Harper’s Bazaar. Die Photographien werden ergänzt durch kurze, zwischengeschaltete Statements, in denen ihre Begleiter, Photographen und Auftraggeber den Menschen Naomi Campbell, vor allem aber ihre Persönlichkeit und ihre Verdienste herausheben.

Die Box enthält neben dem großen Bildband ein kleineres Begleitbuch mit einem exklusiven autobiographischen Text, in dem Naomi sich an ihre Kindheit erinnert, an den Beginn ihrer Karriere, an ihre Zusammenarbeit mit den größten Modeschöpfern der Welt, darunter Azzedine Alaïa, John Galliano, Marc Jacobs, Karl Lagerfeld und Gianni Versace, und wie sie selbst ihren kometenhaften Aufstieg zum Superstar erlebte. Dies wird begleitet von nie zuvor veröffentlichten persönlichen Schnappschüssen, Magazin-Covern, Werbephotos, Videostandbildern und vielen weiteren Aufnahmen. Es folgen die ausführlichen Biographien der Photographen sowie unter dem Titel „Naomi in Print“ ein mit vielen Titelseiten und Photostrecken illustrierter Anhang.

Die in der Box enthaltenen Bände fassen das Arbeiten und den Lebensweg von Naomi Campbell in einem aktualisierten zweibändigen Portfolio zusammen. (vZ)

 

Harald Hauswald
Voll das Leben

Hrsg. Felix Hoffmann
Texte: Deutsch / Englisch
408 Seiten
Format: 24x30 cm, Hardcover
Göttingen, Steidl Verlag
ISBN: 978-3-95829-720-3
45,00 €

Entgegen dem vorherrschenden Bild des Westens über den Osten Deutschlands – dominiert von SED und FDJ, Mauer und Stacheldraht, Aufmärschen und Militärparaden – liefert der ostdeutsche Photograph Harald Hauswald in dem im Steidl Verlag, Göttingen, erschienenen Katalogband „Voll das Leben“ mit seinen durchgehend schwarzweißen Aufnahmen eindringliche und einmalige Momentaufnahmen sowie Zeugnisse des sozialistischen Alltags.

Laute und schrille Punks, Hippies und küssende Pärchen in einem Meer voller Trabbis, kämpferische Fahnen und Demonstrant*innen vor dem Palast der Republik, Schattengeschöpfe und Betrunkene in ihrer Stammkneipe und auf Volksfesten oder geduldig Wartende an Haltestellen – der Blick von Harald Hauswald ist unverfälscht und einfühlsam. Seine in dem Bildband auf über 300 Seiten wiedergegebenen, ganz- oder doppelseitig gedruckten Photographien beweisen seine volle Sympathie für das Objekt, vor allem aber die Menschen vor seiner Kamera. Es sind Bilder von der Eintönigkeit, aber auch von der Langsamkeit des Lebens in der DDR, die zugleich eine isolierte und eingeschlossene Welt kurz vor ihrem Untergang dokumentieren. Die eindringlichen Momentaufnahmen geben zudem Einblick in den sozialistischen Alltag und zeigen insbesondere die Entwicklung des Ostberliner Stadtraums und das Wirken oppositioneller Gruppen, von Künstler*innen sowie von verschiedenen Jugendkulturen.

Das Buch beginnt mit einer Einführung des Herausgebers Felix Hoffmann, der unter dem Titel „Der beobachtete Beobachter“, Untertitel „Harald Hauswald, die Stasi und die Rollen der Photographie“ das Leben und den Werdegang des 1954 in Radebeul geborenen Photographen ausführlich in Wort und Bild schildert. Am Beispiel des von Lutz Rathenow und Harald Hauswald 1987 gemeinsam herausgegebenen Buchs „Ostberlin – die andere Seite einer Stadt in Texten und Bildern“ und den dazu von der Stasi als dessen permanente Bewacher minutiös zusammengetragenen kritischen Kommentaren über Harald Hauswald und zu einzelnen Bildern ist der Druck zu spüren, dem besonders Künstler in der DDR ständig ausgesetzt waren.

Leander Haußmann beschreibt Harald Hauswald in seinem Essay unter dem Titel „Einer von uns“ als „den besten Photographen, den ich kenne: Blonder Zopf, weißer Bart, offene blaue Augen, immer eine Zigarette zwischen den Lippen, Levi’s und der Parka.“ An einigen herausragenden Aufnahmen, wie das als Titel des Bandes ausgewählte Photo ‚Fahnenflucht‘ oder das berühmte ‚U-Bahnlinie A‘, beweist er, dass Hauswald mit seiner Kamera Geschichten erzählt - immer dicht am Menschen. Als erster ostdeutscher Photograph veröffentlichte der spätere Mitgründer der Agentur Ostkreuz unter einem Pseudonym Photoreportagen in westdeutschen Magazinen, wie Geo, Stern, Spiegel, dem Zeit-Magazin oder der taz.

Mit seinem einzigartigen Werk gehört Harald Hauswald nicht nur zu den bekanntesten und angesehensten deutschen Photographen: Er selbst schuf Geschichte. (vZ)

Ausstellung bei C/O Berlin noch bis 23. Januar 2021

 

Ludwig Mies van der Rohe
Barcelona Pavillon / Haus Tugendhat

Hrsg. und Photograph: Klaus Kinold
Mit Beiträgen von Christoph Hölz und Wolf Tegethoff
Text: Deutsch / Englisch
72 Seiten mit 39 Abbildungen, 4 historischen Entwurfszeichnungen, 12 aktuellen Grund- und Aufrissen
Format: 22×32 cm, Hardcover mit Schutzumschlag
München, Hirmer Verlag
ISBN: 978-3-7774-3544-2   
35,00 €

Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) zählt zu den einflussreichsten Vertretern des Neuen Bauens. Legendäre Berühmtheit erreichte er als letzter Direktor des Bauhauses in Berlin sowie danach als Lehrer am Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago. Sein 1929 errichteter Repräsentationspavillon des Deutschen Reichs auf der Weltausstellung in Barcelona und das ein Jahr später fertiggestellte Haus Tugendhat in Brünn wurden zu Meilensteinen der Moderne und begründen noch heute den Ruf des Architekten.

Ludwig Mies van der Rohes Pavillon in Barcelona wurde nach der  Ausstellung abgetragen und erst zum 100. Geburtstag des Architekten 1986 weitgehend originalgetreu rekonstruiert. Dagegen war das Haus Tugendhat trotz sieben Jahrzehnten der Vernachlässigung zwar weitgehend erhalten, konnte aber erst zwischen 2010 und 2012 aufwändig saniert und in den Originalzustand zurückversetzt werden. Es ist heute Unesco-Weltkulturerbe.

In ihren Texten skizzieren die Architekturhistoriker Wolf Tegethoff und Christoph Hölz die Geschichte der beiden Bauten und greifen dabei auch die Frage der Berechtigung von Rekonstruktionen moderner Architektur auf.

Der Photograph Klaus Kienold (*1939), gleichzeitig Herausgeber des im Hirmer Verlag, München, erschienenen Buchs „Ludwig Mies van der Rohe: Barcelona Pavillon / Haus Tugendhat“, studierte von 1960 bis 1968 an der Technischen Hochschule Karlsruhe bei Egon Eiermann und eröffnete danach in München ein Atelier für Architekturphotographie. Für ihn war die Möglichkeit, die beiden Meilensteine verloren geglaubter moderner Architektur durchschreiten zu können insofern ein Schlüsselerlebnis, als sowohl der neu errichtete als auch der restaurierte Bau es ihm jeweils ermöglichte, die Faszination des Raumes, des ‚offenen Grundrisses‘ und der erstaunlichen Verschränkung, von Innen und Außen durch wandhohe Öffnungen und Verglasungen zu erfahren und in für ihn typischer Strenge und Präzision zu photographieren.

Der Band präsentiert somit architektonische Meisterwerke in brillanten Aufnahmen eines kenntnisreichen Photographen. (vZ)

 

EMOP Berlin 2020
Herausgeber Kulturprojekte Berlin GmbH
Editorial Oliver Bätz
Texte von Jens Hinrichsen, Johannes Odenthal und das Gespräch Laura Benz, Kathrin Kohle, Ingo Taubhorn
Deutsch, Englisch
Buchgestaltung Broschur
296 Seiten, ca.450 Abbildungen aus den 114 Ausstellungen
Eigenverlag, Berlin
10,00 Euro in allen teilnehmenden Institutionen
ISBN 978-3-940231-17-8


Ausstellung vom 01. Oktober bis 31. Oktober in Museen und Galerien (Berlin)

Wer bereits mehrere der Festivalkataloge besitzt, hat diese Publikation als sehr informative und umfassende Darstellung zeitgenössischer Photographie und der Retrospektiven bedeutender historischer Photographie schätzen gelernt. Dem Herausgeber ist zu danken, dass auch 2020 zum Neunten »EMOP Berlin« (European Month of Photography 2020) diese Bereicherung für die zeitgenössische Photographie in Deutschland erscheint. Ermöglicht wird er dieses Jahr von Kulturprojekte Berlin, der Akademie der Künste (Berlin) und Photoinstitutionen in Berlin und Potsdam mit dem Motto „Die Fotografie zwischen Kunst, Politik und Massenmedium.“
Die zentrale Ausstellung KONTINENT – Auf der Suche nach Europa ist dem Themenschwerpunkt „Europa – Identität, Krise, Zukunft“ gewidmet, der u.a. in 22 Positionen der Photograph*innen von OSTKREUZ (www.ostkreuz/kontinent.de) verschiedene Aspekte des Miteinanders in Europa – persönliche, gesellschaftliche und politische Phänomene – photographisch analysiert. In allen Serien ist der Mensch und sein Alltag die Resonanzfläche für die Aspekte „Identität und Sicherheit, Renationalisierung, Migration und Integration, Demokratie und Meinungsfreiheit“ die aus persönlicher Perspektive den Betrachter zum Nachdenken über die Zukunft Europas anregen. Ergänzt wird dies um die aktuellen Aspekte `100 Jahre Großberlin´ und das `30. Jubiläum der Wiedervereinigung,´ die jeweils in Ausstellungen und Events behandelt werden.

Alle beteiligten Ausstellungen werden in einer „Photogalerie“ auf einer Doppelseite mit mehreren Abbildungen und Ortsangaben präsentiert. Die Ortsangaben der Institutionen“ werden durch die Namen der Photographen und Kuratoren, Zeitdauer und einem zweisprachigen halbseitigen Text vorgestellt, ein Namensverzeichnis der Photograph*innen ergänzt den Ausstellungsteil.
Der einführende Essay von Jens Hinrichsen setzt sich mit dem kuratorischen Ansatz auseinander keine thematische Vorgaben bei der Auswahl zu machen und der daraus resultierenden Vielfalt der Bilder und Geschichten, die um eine Diskussion zum Thema „Ein Kontinent im Fokus“ erweitert wird. Dies führt zu einer multiplen großen „Schule des Sehens“ in 114 Ausstellungen an 110 Orten mit 500 Photograph*innen für Fachbesucher und normales Publikum. Der Essay „Fotografie zwischen Kunst, Politik und Massenmedien“ von Johannes Odenthal diskutiert wichtige Fragen der zeitgenössischen Photographie und gibt differenziert Meinungen und Erfahrungen wieder. Das Buch und die Veranstaltungen zeigen, dass in dem Diskurs zum Medium, die Ausstattung von Photographie Plattformen und zur Nachlasspolitik von Photographen noch viel Engagement notwendig ist.

So können sich Besucher*innen unter den Ausstellungen und den verschiedenen Veranstaltungsformaten individuelle persönliche Rundgänge virtuell im Katalog und real vor Ort als ihr ganz persönliches Programm zusammenstellen – von künstlerischen Arbeiten über historische Aufnahmen bis hin zur dokumentarischen und politisch motivierten Photographie.
Zum Schluss ist noch auf die gute Buchgestaltung, die ausgewogene Typografie, die visuellen Höhepunkte durch die Verwendung von unterschiedlichen Leitfarben zu erwähnen, die diesen Gebrauchskatalog zu einer Bereicherung für jedes Bücherregal machen. (db)

 

Michael Nichols
Wild

Text: Englisch
320 Seiten, mit 240 Photographien
Format: 39×26 cm, Hardcover mit aufkaschiertem Coverfoto und beigelegtem Fine-Art-Print
Baden (A), Edition Lammerhuber
IBN: 978-3-903101-75-3  
125,00 € - Erhältlich nur über https://www.booksforfriends.photo/wild-michael-nichols


Für viele ist Michael Nichols der Mann, der die Tierphotographie revolutionierte. Denn sein erklärtes Ziel war es schlicht und ergreifend, die großartigsten Landschaften auf unserem Planeten und die Kreaturen, die dort ihr Zuhause haben, mit seiner Kamera zu würdigen: Wilde, unberührte Landschaften ins Licht zu rücken und mit ihnen die Geschöpfe, die sie bevölkern. Dabei versenkte er sich ganz in seine Arbeit und verbrachte jeweils mehrere Monate damit, den Tieren so nah wie möglich zu kommen, ihre Lebensweise und ihre Reviere kennenzulernen.

Michael Nichols dokumentierte von 1999 bis 2001 die Megatransect-Expedition des Naturschützers Mike Fay. Dieser wanderte 3.219 Kilometer zu Fuß von den Regenwäldern des Kongo bis zur Atlantikküste Gabuns und untersuchte dabei Afrikas letzte große Wildnis. Eine Reportage über die Löwen der Serengeti, eine Studie über die indischen Tiger Sita und Charger, eine gemeinsam mit Jane Goodall erarbeitete Geschichte über Schimpansen oder die Story „Redwoods: The Super Trees“ geben ebenso wie viele weitere Themen und Bilder Einblick in ‚Nick‘ Nichols’ glänzende Karriere.
„Wie schaffen Sie es, den Tieren so nahezukommen?“ – diese Frage hört Nichols immer wieder. Dann antwortet er oft schalkhaft: „Ganz einfach: Manchmal bin ich gar nicht da.“ In der Tat: Viele Aufnahmen hat Nichols mit Hilfe von Photofallen gemacht. Diese Anlagen bleiben vollkommen unbemerkt und ermöglichen es dem Photographen, gleichzeitig anwesend und abwesend zu sein. „Ich musste meiner Kamera beibringen, selbstständig zu denken, an meiner Stelle, und sich
etwa an die Lichtverhältnisse anzupassen . . .“

Michael Nichols, geboren 1952 in Muscle Shoals, Alabama, begann seine photographische Ausbildung Anfang der 1970er Jahre in einer Photoeinheit der U.S. Army. Später studierte er an der University of North Alabama, wo er auch seinen langjährigen Mentor Charles Moore, einen Photographen der Zeitschrift Life, kennenlernte. Dieser überzeugte ihn letztlich, Photograph zu werden.
1979 legte er in New York Thomas Hoepker, dem damaligen Chefredakteur von Geo, seine Aufnahmen von Höhlen vor. Dieser beauftragte ihn daraufhin, in den beiden tiefen Höhlen „Fantastic Pit“ und „Incredible Pit“ in Georgia zu photographieren. Nichols spezialisierte sich fortan auf gefährliche, internationale Expeditionen, was ihm den Namen „Indiana Jones der Photographie“, aber auch die Mitgliedschaft bei Magnum einbrachte.
Die in dem großen, in der Edition Lammerhuber erschienenen, querformatigen Bildband „Wild“ zusammengefasste Arbeit von ‚Nick‘ Nichols steht ganz im Zeichen des Erhalts der natürlichen Lebensräume. In seinem umfangreichen Werk verschmilzt die Photographie mit Journalismus, aber auch mit Wissenschaft und Technologie: Es zeigt die Natur und ihre Geschöpfe im Urzustand, ungeschönt und ungeschminkt. (vZ)

 

Isadora Tast
Hollywood Calling

Essay von Georg Seeßlen
Grafische Gestaltung: Susanne Hellmann
Deutsch / Englisch
Hardcover
24 x 28 cm, 176 Seiten
110 Abbildungen
FOTOHOF edition
ISBN 978-3-902993-98-4
39,00 €

"Hungern musste ich nie. Aber hungern als Schauspieler, das tust du immer. Deine Seele hungert, und dein schauspielerischer Instinkt. Immer. Die musst du füllen und füttern."
(Christian Oliver)

Die Hamburger Fotografin Isadora Tast porträtierte über 60 Schauspieler*innen aus verschiedensten Ländern, die sich in Los Angeles als Künstler etablieren wollen. Sie gibt Einblicke in ein Leben in Hollywood fernab von Glamour und Starwelt und stellt Menschen vor, die auf vielfältige Weise mehr oder weniger erfolgreich ihrem Traumberuf nachgehen. Die Porträts und pointierten Statements eröffnen eine Welt voller extrovertierter Persönlichkeiten, die jeden Tag für ihren Traum kämpfen. Ihre knapp angedeuteten Lebensgeschichten, ihre Motivationen, ihre Erfahrungen und Einschätzungen berühren und ermöglichen einen spannenden und ungefilterten Blick auf einen Alltag im Showbusiness. Ein luzider Essay des bekannten Filmhistorikers Georg Seeßlen geht der Frage nach, was den Star zum Star macht.

"In Los Angeles Schauspieler zu sein heißt den Traum leben. Ich meinte immer, ich hätte kein Recht darauf. Und nun lebe ich diesen Traum. Meine Freunde zu Hause dachten, dass ich verrückt wäre: „Warum machst Du das? Warum gibst Du alles auf?“ Dort, wo ich herkam, war ich ein großer Fisch in einem kleinen Teich. Und nun bin ich Plankton im riesigen Ozean und spiele mit den großen Jungs, gehöre zur Gang. Ich habe absolut das Recht, hier zu sein. Bin Teil der Szene, und das wäre nie passiert, wenn ich nicht nach Hollywood gezogen wäre. Dieser Trip war es wert." (Tim Powell)

Isadora Tast, *1973, lebt als freischaffende Fotografin in Hamburg.  Die Porträts entstanden in den Jahren 2014 bis 2016, in denen sie insgesamt 16 Wochen in Los Angeles gelebt hat.

 

Paris zu Fuß
Photographien von Roger Melis

Herausgeber Mathias Bertram
Vorwort Sonia Voss
Texte von Mathias Bertram
Deutsch, Englisch
Buchgestaltung Festeinband, Duplexabbildungen
152 Seiten, 110 Abbildungen in SW Duplexdruck
Lehmstedt Verlag, Leipzig
ISBN 978-3-95797-114-2
32,00 €
Ausstellung bis 30. Oktober 2020 in der Galerie `argus fotokunst´ (Berlin)

Das Buch »Paris zu Fuß« seine Entstehung und die Werkserie haben eine besondere Vita. Ein interessanter Aspekt ist dabei, die andere Sicht auf Menschen in der Stadt in der DDR als in New York oder Paris. Ausnahme ist Helga Paris, deren „Diva in Grau“ (1991 erschienen) Häuser und Gesichter in Halle der 1980er Jahre zeigt. Diese stark 'dokumentarische' Werkserie unterscheidet sich erheblich von den mehr bildjournalistischen Motiven von Roger Melis in Paris, die ihrerseits von anderen Bildauffassungen beeinflusst sind (siehe z.B. Seite 8, 24, 27, 45, 90 Brassai, Doisneau, H. List, Cartier Bressson u.a). So zeigt dieses Buch eindrucksvoll, dass zumindest der photographische Himmel über Europa 1982 ungeteilt war.


Der Erfolg der Erstausgabe lässt sich darauf zurückzuführen, dass mit dem Thema `Paris´ ein anderer photographischer Stil - der des `Flaneurs´ - präsentiert, aber auch eine ganz neue Welt, die der Kulturstadt Paris dem Betrachter erschlossen wurde (siehe u.a. Seite 30, 34, 52, 86, 104).  2020 ist diese Werkgruppe der Erstausgabe nach Sichtung des Archivbestandes um 30 bisher unveröffentlichte Photographien aus dem Nachlass von Roger Melis (1940–2019) ergänzt worden.
Möglich geworden war die gezeigte `Paris Serie´ da Melis eine einmonatige Ausreisegenehmigung für die französische Hauptstadt erhalten hatte. Die Serie zeigt eindrucksvoll den suchenden und analysierenden Blick des Photographen, der sich mit dem Gegensatz einer deutschen Stadt der fünfziger Jahre und dem Flair einer Kultur- und Weltmetropole auseinandersetzt. und daraus Bilder gestaltet, die aussagekräftig und damit zeitlos sind. Es ist das Staunen des Photographen vor einer weltberühmten, multikulturellen aber auch multiethnischen Stadt und den ganz anderen gesellschaftlichen Strukturen. Wie andere berühmte Paris Chronisten u.a. Brassai, Otto Steinert und Cartier-Bresson beschreibt er besonders den Alltag der Menschen und die `Frauen von Paris´, die Motive regen den fachkundigen Betrachter zu einem Vergleich an. Wie sie entwarf er „sein Bild“ von Paris und bemüht sich den ganz normalen Pariser Alltag zu zeigen, der so ganz anders ist als der im damaligen Ost-Berlin. So hatten seine Bilder bei den Mitbürgern in der der DDR eine starke Resonanz und verstärkten den Wunsch selbst zu reisen.

Das Buch stellt stilistisch einen bedeutenden Photographen vor und regt zu gleich dazu an, über die aktuelle Frage nachzudenken, welche identitätsstiftende Wirkung kann künstlerische Photographie in Verbindung mit dem `Europa Gedanken´ haben? Melis vertritt den ostdeutschen Photorealismus und war mit seinen Modephotographien auf internationalem Niveau, seine zahlreichen Schriftsteller- und Künstler-Portraits, prägen bis heute unser Bild dieser Zeit. Ein empfehlenswertes Buch einer Zeitepoche aber auch für die klassische SW-Photographie, das ein gelungene Darstellung einer Entwicklung des Bildjournalismus ist und für den ambitionierten Amateurphotographen eine schöne Anregung für einen eigenen Photorundgang in Paris. (db)

 

LOVING – Männer, die sich lieben
Autoren/Hrsg.: Hugh Nini & Neal Treadwell
22 x 28cm, gebunden, 336 Seiten
Elisabeth Sandmann Verlag, München
ISBN: 978-3-945543-82-5
49,00€

Es gibt einen unverwechselbaren Blick, den zwei Menschen haben, wenn sie verliebt sind. Und wenn Sie es spüren, können Sie es nicht verbergen. Dieses Buch ist eine Hymne auf die Liebe.

Die außergewöhnliche Sammlung des New Yorker Ehepaars Hugh Nini und Neal Treadwell gewährt Einblicke in bisher unbekannte Fotografien von Männern, die sich lieben, über ein Jahrhundert hinweg: von 1850–1950. Sie erstreckt sich über den gesamten Globus von den USA und Kanada bis hin zu den europäischen, südamerikanischen, asiatischen und australischen Kontinenten.

LOVING präsentiert uns in 350 erstmals veröffentlichten Bildern die Kraft, die Magie der Liebe, zeigt sie in ihrer Fürsorge, Mitmenschlichkeit, im Menschsein, als Universalkategorie. Der opulente Bildband wirft ein neues Licht auf die Universalität der am meisten geschriebenen, inszenierten oder gefilmten Emotionen – der Liebe. Ihre Botschaft ist für alle da.

Über die Herausgeber
Neal Treadwell wurde im Juni 1964 in Stamford, einer kleinen Bauerngemeinde in West-Texas, geboren und wuchs in der Viehwirtschaft des Familienunternehmens Bowie Livestock Commission Co. auf. Seit über 30 Jahren arbeitet er in der Kosmetikbranche mit Marken wie Bobbi Brown, Nars, Bare Miner-als und Artis. Neal lernte seinen Ehemann Hugh Nini im März 1992 kennen. Hugh Nini wurde in Beaumont, TX, als zweites von sieben Kindern geboren. Er wuchs in Houston, TX auf und besaß und betrieb dreiunddreißig Jahre lang eine Ballettschule, die Denton Ballet Academy, bevor er 2012 nach New York zog. Hugh betrachtet seinen wundervollen Ehemann als den zweitglücklichsten Mann der Welt. Sich zu treffen, sich in Neal zu verlieben und ihn zu heiraten, macht ihn zum glücklichsten Mann der Welt. (Elisabeth Sandmann Verlag)

 

Ostkreuz–Agentur der Fotografen | Kontinent
Hrsg.: OSTKREUZ– Agentur der Fotografen und
Ingo Taubhorn in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste, Berlin
Texte von Johannes Odenthal, Falk Richter, Thomas Winkler und OSTKREUZ
Deutsch/Englisch
Design: Neue Gestaltung, Berlin
19,9 × 25,4 cm
448 Seiten, ca. 200 Abbildungen
Leinen mit Prägung
ISBN 978-3-96070-054-8
39,90 €

"Kontinent – Auf der Suche nach Europa" ist das neue große Buch- und Ausstellungsprojekt der OSTKREUZ – Agentur der Fotografen, Berlin. In den vergangenen Jahren setzten sich die Agenturmitglieder ein gemeinsames Thema und arbeiten dann z.T. über mehrere Jahre daran. Nach Östlich von Eden, Deutschlandbilder, Ostzeit, Die Stadt, Über Grenzen und 25 Jahre OSTKREUZ, ist KONTINENT die siebte gemeinsame thematische Publikation der Agenturmitglieder, die sich über die letzten drei Jahrzehnten national und international einen Namen für hochqualitativen künstlerisch-dokumentarischen Bildjournalismus gemacht haben.

Als künstlerisches und politisches Statement rücken die 23 Fotografen mit Ihren z.T. hochaktuellen Bildserien und verschiedenen Blickwinkeln die europäische Gegenwart in den Mittelpunkt. In diesem Projekt erforschen die OSTKREUZ-Fotograf*innen verschiedene Aspekte des Miteinanders in Europa und nehmen sowohl persönliche, gesellschaftliche und politische Phänomene als auch grundlegende Strukturen und historische Entwicklungen in den Blick. Den Zugang zu komplexen Inhalten finden sie dabei immer über Bilder von Menschen und ihrer Umgebung. Die Themen der verschiedenen Bildserien reichen von Fragen nach Identität und Sicherheit, über Renationalisierung, Migration und Integration, bis hin zu einem grundsätzlichen Verständnis von Humanismus, Demokratie und Meinungsfreiheit. KONTINENT möchte fruchtbare Impulse für die gegenwärtige Debatte über Europa bieten und fragt unter anderem: Was verbindet uns? Wie leben wir zusammen? Wie wird sich unser Kontinent entwickeln, wie das Zusammenleben seiner Menschen? Und wer genau ist mit »Wir« gemeint, wenn von einem »Wir« in Europa die Rede ist?

An dem Buch beteiligt sind die Photograph*innen Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Sibylle Fendt, Johanna-Maria Fritz, Annette Hauschild, Harald Hauswald, Heinrich Holtgreve, Tobias Kruse, Ute Mahler, Werner Mahler, Dawin Meckel, Thomas Meyer, Frank Schinski, Jordis Antonia Schlösser, Ina Schoenenburg, Anne Schönharting, Linn Schröder, Stephanie Steinkopf, Mila Teshaieva, Heinrich Völkel, Maurice Weiss, Sebastian Wells und Sibylle Bergemann (1941–2010)

Trotz der schwierigen Zeiten mit Corona, an den wir uns nicht wirklich gewöhnen wollen, findet auch in diesem Jahr in Berlin der European Month of Photographie (01.-31.10), oder wie der Berliner sagt: der EMOP (emop-berlin.eu) statt

Zahlreiche Ausstellungen zeugen von der Lebendigkeit dieses Mediums. Die zentrale Ausstellung  findet in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, statt. Dort versammelt unter dem Titel: Kontinent - auf der Suche nach Europa, zeigt die Gruppe OSTKREUZ - Agentur der Fotografen eine thematisch angelegte Fotoshow die in einem Diskurs über Europa eröffnet und fotografisch neu diskutiert werden soll.

 

Erdpech
Photographien von Daniel Stemmrich

Herausgeber Gerhard Kurtz
Texte von Rolf Kania, Daniel Stemmrich
Deutsch,
Buchgestaltung Festeinband,
ca. 100 Seiten, ca. 80 Abbildungen in Schwarz-Weiß
Eigenverlag, Essen / 8,00 € zzgl. 4,00 € Porto (daniel@stemmrich.de und alle@projektraumfotographie.de)
ISBN 978-3-00-061664-8

Der Titel der Werkserie „Erdpech“ ist wie das gesamte Projekt vieldeutig. Vordergründig ist `Erdpech´ die Bezeichnung für Asphalt und der war und ist Grundlage der Autobahnen in Deutschland. Genau so sinnhaftig ist für die Autobahn aber auch das `Erdpech´ (Pech der Erde), die mit ihrem gewaltigen Landschaftsverbrauch unsere Alltagswelt/Umwelt nachhaltig verändert. Das Asphaltband (13.000 km) ist ein monumentales Bauwerk und zugleich Teil unserer kulturellen Identität und Geschichte, wie man täglich beim Fahren erleben kann. Tempolimit, Staus, LKW-Schlangen und Massenunfälle stellen die Zukunft der Mobilität und deren ökologische Schattenseiten in Frage. Besonders deutlich wird dieser Zwiespalt in dem Motiv „Velbert Hefel 1984“ deutlich.
Die Werkserie „Erdpech“ geht weit über eine Dokumentarphotographie hinaus, sie ist ein künstlerischer Ansatz mit einer subjektiven Perspektive auf eine Alltagsveränderung. Die Motive dieses Verkehrsphänomens sind besonders intensiv durch die vollständige Ausblendung des Verkehrs in den Photographien. Diese zeigen wie die Autobahn ganz real Schneisen in unsere Umwelt schlägt und die Wirkung ähnlich einer `Sturmschneise´ ist (einschneidende Veränderung). Standen sie einst für Modernität und Zukunftsorientierung wird heute der enorme Landschaftsverbrauch kritisch gesehen, was die Photographien eindrucksvoll wiedergeben.
Eindrucksvoll hat Daniel Stemmrich durch die thematische Fokussierung auf die beiden Autobahnabschnitte A 44 und A 52 die verschiedenen Aspekte herausgearbeitet und mit strenger Bildgestaltung exemplarische Bildmotive geschaffen, die alle Probleme der heutigen Verkehrsplanung implizieren. Der konzeptionelle Ansatz entstand dabei sicher mit der fortschreitenden Werkserie. Für den Betrachter entsteht so eine Ästhetisierung der Orte, die zur Reflexion der Thematik anregt. Die Photographien sind in ihrer ruhigen Bildauffassung der sprichwörtliche Gegensatz zur Lebendigkeit einer Baustelle und der späteren Verkehrswege

Eine interessante Neuerscheinung, die dazu anregt, über die Frage nachzudenken, welche identitätsstiftende Wirkung kann künstlerische Photographie in Bezug auf Verkehr Mobilität und ökologische Aspekte haben? Ein sehr empfehlenswertes Buch als Zeugnis für die klassische SW-Photographie, das zum Nachdenken über die Photographie und ihre künstlerischen Möglichkeiten anregt. (db)

 

Mathias Braschler und Monika Fischer
Divided we stand

160 Seiten mit 66 Abbildungen
Text von Andreas Ross
Statement von Monika Fischer und Mathias Braschler und
Statements von 82 Amerikanern
hartmann-books.com
ISBN 978-3-96070-048-7
39,00 €

Als Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, lebten die Schweizer Photographen Monika Fischer und Mathias Braschler in New York. Das Wahlergebnis verdeutlichte die tiefe Spaltung, die die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Gesellschaft durchzieht – eine wachsende Spaltung, die die progressiven und konservativen Kräfte, die städtischen und die ländlichen Gebiete, das “rote” Zentrum des Landes und die “blauen” Küsten weiter auseinander driften lässt. In seiner ersten Amtszeit trug Präsident Trump nicht dazu bei, diese Kluft zu verringern. Mit seinen rassistisch-hetzerischen, polemisierenden medialen Kampagnen hat sich die Situation weiter zugespitzt, insbesondere während der Covid19-Pandemie und den Unruhen im Mai/Juni 2020.

Trump ist jedoch nicht der Auslöser dieser Kluft. Seine Wahl kann als Folge interpretiert werden. Monika Fischer und Mathias Braschler beschlossen, einen Roadtrip durch die USA zu unternehmen, um Menschen aus allen Teilen des Landes und allen Teilen der Gesellschaft zu
treffen. Im April 2019 machten Sie sich von New York City aus, in einem zu einem kleinen Wohnmobil mit integriertem Popup-Photostudio ausgebauten Lieferwagen auf den Weg. In den folgenden Monaten fuhren sie 15.000 Meilen quer durch insgesamt 40 Staaten der USA. Sie
porträtierten, interviewten und filmten Amerikaner aus allen Bevölkerungsschichten mit sehr unterschiedlichen Meinungen über ihr Leben, Politik und ihr Land. Fabrikarbeiter, Landwirte, Verkäufer, Dienstleister, Investmentbanker, Politiker, Studenten, Teenager, Rentner, Väter und Mütter… alle Altersgruppen, Ethnien, Berufe, Geschlechter sind in diesem Photoprojekt vertreten, das die Zerrissenheit der Menschen und ihrer Nation aufzeigt, die 2020 vor einer entscheidenden Wahl stehen.

DIVIDED WE STAND vereint 82 Porträts von Bürgern der Vereinigten Staaten und ihre ehrlichen Meinungen und Ansichten. Braschler & Fischer waren bei diesem Projekt von berühmten Vorbildern inspiriert, haben aber ihre ganz eigene zeitgenössische Interpretation des
Porträtthemas geschaffen.

Mathias Braschler & Monika Fischer leben und arbeiten in der Schweiz und in New York. Sie haben sich auf die Dokumentation von Menschen aller Hintergründe und Kulturen spezialisiert. Wichtige Projekte waren “China”, “The Human Face of Climate Change“, “Act Now!“; Faces of Football“. Sie gewannen zahlreiche Preise, darunter einen World Press Photo Award. Ihre Arbeiten erschienen in großen internationalen Zeitschriften, wurden in zahlreichen Monographien veröffentlicht und in Galerien und Museen in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten ausgestellt.

Ausstellung: Stapferhaus, Fotofestival Lenzburg CH bis 25.10.2020

 

Tom Krausz
Aves | Vögel - Charakterköpfe

Texte: Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni, Dietmar Schmidt
176 Seiten, 90 Duplexabbildungen
Format: 20x26 cm, Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen
Hamburg, Dölling und Galitz Verlag
ISBN: 978-3-86218-133-9  
32,00 €

Die Faszination für Vogelgesichter war für den 1951 in Hamburg geborenen, durch viele Reportagen und Fernsehdokumentationen bekannten Photographen Tom Krausz der auschlaggebende Impuls, sich einem für ihn ganz neuen Thema zu widmen, dem Vogelporträt. Dazu musste er sich aber zunächst einmal ein neues Objektiv mit 400 mm Brennweite zulegen und lernen, die Vögel im richtigen Licht anzutreffen, um sehr kurze Belichtungszeiten zu ermöglichen – wie er in seinem einführenden Text „Auge in Auge“ berichtet. Auf Reisen in Neuseeland, auf den Galapagos-Inseln oder in Schottland, vor allem aber im Weltvogelpark Walsrode und im Vogelpark Niendorf, aber auch im eigenen Garten schaute er damit den Vögeln in die Augen.
Entstanden sind rund 60 sensible, durchweg schwarzweiße Vogelporträts. Die Tiere blicken den Leser, eingeteilt in neun Kapitel von Luftjäger über Aasfresser bis Bodensammler,  aus dem im Dölling und Galitz Verlag, München/Hamburg, erschienenen Buch „Aves / Vögel – Charakterköpfe“  an: Ob Andenkondor, Harpyie, Spatz oder Schuhschnabel – die Porträts in dem Bildband zeigen Vogelgesichter von großer Würde: Skeptisch, verletzlich, kämpferisch und merk-würdig im besten Sinne – sowohl exotische Arten, die oft nur noch in Tierparks zu erleben sind, als auch scheinbar vertraute Vögel. Ihre biologischen Merkmale werden jeweils in kurzen Texten, stichwortartig beginnend  mit den Merkmalen, dem Vorkommen und der Lebensweise, dargelegt.  
 
Der Literaturwissenschaftler Dietmar Schmidt erklärt den Begriff ‚Aves‘ als die traditionelle Bezeichnung für die Klasse der Wirbeltiere, die von den Vögeln gebildet wird, verweist auf das dominante Interesse an den exemplarischen Eigenschaften des jeweiligen Tiers und stellt in seinem, mit „Der erste und der letzte Blick“ betitelten Essay zu deren Physiognomie fest: „Die Photographien von Tom Krausz sind von einer eindrucksvollen ästhetischen Entscheidung geprägt: Sie sind in Schwarzweiß. Sie zeigen die Grauwerte von Farben, nicht ihre Buntheit.  Dies führt zu einer fühlbaren Konzentration.“

„Noch nie habe ich in so viele faszinierende Vogelgesichter geblickt wie in diesem Buch. Wir sehen sprechende Gesichter, Charakterköpfe: Rechtsanwälte, Mafiosi, Hausfrauen, Charmeure, Betrüger und Naive – wie im richtigen (Menschen-)Leben –, wir sehen den Punk und den strengen Gelehrten. Und wir begreifen die Individualität jedes einzelnen dieser Tiere wie die jedes einzelnen Menschen,“ schreibt die Journalistin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich unter der Überschrift „Sie sehen uns an . . .“ in ihrem, von dem Publizisten Urs Heinz Aerni ergänzten, humorvollen Text. (vZ)

 

Christian Borchert. Tektonik der Erinnerung
Photographien von Christian Borchert

Herausgeber Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Vorwort Bertram Kaschek
Texte von Bertram Kaschek, Peter Gehrisch
Deutsch, Englisch
Buchgestaltung Festeinband
496 Seiten, ca. 420 Abbildungen in Schwarz-Weiß
Spector Books, Leipzig
Buchhandel: 42,00 €, Museumspreis: 35,00 €
ISBN 978-3-95905-323-5

Dem Kunsthistoriker Bertram Kaschek ist zu verdanken, dass der Nachlass des Photographen Christian Borchert (1942-2000) in dem Buch „Tektonik der Erinnerung“ und zwei Ausstellungen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird. Christian Borchert hatte seit Mitte der 1950er Jahre in Dresden und Berlin im Stil des Bildjournalismus photographiert. Aus dieser Tätigkeit erhielt er 1977 den Auftrag für die Langzeitdokumentation des Wiederaufbaus der Dresdener Semperoper (-1985). Diese wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichte ihm mit dem Projekt „Künstler*innenporträts“ zu beginnen, welches die Abkehr vom Bildjournalismus bedeutete.

Seine nun narrative und poetische Bildsprache wird auch durch seine Freundschaft u.a. mit den Lyriker*innen Elke Erb (*1938) oder Richard Pietraß (*1946) angeregt. Das umfangreiche, systematisch angelegte Langzeitprojekt der „Familienporträts“ (1983-1985 und 1993-1994) ist in den ideologisch aufgeladenen 80er Jahren eine Möglichkeit unabhängiger künstlerischer Arbeitsweise, und doch eine zeitgeschichtliche Komponente haben. Aus heutiger Perspektive ist die 1977 begonnene „DDR-Sammlung“ ein besonderer Zeitblick aus künstlerischer Sichtweise. Seit Anfang der 1990er-Jahren erarbeitet Borchert die Werkserie „Tektonik der Erinnerung“ mit der er seine Geburtsstadt Dresden im Spiegel der jüngeren Geschichte „mit einem aufmerksamen, teilnehmenden, aber auch kritischen Blick“ auf die Alltagswirklichkeit zeigt.

Ein besonderer Aspekt bei diesem photographischen Archiv von circa 230.000 SW-Negative, zumeist mit Kontaktbögen, etwa 5.500 Farbdiapositive, und circa 20.000 Arbeitsabzügen und 4.000 Vergrößerungen für Ausstellungen ist, dass bereits der Photograph eine systematische und umfangreiche Katalogisierung seiner Werkserien erstellt hat. Sein Archiv war keine Ablage erledigter Arbeiten sondern ein „gepflegtes, kommentiertes und benutztes Arbeitsinstrument.“ So war die Erschließung des Nachlasses von Christian Borchert durch Aufteilung des Freundes,Verlegers und Photographen Hansgert Lambers auf die Institutionen Berlinische Galerie (Ulrich Domröse), dem Dresdner Kupferstich-Kabinett (Hans-Ulrich Lehmann) und den damaligen Leiter der Deutschen Fotothek (Wolfgang Hesse, Dresden) sehr effektiv. Das komplette Arbeitsarchiv mit Negativen, Kontaktbögen und kleinen Abzügen samt dazugehörigen Karteien und Materialien gelangte an die Deutsche Fotothek in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden.

Das Buch ist eine wichtige Neuerscheinung, da es stilistisch einen bedeutenden Photographen vorstellt und zugleich dazu anregt, über die aktuelle Frage nachzudenken, welche identitätsstiftende Wirkung künstlerische Photographie in Verbindung mit Zeitgeschichte haben kann. Ein sehr empfehlenswertes Buch als Dokument einer Zeitepoche deutscher Geschichte aber auch für die klassische SW-Photographie.
Mit diesem Buch und den Ausstellungen wird das photographische Werk von Christian Borchert aus dem Archivdasein herausgeholt und es ist ein bedeutender Beitrag zur 30. Wiederkehr der Deutschen Einheit. Das Buch ermöglicht einen interkulturellen Austausch zwischen Ost und West, damit wird auch das Interesse von Sammlern der Photographie geweckt. (db)

 

Matt Eich
The Seven Cities

136 Seiten, inkl.16-seitiges Booklet
mit einem Essay von Seth Feman und
Gedichten von Tim Seibles und Stevie Smith
Design Konzept: Deb Pang Davis/Cococello
Designer: Bill Marr
Format: 24.5 x 25 cm
Hardcover, Leinendruck mit Prägung
Sturm & Drang Publishers 2020
ISBN 978-3-906822-33-4
59,00 SFC

"Der Fotoband ’Seven Cities’ des Hartford School Absolventen ist ein stilles Buch, das sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick erschließt. Es handelt von den subjektiven Gefühlen und Gedanken des Photographen  nach seiner Rückkehr in seine Heimat. Warum ist er mit seiner eigenen, neu gegründeten Familie an einen Ort heim gekehrt, der infolge der globalen klimatischen Veränderungen in 20 oder auch erst 50 Jahren  buchstäblich dem Untergang geweiht ist?

’Seven Cities’ ist der dritte Band einer auf vier Bände angelegten Photobuchreihe des PHotografen. Wie in den bisherigen Bänden über Ohio und Mississippi schöpft er dabei aus Photomaterial, das er seit 14 Jahren gesammelt hat. Im Anhang sind die Jahreszahlen und die sieben Orte gerannt, wo die Aufnahmen entstanden sind.

Da es in Matt EICHs Langzeitprojekten stets um Erinnerungen, die Familie sowie die US-Amerikanische Gesellschaft, ergänzen sich die zwischen 2005 und 2019 gemachten Photographien problemlos zu einer stimmigen Geschichte. Für die Erzählung seiner Story ist eine chronologisch angeordnete Aufeinanderfolge unerheblich. Die zumeist im Querformat, oft über zwei Seiten angelegten Farbaufnahmen bilden hauptsächlich Menschen ab, die in Alltagshandlungen doch seltsam entrückt sind. Der Eindruck entsteht, da sie so gut wie nie direkt in die Kamera blicken. Immer wieder geben die Aufnahmen Hinweise, die dem Betrachter dabei helfen, die Bilder in eine Küstengegend verorten. In diese Alltagsszenen sind Photos der eigenen Familie eingestreut. Aus dieser Mischung entsteht bei der Betrachtung eine persönliche Bindung zum inneren Familienzirkel und man wird Teil der Geschichte, Teil des wohl möglich unabwendbaren Familienschicksals.

Der Band ‚Seven Cities‘ ist wie eine Mischung aus Todd HIDO (wegen der stillen Distanz), Martin PARR (wegen seiner Beobachtung der landestypischen Lebensart), sowie Thekla EHLING (wegen der familiären Bezüge). Diese spannende Mischung macht den Reiz des Buches aus und weckt Interesse am letzten Band der Serie, der jedoch erst 2021 erscheinen soll.“ (© Richard G. SPORLEDER, 2020)

 

Es wird einmal gewesen sein
Photographien von Martin Rosswog

Zeichnungen von Jutta Dunkel
Herausgeber Kunstmuseum Villa Zanders
Vorwort Petra Oelschlägel
Texte von Nora Riediger
Deutsch
Buchgestaltung Broschur
64 Seiten, ca. 50 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiß
Kettler Verlag, Bönen
ISBN 978-3-939227-43-4
14,00 €
Ausstellung in der Reihe Ortstermin bis 22.11.2020 im Kunstmuseum Villa Zanders (Bergisch-Gladbach)

Das Begleitbuch zur Ausstellung zeigt sehr eindrücklich wie auch aktuelle Themen mit unterschiedlichen „künstlerischen Medien“ und Arbeitsweisen umgesetzt werden. Hier sind es die Photographien von Martin Rosswog und die Zeichnungen von Jutta Dunkel, die sich mit der Darstellung von Zeit und Vergänglichkeit auseinandersetzen. Die Publikation und Ausstellung erweitern die Ausstellungsreihe „Ortstermin“ der Villa ZANDERS mit den sachlich-dokumentarischen Photographien von Martin Rosswog (*1950 in Bergisch Gladbach) und den ausdrucksstarken Buntstiftzeichnungen von Jutta Dunkel (*1958 in Neuss). Dabei ist der Titel eher irreführend, denn beide künstlerische Positionen geben das „eigentlich Zeitlose“ in unserem Leben wieder. So gab es Ortssituationen wie in Rosswogs Photographien schon vor 100 Jahren, wir kennen sie aus unserer Kindheit und es wir sie auch morgen noch geben. Beide Künstler dokumentieren unsere kollektive Erinnerung, die immer in der eigenen Jugend beginnt, hier in Bergisch Gladbach.

Martin Rosswog hat sich in mehreren photographischen Langzeitprojekten mit den Dingen und Orten auseinandergesetzt, die in Alltagssituationen, in Innen-, Außen- und Siedlungsräumen sichtbar werden. So u.a. in der Serie „Roma-Siedlung in Siebenbürgen“ und der Neubausiedlung „Dortmunder Phoenixsee.“ Ein besonderer Schwerpunkt dabei ist die Dokumentation von 30 Bergisch-Gladbacher Urgesteinen der Nachkriegszeit (u.a. Katharina Schmitter, Ludwig Krämer, Franz Potthoff und Margarethe Zanders), die er in den 1980er Jahren in ihrem Lebensalltag portraitierte. Aus der Motivreihe „Bergische und Oberbergische Interieurs“ ist die Werkserie `Heritage´ entstanden, die sich den traditionellen Wohngebäuden in ländlichen Gegenden Europas widmet. Diese Verknüpfung von vertrauten Menschen und Orten und kollektiven Erinnerungen definiert den Begriff „Heimat“.
Die Zeichnerin Jutta Dunkel hat einen anderen thematischen Zugang sie fixiert in ihren Buntstiftzeichnungen flüchtige Momente aus dem Alltagsleben z.B. aufgeschnittener Früchte aus der Serie Polymorph, an denen schon die Spuren des organischen Verfalls sichtbar werden, so entstehen ambivalente Aussagen aus der Abstraktion der Zeichnungen und extremen Bildausschnitten, die eine neue Sicht auf die Dinge ergeben. In der Werkserie „Heimkehr“ sind es vertraute Anblicke von Ortserfahrungen, die reflektiert werden.

Beide Künstler beschäftigten sich mit einer vergegenwärtigten Vergänglichkeit. Und stellen so die Frage nach dem Sinn, dem Nutzen von Erinnerung für das Leben. Der Katalog zu der Ausstellung stellt eine stilistisch interessante Auseinandersetzung mit dem Begriff Vergänglichkeit dar und regt dazu an, über den medialen Tellerrand zu schauen und Photographie und Zeichnung als verschiedene Arten der gleichen Auseinandersetzung zu erkennen. Mit diesem Buch wird der vielbeschworene Anspruch, dass Kunst neue Perspektiven schafft und einen interkulturellen Austausch ermöglicht, eindrucksvoll umgesetzt. (db)

 

Sonja Trabandt
Übermorgen Schnee

Texte: Sonja Trabandt, anonym
Deutsch/Englisch
Design: Sonja Trabandt
20 × 25 cm, 136 Seiten
ca. 60 Abbildungen
Hardcover mit eingeklebtem Bild
Hartmann Books, Stuttgart
ISBN 978-3-96070-053-1
28,00 €

Eine Geschichte über Krebs, Depression und Freundschaft
Jedes Jahr erkranken rund 500.000 Menschen in Deutschland an Krebs. Fast die Hälfte der Erkrankten sterben daran und die Diagnose ist für jeden Menschen, trotz aller medizinischen Fortschritte, immer noch extrem traumatisch besetzt.
In „Übermorgen Schnee“ begleitet die Fotografin Sonja Trabandt ihre Freundin A. durch deren Krebserkrankung. Sie nähert sich der Krankheit in einer einfühlsamen und dokumentarisch visuellen Erzählweise wenn sie Ihre Freundin A von der Diagnose, über sämtliche Phasen des Krankheitsverlaufes und den damit einhergehenden Empfindungen begleitet.

Die Ängste vor der Behandlung, Existenzsorgen, aufkeimende Hoffnung, und der einschneidende Moment von Haarverlust und Weiblichkeit – die Erzählung ist auf mehreren Ebenen lesbar. Die Bewältigung des Alltags steht neben Empfindungen wie Angst, Euphorie, Trauer und der sich der Krebsbehandlung anschließenden Depression. Die fotografischen Blickwinkel reichen dabei von analytisch inszenierten Bildern bis zu emotionalen Zustandsbeschreibungen. Die Bilder von Sonja Trabandt ermöglichen es dem Betrachter, sich mit dem Thema Krebs vertraut zu machen, ohne Schock- und Angstmomente genauer hinzusehen und sich mit der Krankheit vielschichtig auseinanderzusetzen. (hartmann books)


Berlin 1945–2000 als fotografisches Motiv
Hrsg: Reinbeckhallen Berlin
Essay von Candice M. Hamelin
Deutsch/Englisch
Gestaltung: 75 W/T.S.Wendelstein, Berlin
Leinen mit Banderole
24 × 28 cm
144 Seiten, ca. 100 Abbildungen
Hartmann books, Stuttgart
ISBN 978-396070-049-4
38,00 €


Berlin 1945 – 2000 als fotografisches Motiv untersucht, wie deutsche ebenso wie internationale Fotografen und Fotografinnen Berlin zwischen der unmittelbaren Nachkriegszeit und dem Ende des 20. Jahrhunderts gesehen haben. Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Candice M. Hamelin wählte dafür exemplarische Arbeiten von über zwanzig Fotografen und Fotografinnen aus. Der Ausstellungskatalog – der begleitend zu einer großen Ausstellung der Reinbeckhallen, Berlin erscheint – beginnt mit Schwarzweißaufnahmen des in Trümmern liegenden Berlins und endet mit Bildern städtebaulicher Projekte der Nachwendezeit, die häufig in Farbe und mit bis zu mehrere Jahre langen Belichtungszeiten aufgenommen wurden. Zwischen diesen beiden Abschnitten finden sich Aufnahmen, die den Genres der Street-, Architektur-, Porträt- sowie der subjektiven, konzeptuellen und experimentellen Fotografie angehören. Im Dialog miteinander veranschaulichen die Bilder dieses Buches und der Ausstellung die gewaltigen sozialen, politischen und kulturellen Veränderungen, die die Stadt durchgemacht hat, ebenso wie die vielfältige fotografischen Praktiken und Tendenzen, die in Berlin im Verlauf von fünfundfünfzig Jahren entwickelt wurden.


Die 23 beteiligen Photograph*innen sind: Wilfried Bauer, Sibylle Bergemann, Kurt Buchwald, Gundula Schulze-Eldowy, Arno Fischer, Nan Goldin, Herbert Hensky, Max Jacoby, Karl-Ludwig Lange, Will McBride, Rudi Meisel, Roger Melis, Evelyn Richter, Andreas Rost, Michael Schmidt, Maria Sewcz, Michael Wesely, Anno Wilms, Ulrich Wüst, Werner Zellien, Harf Zimmermann und Miron Zownir. (Hartmann books)

Ausstellung: Reinbeckhallen, Berlin, September – November 2020