Thomas Berndt

Thomas Berndt erhielt für seine Arbeit "Diesseits und jenseits der Grenze" den Otto-Steinert-Preis 1983.

Diesseits und jenseits der Grenze

Im Jahr 1983 verzeichnete die Jury eine hohe Anzahl von Einsendungen rnit zeit- und sozialkritischen Themen, während "reine Text-Bild-Geschichten", wie noch vier Jahre zuvor bei Hermann Stamm eine prämiert worden war, in wesentlich geringerem Umfang eingereicht wurden. Als ein ewig kritisches und diffiziles Thema erwies sich seit dem Bau der Mauer die Existenz von zwei deutschen Staaten. Auch 1983 konnte noch niemand ahnen was sechs Jahre später passieren würde. Dementsprechend bewertete die Jury Thomas Berndts langjährige Beschäftigung mit den Auswirkungen und Ausprägungen der deutsch-deutschen Teilung als einen "Beitrag zur Information und zur Verständigung ".

Das beides vonnöten sei, meinte auch Thomas Berndt. Von dem alltäglichen schizophrenen Dasein beider Staaten bewegt, beschäftigte er sich anfänglich mit der Dokumentation der deutsch-deutschen Landesgrenze, die er innerhalb eines halben Jahres bewanderte und dabei fotografierte. Da 1983 der Otto-Steinert-Preis zum ersten Mal als Stipendium vergeben wurde, wählte die Jury zwar anhand dieser Fotografien den Preisträger aus, prämierte ihn letztlich aber für sein Vorhaben, das alltägliche Leben in VVest- und in Ost-Deutschland, zu dokumentieren. Es sollten hierbei sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten der Erscheinungsbilder beider Staaten herausgearbeitet werden. Letztlich sind es jedoch gerade die "Ähnlichkeiten im Alltagsleben, die trotz aller politischen und wirtschaftlichen Unterschiede existierten", die Berndt in seinen Aufnahmen akzentuierte. Jenseits von Plattenbauten, Erich Honecker und den Feiern zum 1. Mai, machte Berndt auf seinen Reisen die Erfahrung, daß das gesellschaftliche Alltagsleben der Ostdeutschen weitgehend dem im Westen glich. VVo sich alte Männer auf der Straße unterhalten oder ein Familienausflug ins Grüne gezeigt wird, gleicht der Versuch, die Fotos einem der beiden Staaten zuzuordnen, einem Vabanquespiel.

Obwohl Berndt versuchte, "den einen Pol VVestdeutschland durch den Gegenpol Ostdeutschland zu leben - und umgekehrt", empfand er die Trennung als künstlich und fühlt sich hüben wie drüben als Fremder im eigenen Land. Mittlerweile kann er den Osten Deutschlands ohne Einreisegenehmigung und Tarnung aus der "James-Bond-Trickkiste" als "volkseigener" Reporter mit Parka, Turnschuh und Praktika-Kamera bereisen. Es erscheint ihm aber immer noch wie ein VVunder, daß die Mauer ohne Einsatz von Gewalt eingerissen wurde. Da müßten, wie er meint "schützende Kräfte von oben ihre Hände mit im Spiel gehabt haben". (s.b.)