Stefan Dolfen

Stefan Dolfen erhielt für seine Arbeit "Ernestine K. " den Otto-Steinert-Preis 1989.

Mit Stefan Dolfen fiel die Wahl auf einen Fotokünstler, der die Thematik von Alter, Krankheit, Sterben und Tod in scheinbar unspektakulären Bestandsaufnahmen umsetzt, immer auch mit Gespür für die sensible Stärke seines Gegenübers.

Ursprünglich plante Dolfen eine Dokumentation zur deutschen Hospizbewegung. Seit ihrer Gründung 1967 in England widmet sich diese Institution der caritativen Fürsorge in menschlichen Grenzsituationen, versucht Antworten auf die Herausforderung einer inhuman gewordenen Gesellschaft zu geben, für die Alter, unheilbare Krankheit und Tod zu Tabus geworden sind, die den Funktionskreis des normalen Alltagslebens nur bedrohen würden. Der Hospiz Gedanke zielt zunächst auf Fürsorge rund um ein menschenwürdiges Leben und Sterben, bezieht sich gleichermaßen auf den Kranken und Sterbenden wie die vorn Ableben, Leiden und Schmerz mitbetroffenen Angehörigen, Partner und Freunde. Die Hospizbewegung macht den anonymisierten Tod des Einzelnen als gemeinschaftliches Ereignis aller Betroffenen erfahrbar.

In dem Projekt "Ernestine K.", für das sich der Künstler in der Folge entschied, hat Dolfen den caritativen Gedanken der einfühlsamen fotografischen Reintegration Ausgegrenzter beibehalten und in konfrontativen Großaufnahmen konsequent umgesetzt. Die Bilder der von epileptischen Anfällen gezeichneten Frauen halten Momente der De- und Resubjektivierung fest: Augenblicke schwermütigen Sinnierens, Phasen der schlummernden Dekonzentration, die angespannte Mimik und Gestik des verbissenen Kampfes zwischen Stagnation und Hoffnung, Abwesenh und Innewerden kennzeichnen Dolfens Intention, der An strengung des Individuums, sich trotz alledem als Subjekt zu behaupten, eine fotografische Gestaltung voller Empa thie zu verschaffen. Ungewohnt subjektiv kommunizierende Blickwinkel, Unter- und Aufperspektiven halten die Stationen des Leidens und Mitleidens, des Sichaufbäume und Fallenlassens fest. Fotografie und Epilepsie treten in einen skurril-humanen Dialog, den Ernestine K. in ihren Briefen voller Gespür erfaßt: "Muß doch manchmal langweilig sein, nur zu warten, bis man abdrucken kann, auf den Auslöser meine ich. Haben Sie schlechte Laune, wen die Bilder nicht so werden wie Sie wollen? ... Auf wessen Seite stehen Sie eigentlich, Herr Fotograf?" (p.b.)